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Die tapferen Retter

Die Japaner hielten wenig von ihren Streitkräften. Das hat sich schlagartig geändert. Denn die Soldaten sind vielerorts im Katastrophengebiet die einzigen Helfer.

Vielerorts sind sie die einzigen Helfer: Soldaten der japanischen Selbstverteidigungskräfte bei Aufräumarbeiten in der Stadt Otsuchi in der nordöstlichen Präfektur Iwate.
Vielerorts sind sie die einzigen Helfer: Soldaten der japanischen Selbstverteidigungskräfte bei Aufräumarbeiten in der Stadt Otsuchi in der nordöstlichen Präfektur Iwate.
Keystone

Im Tsunami-Gebiet sind 100 000 japanische Soldaten seit fast drei Wochen pausenlos im Einsatz. Sie suchen Vermisste, bergen Leichen, baggern behelfsmässige Strassen durch die Trümmer und liefern Lebensmittel und Wasser in die Notunterkünfte. Neben der lokalen Selbsthilfe leisten sie die wichtigste Nothilfe im rund 500 Kilometer langen Küstenstreifen, den der Tsunami vom 11. März zerstört hat. Auch am havarierten AKW in Fukushima sind sie im Einsatz. Dabei hat Japan gar keine Armee.

Die Verfassung, die Japan nach dem Zweiten Weltkrieg von den US-Besatzern 1946 diktiert wurde, verbietet es dem Land, ein stehendes Heer zu unterhalten. Es darf sich nur im Falle eines Angriffs auf seinem eigenen Territorium verteidigen. Das japanische Militär nennt sich deshalb nicht Armee, sondern Selbstverteidigungskräfte.

Freiwillige Helfer

Die Rolle, die Japans Militär im Falle einer internationalen Krise spielen würde, ist unscharf definiert. Bis jetzt haben die Japaner darauf vertraut, in einer Krise von den USA verteidigt zu werden. Passend zu ihrer diffusen Rolle, waren diese gleichwohl gut ausgerüsteten, teuren 230 000 Mann starken Selbstverteidigungskräfte in Japan bisher marginalisiert. Die meisten Japaner stehen hinter ihrer pazifistischen Verfassung. Dass ihr Land trotzdem eine grosse Armee hat, passt nicht in ihr Selbstbild.

Nach dem Erdbeben von Kobe 1995 sträubten sich zahlreiche Lokalregierungen, mit der Armee zusammenzuarbeiten. Damals leisteten Freiwillige den grössten Teil der Hilfe. Das Erdbeben von Kobe gilt denn auch als Beginn einer Freiwilligenbewegung in Japan. Auch dieses Mal strömten schon in den ersten Tagen nach dem Erdbeben Freiwillige in die Krisenregion; sie brachten Wolldecken, Kleider und Lebensmittel mit. Einige richteten fliegende Suppenküchen ein. Doch viele gelangten nicht bis zu den Überlebenden, die Strassen waren unpassierbar, und die Angst vor der Radioaktivität schreckte viele ab.

Inzwischen schicken Gemeinden aus dem übrigen Japan Freiwilligenteams an die Sanriku-Küste, die sie aus ihren Angestellten rekrutieren und die dort mehrere Monate bleiben werden. Shizuoka westlich von Tokio hat 15 Beamte ins zerstörte Higashi-Matsushima abgestellt. Die Verwaltung von Higashi-Matsushima wurde weggespült, nun sollen einige der Leute aus Shizuoka in Notbüros helfen, im Tsunami verlorene Dokumente auszustellen. Und auch Totenscheine. Am Dienstag bezifferte die nationale Polizei die Zahl der Toten auf 11 082, von ihnen konnten 4000 bisher nicht identifiziert werden. 16 717 Menschen werden noch vermisst.

«Operation Freund»

Anders als nach dem Erdbeben von Kobe setzte Premier Naoto Kan die Armee schon wenige Stunden nach dem Tsunami in Marsch, zuerst mit 65 000 Soldaten, zwei Tage später wurde das Kontingent auf 100 000 aufgestockt; fast die Hälfte des Heeres. Doch auch die Soldaten im Tsunami-Gebiet beschweren sich, die Nuklearkrise behindere ihre Arbeit. Viele Gemeinden sind bisher nur von der Armee versorgt worden. Sie würden überall, so die Soldaten, als Retter begrüsst. In der kurzen Zeit seit dem Erdbeben hat sich das Bild der Selbstverteidigungskräfte in der Gesellschaft grundlegend verändert. Die kompetente, entschiedene Art von Verteidigungsminister Toshimi Kitazawa trägt dazu zusätzlich bei.

Auch die in Japan stationierten US-Truppen waren bisher ziemlich unbeliebt. Ex-Premier Yukio Hatoyama gewann die Wahlen 2009 auch deshalb, weil er versprochen hatte, sich gegen den US-Stützpunkt auf Okinawa einzusetzen. Indes starteten die in Japan stationierten US-Streitkräfte schon kurz nach dem Erdbeben ihre «Operation Tomodachi» (Freund). 20 Schiffe, darunter der Flugzeugträger Ronald Reagan, und 20 000 Mann der US-Truppen sind in der Region im Einsatz. Auch am havarierten AKW hilft US-Militär. Am Dienstag brachte eine Einheit der US-Navy mit einem Amphibienfahrzeug einen mobilen Generator auf die bisher abgeschnittene Insel Oshima vor der Küste von Miyagi, auf der 1300 Menschen ohne Strom ausharrten. Dank der Amerikaner ging das Licht wieder an.US-Soldaten reparieren zurzeit die Flughäfen von Sendai und Hachinohe. Nach dem Erdbeben von Kobe 1995 hatte die damalige Regierung ausländische Hilfe noch abgelehnt. Dieses Mal sind Hilfstrupps aus 34 Ländern in Japan im Einsatz, auch Ärzte aus Israel.

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