Zum Hauptinhalt springen

«Das ist wie ein Himmelfahrtskommando»

Der japanische AKW-Betreiber Tepco hat einen Aufruf nach freiwilligen Helfern gemacht. Erfolgreich. Es haben sich gut 20 Personen gemeldet. Die Arbeit der 180 Techniker im AKW Fukushima I ist lebensgefährlich.

Verzweifelte Kühlversuche: Helikopter werfen über Fukushima I Wasser ab, 17. März 2011.
Verzweifelte Kühlversuche: Helikopter werfen über Fukushima I Wasser ab, 17. März 2011.
Keystone

Die Arbeit am AKW Fukushima I ist hochgefährlich. Zur Abwendung einer nuklearen Katastrophe sucht Tepco freiwillige Arbeiter. Auf das Ersuchen des Unternehmens hätten sich sowohl Firmenmitarbeiter als auch Mitarbeiter anderer Unternehmen gemeldet, berichtete die japanische Nachrichtenagentur Jiji. Darunter sei ein kurz vor der Rente stehender 56-Jähriger mit jahrzehntelanger Erfahrung im Bereich der Kernenergieproduktion. Tepco bestätigte die Angaben zunächst nicht.

Über den Internetkurznachrichtendienst Twitter zeigte sich eine Japanerin, möglicherweise eine Tochter des 56-Jährigen, stolz und verängstigt, dass ihr Vater bei den Arbeiten helfen wolle. «Ich habe gegen die Tränen gekämpft, als ich gehört habe, dass mein Vater, der in einem halben Jahr pensioniert werden soll, sich zur Mithilfe bereit erklärt hat», schrieb sie. Er habe gesagt, die Zukunft der Atomgeneration hänge davon ab, wie Japan mit der Katastrophe umgehe, hiess es weiter. «Ich begebe mich auf eine Art Mission», zitierte die Frau ihren Vater.

Helden der Nation

Die 180 Ingenieure und Techniker, die Tag und Nacht daran arbeiten, eine Katastrophe im beschädigten Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi noch zu verhindern, gelten schon jetzt als Helden. Ihnen drohen schwere Verletzungen durch Explosionen und Feuer, doch noch gefährlicher ist ein unsichtbarer Feind: die radioaktive Strahlung. Sie kann die Arbeiter sofort töten oder erst Jahrzehnte später.

«Ich weiss nicht, wie ich es anders sagen soll: Das ist wie ein Himmelfahrtskommando im Krieg», sagt Professor Keiichi Nakagawa aus der Radiologieabteilung der Tokioter Universitätsklinik.

In kleinen Gruppen betreten die Arbeiter die Gefahrenzone, um Meerwasser in die überhitzten Reaktoren zu pumpen, Trümmer zu beseitigen und Messungen durchzuführen. Damit niemand der Strahlung zu lange ausgesetzt ist, werden sie nach zehn bis 15 Minuten abgelöst.

Um sich einigermassen gegen die Strahlung zu schützen, tragen die Mitarbeiter des Atomkraftwerks Ganzkörperanzüge, Atemschutzgeräte, Helme und Handschuhe. Damit sie keine radioaktiven Partikel einatmen, kommen teilweise auch Sauerstoffgeräte zum Einsatz.

Einsatz musste unterbrochen werden

Nach einer Explosion am Mittwoch stieg die Strahlung in der unmittelbaren Nähe von Fukushima-Daiichi jedoch derart an, dass die Arbeiten für fünf Stunden unterbrochen werden mussten. «Die Arbeiter können in der Anlage derzeit noch nicht einmal geringfügige Tätigkeiten durchführen», sagte Kabinettssekretär Yukio Edano.

In einigen Bereichen stieg die Strahlenbelastung auf 600 Millisievert. Laut einer Statistik der Betreiberfirma Tepco entspricht dies dem täglich zulässigen Grenzwert über den Zeitraum mehrerer Jahre. Wer zu viel Strahlung abbekomm, wird krank: Die Strahlenkrankheit schädigt unter anderem die Blutzellen. Erste Symptome sind Erschöpfung und Übelkeit.

Grenzwert für die Arbeiter erhöht

Von der natürlichen Strahlung oder beispielsweise bei Röntgenuntersuchungen nehmen Menschen pro Jahr durchschnittlich etwa sechs Millisievert auf. Experten gehen davon aus, dass eine Strahlenbelastung von unter 100 Millisievert gesundheitlich unbedenklich ist.

Die normale Dosis für Arbeiter in Atomkraftwerken sei 20 Millisievert, nie jedoch über 50 Millisievert pro Jahr, erklärt der australische Nuklearberater Tony Irwin. «Sie sollten die Leute also rotieren lassen, um unterhalb des Grenzwerts zu bleiben. Es gibt nicht viele Länder, die ein Notfalllimit von 100 Millisievert pro Jahr zulassen», sagt Irwin.

Das japanische Gesundheitsministerium erhöhte den Grenzwert für die Arbeiter im Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi am Mittwoch jedoch von 100 auf 250 Millisievert. Wegen der besonderen Umstände sei dieser Schritt unvermeidlich, teilte das Ministerium mit.

Arbeiter sollen Wasser in die Reaktoren pumpen

Die Techniker und Ingenieure versuchten in den vergangenen Tagen vor allem, Ventile zu öffnen, um Druck abzulassen, und Wasser in die Reaktoren zu pumpen. Zudem führten die Messungen durch und räumten die Trümmer der Explosionen beiseite.

«Trotz der Angst vor 400 Millisievert halten die Arbeiter durch», titelte die japanische Zeitung «Yomiuri». Einer der Arbeiter, der ein Ventil in dem Atomkraftwerk geöffnet hatte, sei nach dem Einsatz in ein Krankenhaus eingeliefert worden, hiess es in dem Artikel. Nach nur zehn Minuten in der Strahlung habe der Mann über Erschöpfung und Übelkeit geklagt.

«Ich mache mir Sorgen um die Arbeiter. Sie sind einem gewaltigen Risiko ausgesetzt», sagt Don Milton, Mediziner an der Universität von Maryland. Einige zeigten schon Zeichen akuter Strahlenkrankheit. Das sei beunruhigend, denn «je früher es kommt, desto schlimmer ist es», sagt Milton.

AFP/dapd/bru

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch