All die Dinge, die sie einmal gesagt haben

Gegen das Vergessen: Eine Gruppe britischer Brexit-Gegner sammelt Brexiteer-Zitate – und stellt sie auf riesigen Reklametafeln aus.

Eine zwei Jahre alte Aussage, neu belebt: Theresa-May-Zitat in Highbury, im Norden Londons.

Eine zwei Jahre alte Aussage, neu belebt: Theresa-May-Zitat in Highbury, im Norden Londons.

(Bild: @ByDonkeys)

Peter Nonnenmacher@tagesanzeiger

Wer sagte das? «Ich bin der festen Überzeugung, dass es in unserem nationalen Interesse liegt, Mitglied der Europäischen Union zu bleiben.» Nun – es war Theresa May, im April 2016, zwei Monate vor dem EU-Referendum im Vereinigten Königreich.

Wenige Wochen später, als sie in Downing Street einzog, hatte die neue Premierministerin ihre «feste Überzeugung» schon vergessen. Seither liegt im «nationalen Interesse», dass Grossbritannien sich von der EU radikal abkoppelt, allen freien Zuzug vom Kontinent beendet und den Nachbarn den Rücken kehrt.

Und wer äusserte diese Worte: «Ich würde dafür stimmen, dass wir im Binnenmarkt bleiben. Ich bin für den europäischen Binnenmarkt.» Das war Boris Johnson, noch vor wenigen Jahren. Heute wäre ein Verbleib im Binnenmarkt für «Boris» geradezu ein Verbrechen. Ab in den Atlantik soll es gehen. Nur weg von der EU.

Kurios, wie schnell Meinungen, die an einem Tag noch als unverrückbar gelten, am nächsten Tag keinen Wert mehr haben. Wie schnell dem Vergessen anheimfällt, was jemand wie Johnson der Nation einmal schwor.

Über Bord geworfener verbaler Ballast

Das fanden jüngst auch vier Freunde aus London und Bristol, die an einem gemeinsamen Pub-Abend den Plan fassten, rasch über Bord geworfenen verbalen Ballast dieser Art wieder ans Tageslicht zu heben. Die aufgemöbelte Runde war «die Heuchelei so leid», dass sie beschloss, etwas dagegen zu tun.

Erst einmal sammelten die vier halbvergessene Brexiteer-Zitate. Dann liessen sie ein paar Grosswandplakate drucken, kauften Kleister, Pinsel und eine Leiter und klebten, anfangs ohne Erlaubnis, «die grössten Brexit-Lügen» im Morgengrauen auf Reklametafeln hier und da im Land.

Plötzlich stiessen überraschte Zeitgenossen statt auf die gewohnte Unterwäschewerbung an Hauswänden auf all das, was ihre Politiker ihnen einmal weisgemacht hatten. Zum Beispiel hatte der konservative Europaabgeordnete Daniel Hannan, einer der schärfsten EU-Gegner, im Jahr vorm Referendum noch beteuert: «Absolut niemand spricht doch davon, dass unser Platz im Binnenmarkt gefährdet werden soll.»

Michael Gove, zusammen mit Johnson seinerzeit Referendums-Chefstratege und heute Umweltminister mit Hoffnung auf die May-Nachfolge, sagte im April 2016: «Am Tag, nachdem wir für den Austritt gestimmt haben, halten wir alle Karten in der Hand und können jeden Pfad wählen, der uns gefällt.»

David Davis, kein sonderlich heller Kopf, den May zum Brexit-Minister ernannte, versicherte im Herbst nach dem Referendum: «Beim Brexit wird es keine Schattenseite, sondern nur Positives geben.»

Sein Kollege für Aussenhandel, Liam Fox, hatte keinen Zweifel: «Das Freihandelsabkommen, das wir mit der EU vereinbaren werden, wird eins der am leichtesten auszuhandelnden der ganzen Menschheitsgeschichte sein.»

Dass Brüssel sich widersetzen würde, war nicht vorgesehen.

Den «Deal», den sie wollten, planten die Brexiteers der EU zu diktieren. Dass Brüssel sich manchem widersetzen würde, war nicht vorgesehen. Als Aussenminister erklärte Boris Johnson im Sommer 2017, Pläne für einen «No Deal»-Brexit seien ganz überflüssig, «weil wir einen fantastischen Deal erzielen werden». Ein Jahr später stürmte er aus dem Kabinett, weil der real verfügbare Deal ihm «wie ein Haufen Hundekacke» vorkam.

Heute will Johnson, der früher nicht ohne EU-Binnenmarkt glaubte leben zu können, unbedingt jenen «No Deal»-Austritt er zwingen, den in die Planung einzubeziehen er damals nicht für nötig hielt – und für den das Königreich längst nicht ausreichend gewappnet ist.

Beachtung, Beifall – und finanzielle Unterstützung

Je mehr Zitate dieser Art das Billboard-Grüppchen ausgrub und neu ins öffentliche Bewusstsein rückte, desto mehr Beachtung und Beifall erntete es – zumindest bei Brexit-Gegnern. Seit einigen Wochen fliessen den Urhebern der Aktion durch Crowdfunding Gelder zu, was ihnen jetzt eine ganz legale Inanspruchnahme von Reklametafeln erlaubt.

Dennoch haben sie ihre Identität, nach Banksy-Art, immer lieber für sich behalten. Bekannt ist von ihnen nur, dass sie Ende dreissig bis Mitte vierzig und allesamt Väter kleiner Kinder sind, denen sie den Brexit ganz gern ersparen würden. Und dass sie im «wirklichen Leben» für karitative Organisationen tätig sind.

«Wir sind nicht so eingebildet zu glauben, dass vier Väter mit einer Leiter beim Brexit eine Wende herbeiführen können», haben sie dem Londoner «Guardian» jüngst anvertraut. «Aber wenn wir diesen Leuten – die immer wieder mit dem gleichen verlogenen Mist antanzen, weil sie glauben, dass es niemand merkt – die Sache auch nur ein bisschen schwerer machen können, dann ist das schon ein Erfolg.»

Led By Donkeys, geführt von Eseln, haben sie ihre Aktion getauft, in Erinnerung an die britischen Soldaten des Ersten Weltkriegs, die von ihren Generälen «ins Verderben geführt» wurden, eben «wie Löwen von Eseln». Eine Parallele gibt es für sie da schon: «Wir ziehen diesem Abgrund entgegen, und niemand sagt: Halt mal, was ist hier eigentlich los? Was passiert denn da?»

Zuletzt haben sie sich der weitläufigen Brexiteer-Empörung über den Vorschlag eines neuen Referendums angenommen. Einige der Hardliner, die heute am lautesten von «Verrat» schreien, haben auch in diesem Punkt schon mal anders argumentiert in der Vergangenheit.

Nigel Farage, der frühere Ukip-Chef, hatte noch unmittelbar vorm Referendum von 2016 erklärt, dass «die Sache mit einem 52-zu-48-Prozent-Resultat keineswegs abgehakt wäre», sondern womöglich «ein zweites Referendum» nötig werden könnte. Das sagte Farage, solange er sich auf der Verliererseite sah.

Auch Jacob Rees-Mogg, Anführer der rechten Tory-Hinterbänkler, hatte vor der Ausschreibung des ursprünglichen Referendums einmal sinniert: «Wir könnten zwei Volksabstimmungen haben. Tatsächlich würde es mehr Sinn machen, ein zweites Referendum abzuhalten, sobald die Verhandlungen abgeschlossen sind.»

Und David Davis hatte lauthals verkündet: «Wenn eine Demokratie sich nicht neu besinnen, es sich nicht anders überlegen kann, dann hört sie auf, eine Demokratie zu sein.» Daran, dass er das einmal gesagt hat, will Davis heute lieber nicht erinnert werden. Schon gar nicht auf Werbetafeln überall im Land.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt