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Japans plötzliche Scheu vor dem Luxus

Reichtum ist in Japan auf einmal verpönt. Seit dem Tsunami gehört Selbstbeschränkung zum guten Ton: Viele Japaner verzichten auf ihre Ferien und ausschweifende Karaoke-Partys. Die Wirtschaft ist besorgt.

Gegenüber exklusiven Luxusgütern sind Japaner zurzeit skeptisch eingestellt: Schuhe von Stardesigner Chihiro Yamaguchi, der im Februar in Paris ausstellte.
Gegenüber exklusiven Luxusgütern sind Japaner zurzeit skeptisch eingestellt: Schuhe von Stardesigner Chihiro Yamaguchi, der im Februar in Paris ausstellte.
Keystone

Japan hat eine neue Welle der Demut erfasst. Seit dem verheerenden Tsunami stellt die Bevölkerung aus Rücksicht auf die Opfer ihren Luxus nicht mehr zur Schau. Und wer damit sein Geld verdient, tut dies zurzeit nicht ohne Scham. «Ich bin Galerist. Kunst ist ein Luxus, den man zum Leben nicht braucht», sagt etwa der Tokioter Akimitsu Naruyam im Interview mit Redaktion Tamedia. «Ich schäme mich, denn mit Kunst kann ich im Moment niemandem helfen.»

So wie dem 44-Jährigen geht es offenbar mehreren Landsleuten. Japan setze in der Ära nach dem Tsunami auf freiwilligen Verzicht und Selbstbeschränkung, schreibt die «New York Times» und führt für diese These mehrere Beispiele an. Der Verzicht auf Luxus beginnt im Alltag, bei Dingen, die gegenwärtig als notwendig erscheinen: Um Strom zu sparen, löschen die Japaner das Licht, wenn sie es nicht benötigen. Auf den Lift oder die Heizung verzichten sie ganz, wenn es geht. Und der Toilettensitzwärmer ist je länger, je unpopulärer.

Dem Coiffeur geht die Kundschaft aus

Jishuku lautet das japanische Wort für Verzicht und Einschränkung. Und Jishuku geht weit über den Stromverbrauch hinaus. Sogar die Elektrowarenkette «Bic Camera» hat aufgehört, mit aggressiven Verkaufsstrategien und möglichst viel Dezibel um Kunden zu werben. Im Musikunterricht in Osaka wurden die grossen, lauten Instrumente zur Seite gestellt. Stattdessen klatschen die Schüler beim Singen in die Hände oder schlagen Plastikhörner aneinander.

Die Schulen haben ihre Abschlussfeiern verschoben. Coiffeurs und Stylisten haben deswegen weniger Kunden. Karaoke-Partys gibt es zurzeit nur wenige. Viele Restaurants haben einen reduzierten Betrieb. «Die Stadt scheint wie ausgestorben, Tokio gleicht momentan einer Geisterstadt. Auf den Strassen, wo sonst Tausende von Menschen unterwegs sind, trifft man fast niemanden», sagt Akimitsu Naruyam gegenüber Redaktion Tamedia. «Am Tag des Erdbebens ging ich in eine Bar, um die schlechten Gefühle loszuwerden. Ich war der einzige Gast.»

Mit Verzicht verarbeitet Japan das Trauma

Viele Japaner verzichten sogar auf die Ferien. «Normalerweise fahren wir um diese Zeit weg, um die Kirschenblüten zu sehen», sagte Hiroshi Sekiguchi, eines der bekanntesten Fernsehgesichter Japans, in seiner Morgenshow. Doch daran denke jetzt kaum einer. Viele Kirschblüten-Partys und Feuerwerk-Spektakel seien gestrichen worden, schreibt die «New York Times».

Der Verzicht sei die Art und Weise, wie das Land mit dem Trauma fertig werde, sagt der Soziologieprofessor Kensuke Suzuki gegenüber der amerikanischen Zeitung. Mit Jishuku würden die Tokioter Mitgefühl und Solidarität ausdrücken. Sogar die Politiker wurden von dieser Welle ergriffen. Sie verzichten im Wahlkampf darauf, zu aggressiv um die Gunst der Bevölkerung zu werben.

Allerdings gibt es auch Stimmen, die vor übertriebener Rücksicht warnen. Toru Hashimoto, der Gouverneur von Japans zweitgrösster Stadt Osaka, befürchtet, dass zu viel Zurückhaltung der Wirtschaft schaden wird. Er rief die Bevölkerung sogar dazu auf, mehr Geld als sonst auszugeben.

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