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«Mittlerweile darf man ruhig von Liquidatoren reden»

Florian Kasser, Atomexperte von Greenpeace, erklärt, warum die Organisation eigene Spezialisten nach Japan geschickt hat. Und warum er glaubt, dass die japanischen AKW-Arbeiter komplett überfordert sind.

Neu veröffentlichte Bilder zeigen am 17. März die Zerstörung im Atomkraftwerk Fukushima I: Der stark beschädigte Reaktor 4.
Neu veröffentlichte Bilder zeigen am 17. März die Zerstörung im Atomkraftwerk Fukushima I: Der stark beschädigte Reaktor 4.
Tepco, Keystone
Aus Reaktor 3 steigt Rauch auf (17. März).
Aus Reaktor 3 steigt Rauch auf (17. März).
Tepco, Keystone
Reaktor 3 (vorne) und 4 (hinten) am 17. März.
Reaktor 3 (vorne) und 4 (hinten) am 17. März.
Tepco, Keystone
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Herr Kasser, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie sehen, wie die Arbeiter im AKW Fukushima mit Sandsäcken gegen radioaktives Wasser kämpfen? Diese Bilder machen mich traurig, da fühlt man sich hilflos. Das zeigt, wie katastrophal die Situation ist. Und es macht deutlich, dass die japanischen AKW-Betreiber komplett überfordert sind mit dem schweren Zwischenfall. Wir werden uns an solche Bilder gewöhnen müssen. So dürfte es noch ein paar Wochen weitergehen.

Wie schätzen Sie die Belastungen für die Umwelt ein. Ich bin sprachlos. Ich habe zwar damit gerechnet, dass der Boden beim AKW mit Plutonium verseucht sein wird. Jetzt kann man nur hoffen, dass die schlimmsten Verschmutzungen auf das Gelände von Fukushima I beschränkt bleiben.

Wie steht es um das Meerwasser? Auch hier ist die Lage kritisch. Ganze Küstengebiete werden auf Jahre hinaus radioaktiv verseucht bleiben. Das Gift tritt in die Nahrungskette ein.

Würden Sie heute noch japanischen Fisch essen? Nein, davon rate ich ab, bis wir mehr über den Grad der Verschmutzung wissen. Der einzige, kleine Vorteil: Der Pazifik ist sehr gross, das verseuchte Wasser wird sich verdünnen.

AKW-Arbeiter werden offenbar mit ungenügender Ausrüstung in die Reaktoren geschickt. Mittlerweile darf man bei den Männern ruhig von Liquidatoren reden, wie sie auch in Tschernobyl im Einsatz standen. Ich sehe nicht ein, warum sie nicht besser ausgerüstet sind. Schliesslich leisten sie eine enorme Arbeit und opfern sich für ihr Land.

Experten streiten über die Evakuierungszone rund um Fukushima. Halten Sie die 20 Kilometer für genügend? Nein, das ist viel zu wenig. Selbst 40 Kilometer vom Reaktor weg ist die Strahlung teilweise massiv über dem Grenzwert. Diese Gebiete müssen sofort evakuiert werden. Vor allem Schwangere und Kleinkinder sollten Orte mit erhöhter Strahlung umgehend verlassen.

Warum beharrt Japan auf den 20 Kilometern Sperrzone? Das weiss ich nicht. Man darf aber nicht vergessen, dass das Ganze eine enorme logistische Herausforderung ist. Für zwei Millionen Menschen müsste eine Notunterkunft bereitgestellt werden.

Was machen die Greenpeace-Experten, die vor Ort sind? Wir haben ein halbes Dutzend Atom-Fachleute in Japan. Sie sind bestens ausgebildet und ausgerüstet und nehmen unabhängige Messungen im Umkreis von 40 Kilometern von Fukushima I vor. Sie bewegen sich aber nicht in der Sperrzone. Sie arbeiten ohne Auftrag einer Regierung oder Atombehörde und sind unabhängig. Unmittelbar nach dem Zwischenfall haben wir entschieden, eigene Leute nach Japan zu schicken.

Trauen Sie den offiziellen Messungen nicht? Es ist ein Witz, wie die Internationale Energiebehörde IAEA informiert. Die wissen mit Sicherheit mehr, als sie sagen. Die Glaubwürdigkeit der Energiebehörde ist zerstört. Da macht es Sinn, wenn Greenpeace mit eigenen Fachleuten vor Ort ist. Wir können uns zudem auf ein Netzwerk von Experten abstützen und tauschen Daten und Einschätzungen aus. Zudem haben wir Informanten, die uns über die Messungen der Regierung informieren.

Zurück zum zerstörten AKW Fukushima I. Wie weiter? Beim Reaktor 3, da kann man wohl nichts mehr machen. Den sollte man mit Beton und Sand zuschütten. Das scheint mir die beste Lösung in einer schlimmen Situation.

Dann kann nichts mehr passieren? Man kann so wenigstens den Austritt von Radioaktivität eindämmen. Die Kernschmelze im zugeschütteten Reaktorinnern geht aber dennoch weiter. Und solange sie nicht gestoppt wird, kann es immer wieder zu Explosionen kommen.

Das tönt nicht gerade zuversichtlich. Nein, man kann nur hoffen, dass sich die Brennstäbe von selbst abkühlen. Ich sehe keinen Weg, die Kernschmelze einzudämmen.

Wie beurteilen Sie die politische Situation in der Schweiz? Plötzlich sind fast alle Politiker gegen die Atomkraft. Ja, da hat es schon ein paar erstaunliche Wendungen gegeben. Wichtig ist aber, dass die Diskussion in Gang gekommen ist, dass wir in der Schweiz nun ernsthaft auch über die Gefahren der Kernenergie debattieren.

Und in drei Monaten spricht niemand mehr davon? Das glaube ich nicht. So schnell ist das Thema nicht vom Tisch. Die Atomindustrie wird grösste Mühe haben, das Volk von einem neuen AKW zu überzeugen.

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