Medien schweigen Atomkraft-Gegner tot

Das Bild der AKW-freundlichen Nation Japan trügt. Die Gegner werden von der Polizei schikaniert und von den Medien ignoriert.

Zeigte Mut: Ein Mann protestiert 2009 gegen den Transport von MOX, einem Gemisch von Plutonium- und Uranoxiden.

Zeigte Mut: Ein Mann protestiert 2009 gegen den Transport von MOX, einem Gemisch von Plutonium- und Uranoxiden.

(Bild: AFP Toshifumi Kitamura)

Christoph Neidhart@tagesanzeiger

Bei einem Gericht unweit des lecken Atomkraftwerks Fukushima I ist eine Klage hängig, mit der Anwohner, vor allem Bauern und Fischer, die Betreibergesellschaft Tepco zur Verbesserung der Erdbebensicherheit des AKW zwingen wollten. Das sagt Aileen Mioko Smith, die Direktorin der Anti-AKW-Organisation Greenaction Japan.

«Es stimmt nicht, dass es in Japan keine Anti-AKW-Bewegung gibt», entrüstet sich die Aktivistin über Presseberichte in Europa. Sie setzt sich seit 30 Jahren für ein Japan ohne Atomkraft ein. Die ehemalige Journalistin hat in den letzten Jahren vor allem gegen MOX gekämpft, das Gemisch von Plutonium- und Uranoxiden, mit dem einer der nun havarierten Reaktoren betrieben wurde. MOX ist nicht nur radioaktiv, es ist auch hochgiftig. Dennoch schifft Japan verbrauchte Uran-Brennstäbe um die halbe Welt nach Sellafield in Grossbritannien, wo sie zu MOX aufbereitet werden. Dann werden die MOX-Stäbe erneut um die halbe Welt nach Japan zurückgebracht. Die Wiederaufbereitung erlaube es Japan, das Problem der Endlagerung um dreissig Jahre hinauszuschieben.

3,5 Millionen Unterschriften

Nach dem Chuetso-Küsten-Erdbeben 2007, dessen Epizentrum fast direkt unter dem AKW Kashiwazaki-Kariwa lag und das dem Kraftwerk schwere Schäden zufügte, ordnete Tokio eine Verschärfung der Erdbebensicherheit von AKW an. Bei jenem Störfall war nur wenig Radioaktivität ausgetreten. Dennoch dauerte es ein Jahr, bis der Meiler wieder ans Netz ging. Tepco, die Betreibergesellschaft von Kashiwazaki-Kariwa, der auch Fukushima I und II gehören, behauptete später, die eher geringen Schäden hätten gezeigt, wie gut die Sicherheit ihres AKW sei. Der ehemalige Nuklearingenieur Hideyuki Ban, der früher Mitglied der staatlichen Atomenergie-Kommission war, heute aber Generalsekretär des Bürgerzentrums für Nuklear-Information ist, meint dazu, Tepco habe damals bloss Glück gehabt.

Lokale Gruppen in der Umgebung von Kashiwazaki-Kariwa kämpfen seit 1974 gegen den Meiler mit sieben Reaktoren: Man wusste ja, dass er genau über einer Erdbebenlinie steht.

Japans Vorschriften für AKW würden drei Stufen der Erdbebensicherheit unterscheiden, erklärt Aileen Mioko Smith. Die niedrigste Stufe entspreche den Vorschriften für Industriebetriebe. Dennoch gilt für viele Nebenbereiche von AKW diese niedrigste Stufe. Das kann dazu führen, dass wichtige Nebenanlagen von Erdbeben unbrauchbar gemacht werden. So war es auch beim AKW Kashiwazaki-Kariwa. In der Folge verschärfte die Regierung einige Vorschriften zur Erdbebensicherheit. Das war der Anlass für die in Fukushima hängige Klage wie auch für Klagen an vielen andern AKW-Standorten.

Keine Gross-Demos in Japan

Überhaupt ist die Gerichtsklage bisher das erfolgreichste Mittel der japanischen AKW-Gegner. Wenn dennoch der Eindruck entsteht, es gebe in Japan keine Kernkraftgegner, dann aus drei Gründen: weil die meisten Aktivisten auf dem Land leben, vorwiegend in der Umgebung der Meiler, während AKW den Leuten in den Grossstädten bisher eher gleichgültig waren. Weil es in Japan keine Gross-Demos gibt. Und ganz besonders, weil die nationalen Medien die Kernkraftgegner ignorieren. Das war schon anders: Nach Tschernobyl sammelten die AKW-Gegner 3,5 Millionen Unterschriften für eine Petition, die Japans Ausstieg aus der Kernkraft forderte.

Die grossen japanischen Medienhäuser lassen es nicht zu, dass auf ihren Seiten die Industriepolitik der Regierung kritisiert wird. Und da die Macht in Japan bisher mit der Atomlobby klüngelte – Ex-Aussenminister Seiji Maehara versuchte sich gar als Handelsreisender für die Atomindustrie –, werden die Aktivitäten der Atomkraftgegner von den grossen Zeitungen und vom Fernsehen ignoriert. Ganz besonders ihre Erfolge.

Hungerstreik gegen Kraftwerk

Einer dieser Erfolge erreichten sie 1999: Damals klagte Aileen Mioko Smiths Greenaction Japan gegen Kansai Electric, den Versorger der Städte Osaka und Kyoto. Die Firma hatte Qualitätsdokumente gefälscht. In erster Instanz gewann Greenaction, ausserdem konnte die Gruppe dem Wirtschaftsministerium nachweisen, dass es um die Fälschungen wusste. Einen Tag, nachdem dies im Parlament debattiert wurde, gab Kansai Electric bekannt, man habe einen Fehler in der Qualitätskontrolle entdeckt. Alle Zeitungen berichteten darüber, Greenaction Japan wurde mit keinem Wort erwähnt.

Auch die Polizei hilft, die AKW-Gegner zu marginalisieren: Von einem Aktivisten in der Nachbarschaft des AKW Onagawa in Miyagi, unweit nördlich von Fukushima I und II, hört man, die Polizei besuche ihn immer wieder. Dabei werde er immer wieder ausgefragt.

Fischer wehren sich

Gelegentlich demonstrieren die japanischen AKW-Gegner freilich auch. Vor der Halbinsel Kaminoseki südlich von Hiroshima wird seit 29 Jahren ein AKW geplant. Über all die Jahre demonstrieren die Fischer dort jede Woche einmal, erst Anfang Februar machten fünf junge Leute vor dem Präfekturbüro in Yamaguchi einen zehntägigen Hungerstreik. Und natürlich haben auch die Leute von Kaminoseki immer wieder Klagen eingereicht. Als die Elektrizitätsfirma ihre Bauboote schickte, damit diese schon mal den Boden aufschütten, auf dem das AKW zu stehen kommen sollte, vertrieben die Fischer mit ihren Kuttern diese Baukähne. Sie rammten sie einfach.

Tages-Anzeiger

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