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«Was ist, wenn sie auf den falschen Knopf drücken?»

Während es in Fukushima brennt, wird in Finnland ein Atomkraftwerk der neusten Generation gebaut. Das einstige Prestigeprojekt droht zur Hypothek zu werden.

Während die Welt gebannt auf die Reaktorkatastrophe in Japan schaut, entsteht auf der anderen Seite der Erde in Finnland ein Atomkraftwerk der dritten Generation. In diesem Europäischen Druckwasserreaktor (EPR) wäre nach Überzeugung des Herstellers ein Unglück wie in Japan nicht möglich - und das nicht nur, weil Finnland kein Erdbebengebiet ist.

Bei EPR sind Notsysteme wie Dieselgeneratoren in separaten Gebäuden untergebracht, um sie bei einem Unglück im eigentlichen Reaktorgebäude zu schützen. Zudem muss die Anlage Strom aus externer Quelle, etwa aus dem normalen Stromnetz, beziehen können.

Der Reaktor soll einen Flugzeugabsturz aushalten

Der 1600-Megawatt-Reaktor in Olkiluoto, gut 300 Kilometer nordwestlich von Helsinki, soll mit einiger Verspätung 2013 ans Netz gehen. Der von dem französischen Staatskonzern Areva in Zusammenarbeit mit Siemens gebaute EPR wäre damit der erste seiner Art, der nach dem Unglück in Fukushima in Betrieb genommen wird.

Er soll einen Flugzeugabsturz aushalten, der extremen Winterkälte trotzen und weist eine Reihe weiterer neuer Sicherheitssysteme auf. «Wir haben so viele Backup-Systeme, dass ein Unfall wie in Japan nicht passieren könnte», beteuerte Projektleiter Jouni Silvennoinen.

«Schiere Überheblichkeit»

Zu behaupten, dass moderne Reaktoren wie der EPR heil geblieben wären, ist für Mycle Schneider «schiere Überheblichkeit»: «Man kann heute unmöglich sagen, dass irgendein Kraftwerk auf der Welt überstanden hätte, was in Japan passiert ist», sagte der international tätige Berater im Bereich Energie und Atompolitik.

Technischer Fortschritt und grössere Vorsichtsmassnahmen machten moderne Reaktoren sicherer, argumentiert die Branche. In Olkiluoto stehen vier grosse Dieselgeneratoren für den Fall bereit, dass der Anschluss ans Stromnetz scheitert. Fallen auch sie aus, springen zwei kleinere Dieselgeneratoren ein. Klappt auch das nicht, kann der ERP an die Notstromsysteme zweier älterer Reaktoren am gleichen Standort angeschlossen werden.

Darüber hinaus sollen neue «Schutzbarrieren» das Entweichen von Radioaktivität in die Umgebung verhindern. Dazu zählt die Ummantelung der Brennstäbe in dicken Metallbehältern und eine doppelte Hülle um das Reaktorgebäude. Nur 200 Meter vom Meer entfernt steht das AKW Olkiluoto so erhöht, dass es einer Sturmflut von 3,5 Metern Höhe standhält.

Verzögerungen beim Bau

Das Flaggschiff der neuen Atommeiler hatte allerdings seit Baubeginn 2005 auch mit Schwierigkeiten wie Materialfehlern und Planungsproblemen zu kämpfen und hinkt inzwischen vier Jahre hinter den Zeitplan her. Im nächsten Ort Eurajoki mit rund 6000 Einwohnern wurde das Projekt begrüsst. Es schuf 4000 Arbeitsplätze, wenn auch 70 Prozent an Auswärtige gingen.

Der Anwohner Teijo Jantunen räumte ein, dass ihm das Unglück in Fukushima zu denken gegeben habe. «Aber ich mache mir eigentlich keine Sorgen. Ich bin zuversichtlich, dass es ein gutes Kraftwerk wird», sagte der 57-Jährige. «Ich vertraue ihnen trotz allem.»

Leo Mantymaki, ebenfalls in der Nähe zuhause, weiss nicht recht, was er davon halten soll. «Die sagen uns, ein Unfall wie in Japan könnte hier nicht passieren. Aber ich bin da nicht so sicher», sagte der Rentner. «Was ist, wenn sie auf den falschen Knopf drücken?»

Gegner gestärkt

Seit Jahren formiert sich in Finnland auch Widerstand gegen den atomfreundlichen Kurs der Regierung – und die Zusammenarbeit mit ausländischen Grosskonzernen. Der französische Konzern Areva etwa zieht seit längerer Zeit den Missmut der Landbevölkerung auf sich, weil er in Finnland nach Uran suchen will. Greenpeace hat mehrmals das Baugelände in Olkiluoto gestürmt.

Nach der Katastrophe in Fukushima dürfte auch die atomfreundliche finnische Regierung nicht weitermachen wie bisher. Sie hat inzwischen bereits eine Überprüfung der vier bisherigen Atomkraftwerke angeordnet.

SDA/oku

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