Chronologie der Katastrophe in Japan

Hintergrund

Von einem Beben mitten im Meer zur Kernschmelze im Atomkraftwerk – eine Übersicht über die Ereignisse.

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Tag 11: Montag, 21. März

Behörden und Betreiber sprechen von kleinen Fortschritten im Kampf gegen die drohende Ausweitung der Atomkatastrophe. Allerdings stieg aus den Reaktoren 2 und 3 grauer Rauch auf, dessen genaue Herkunft zunächst nicht geklärt werden konnte. Die Einsatzkräfte wurden vorsorglich in Sicherheit gebracht.

Am Morgen war zunächst am Block 3 grauer Rauch aufgestiegen. Später trat auch aus Block 2 Rauch aus. Woher der Rauch genau stammte, ist unklar. Die Messung der Radioaktivität im Umkreis ergab keine erhöhten Werte.

Hingegen steigt die Strahlenbelastung im Essen und im Trinkwasser. Für vier Präfekturen verhängte die Regierung in Tokio heute ein Lieferverbot für Milch und mehrere Gemüsesorten. Ein komplettes Dorf in der Fukushima- Region darf kein Leitungswasser mehr trinken.

Nach Aussage der US-Atomsicherheitsbehörde NRC sind die Stahlbetonhüllen der Reaktoren 1, 2 und 3 in Fukushima aber intakt. Der verantwortliche NRC-Direktor Bill Borchardt erklärte, zwar gebe es in den drei Anlagen Schäden an den Reaktorkernen, die sogenannten Containments seien aber nicht gebrochen. Die Situation stehe offenbar kurz vor der Stabilisierung.

Dagegen erklärte der japanische Kabinettssekretär Yukio Edano: «Selbst wenn bestimmte Dinge glattgehen, wird es auch Rückschläge geben.»

Derweil wurde im Trinkwasser der japanischen Hauptstadt Tokio radioaktives Cäsium nachgewiesen.

Die japanische Polizei rechnet inzwischen mit mehr als 18`000 Toten durch die Tsunami-Katastrophe.

Tag 10: Sonntag, 20. März

In Japan steigt die Hoffnung auf einen relativ glimpflichen Ausgang der Atomkatastrophe von Fukushima. Den 300 Ingenieuren in der Gefahrenzone des havarierten Atomkraftwerks gelang es, den Reaktorblock 2 wieder ans Stromnetz anzuschliessen. Damit sind vier der sechs Blöcke wieder versorgt. Zwar blieb zunächst unklar, ob alle Maschinen und Pumpen in dem durch Erdbeben, Tsunami und Explosionen beschädigten Kraftwerk noch funktionieren. Die Betreiber hofften jedoch, Anfang kommender Woche die Wende erzielen zu können.

Die Lage in Reaktor 3, wo hochgiftiges Plutonium zum Brennstoff gehört, schien sich nach stundenlanger Kühlung mit Hunderten Tonnen Wasser durch Löschzüge ebenfalls zu stabilisieren.

Anfang der Woche soll dann Reaktor 4 in Angriff genommen werden. Ein Sprecher des Betreibers Tepco erklärte allerdings, es könne mehrere Tage dauern, bis auch Blöcke 3 und 4 an Netz angeschlossen seien. Sollte die Lage auch dort stabilisiert werden können, wäre dies der Wendepunkt im Kampf gegen einen drohenden Super-GAU. Wenn nicht, müssten radikalere Massnahmen wie der Bau eines Beton-Sarkophags erwogen werden.

Unterdessen wurde immer mehr Radioaktivität in der Umgebung des Atomkraftwerks nachgewiesen. Zunächst waren in Spinat und Milch aus der Umgebung des Kraftwerks, aber auch im Leitungswasser in Tokio und anderen Städten leicht erhöhte Werte gemessen worden. Regierungsvertreter beteuerten aber, dass die Belastung unbedenklich sei.

Tag 9: Samstag, 19. März

Das japanische Gesundheitsministerium hat einen Verkaufsstopp von Lebensmitteln aus der Präfektur Fukushima angeordnet. Zuvor war bei Milch und Spinat aus der Nähe des beschädigten Atomkraftwerks Fukushima erhöhte Strahlenwerte gemessen wurden. Die Werte für radioaktives Jod überschritten laut japanischer Regierung die zulässigen Höchstgrenzen. Auch im Trinkwasser von Tokio sind Spuren von radioaktivem Jod aufgetaucht, wie die.

Die Regierung verkündete aber auch hoffnungsvolle Botschaften. Am hochproblematischen Reaktor 3 sei eine Verbesserung zu beobachten. «Wir glauben derzeit, dass sich die Situation stabilisiert hat», sagte Regierungssprecher Yukio Edano. Die Kühlung von aussen durch Wasserbeschuss zeige Wirkung. In dem Reaktorbecken habe man jetzt mehr Wasser festgestellt. Auch Reaktor 4 solle in Kürze von aussen mit Wasser gekühlt werden.

Stromkabel wurden inzwischen bis zu den Reaktoren 1 und 2 verlegt. So soll die Kühlung wieder angeworfen werden, die nach der Flutwelle keine Stromversorgung mehr hatte. Ob die Wasserpumpen und Leitungen noch funktionieren, ist aber unklar. Im Block dürfte der innere Druckbehälter des Reaktors durch eine Explosion beschädigt worden sein.

In die Dächer der Reaktoren 5 und 6, in denen ältere Brennstäbe lagern, wurden Löcher gebohrt, durch die Wasserstoff entweichen kann.

Tag 8: Freitag, 18. März

Nach dem massiven Wasserwerfereinsatz im Block 3 des Atomkraftwerks Fukushima 1 ist der Druck in der Reaktorkammer etwas gesunken. In den beiden anderen Blöcken aber, die nach dem Erdbeben vor einer Woche automatisch abgeschaltet wurden, zeigen die am Samstagmorgen (Ortszeit) veröffentlichten Werte eine leicht steigende Tendenz. Die NISA gibt lediglich Zahlenwerte an und bewertet diese nicht.

An Stelle der Notkühlung von Block 3 mit Wasserwerfern will die Betreibergesellschaft Tepco am Samstag versuchen, die reguläre Kühlung für die Reaktorblöcke 1 und 2 wieder in Gang zu setzen. Am Sonntag könnten dann die Blöcke 3 und 4 folgen, wie Hidehiko Nishiyama von der Atomsicherheitsbehörde (NISA) am Freitag nach einer Meldung der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo mitteilte.

Dazu wurde eine Starkstromleitung zum Atomkraftwerk Fukushima gelegt. Unklar ist aber, inwieweit die Technik der Kühlsysteme nach den Explosionen in den Reaktorblöcken 1 bis 3 und dem Brand im Reaktor 4 noch funktionsfähig ist.

Tag 7: Donnerstag, 17. März

Die Lage im japanischen Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi ist unverändert ernst. Kühlversuche mit Wasserwerfern und Wasserabwürfen vom Helikopter aus mussten wegen der Strahlung immer wieder unterbrochen werden und blieben bis zum Nachmittag vergebens. Die Betreiberfirma Tepco versuchte eine Stromleitung anzulegen, um das Notkühlsystem wieder in Gang zu bringen. In vier der sechs Blöcke gibt es weiter gravierende Probleme mit der Kühlung des Reaktorkerns und der Abklingbecken für verbrauchte Brennelemente. In zwei Abklingbecken droht eine Überhitzung mit Gefahr von weiteren Bränden und Freisetzung von Radioaktivität.

Tag 6: Mittwoch, 16. März

Wegen zu starker radioaktiver Strahlung sind die Arbeiten zur Kühlung der beschädigten Reaktoren im Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi vorübergehend eingestellt worden. Die Experten mussten abgezogen werden, weil das Gesundheitsrisiko zu gross wurde. Später sanken die Strahlenwerte wieder und die Experten konnten zurückkehren.

Der japanische Kaiser Akihito sprach den Opfern des verheerenden Erdbebens und des darauf folgenden Tsunamis sein Beileid aus und zeigte sich auch tief besorgt über die Krise in den Atomkraftwerken. Der Kaiser äussert sich nur sehr selten öffentlich.

Die Behörden wollten ursprünglich Helikopter einsetzen, um Wasser in die Reaktoren zu sprühen und einen weiteren Strahlungsaustritt zu verhindern. Weil die Sicherheit der Piloten aber nicht gewährleistet war, musste der Einsatz aber abgebrochen werden.

Über dem Reaktorblock 3 stieg am Morgen wieder weisser Rauch auf. Dabei könne es sich auch um Wasserdampf handeln, teilte der Kraftwerksbetreiber Tepco mit. Im Reaktorblock 4 war zuvor erneut Feuer ausgebrochen. Wenig später waren jedoch keine Flammen mehr zu sehen.

Tag 5: Dienstag, 15. März

Um 8 Uhr Ortszeit/0 Uhr Schweizer Zeit meldet die japanische Regierung, dass es auch im Reaktor 2 in Fukushima Explosionen gegeben habe. In Reaktor 4 ist ein Feuer ausgebrochen.

Um 11 Uhr Ortszeit/3 Uhr Schweizer Zeit bestätigt die Regierung erstmals, dass in Fukushima Radioaktivität in grösserem Masse in die Luft austritt. Im Reaktor 2 ist erstmals in Fukushima die innere Schutzhülle beschädigt worden. Regierungssprecher Yukio Edano warnt offen vor der Gefahr: «Es gibt keinen Zweifel, dass das erreichte Niveau an Strahlen die menschliche Gesundheit beeinträchtigen kann.» In Tokio werden 20-fach erhöhte Radioaktivitätswerte gemessen. Beobachter fürchten insbesondere, dass der Wind die Strahlung in die 35-Millionenstadt trägt.

Inzwischen melden die Behörden 2414 Todesopfer nach dem Beben und dem Tsunami. Nach wie vor werden gegen 10'000 Menschen vermisst.

Um 20 Uhr Ortszeit/12 Uhr Schweizer Zeit warnt die französische Atombehörde: Der Unfall in dem japanischen Atomkraftwerk Fukushima hat die zweithöchste Stufe in der siebenstufigen Internationalen Bewertungsskala (INES) erreicht. Das Geschehen sei mit Stufe 6 als schwerer Unfall zu bewerten. Tschernobyl war ein Unfall der Stufe 7.

Tag 4: Montag, 14. März

Tokio wird von einem Nachbeben getroffen. Um 11:30 Uhr Ortszeit/3:30 Uhr Schweizer Zeit meldet die Regierung, dass es in Fukushima Eins eine weitere Wasserstoffexplosion gegeben habe: Nach Reaktor 1 ist dieses Mal Reaktor 3 betroffen. Sieben Menschen werden verletzt, fünf davon verstrahlt. Auch diesmal ist die Stahlhülle nach Regierungsangaben unbeschädigt.

Mehrere Male melden die Behörden im Laufe des Tages, die Brennstäbe im Reaktor 2 lägen trocken und könnten nicht mehr gekühlt werden.

Die Regierung bleibt in ihren Aussagen widersprüchlich: Regierungssprecher Yukio Edano räumt einerseits ein, dass es in den Reaktoren von Fukushima zu einer Kernschmelze gekommen sein könnte. Später sagt er an einer Medienkonferenz, er gehe davon aus, dass die schlimmsten Szenarien nicht Wirklichkeit würden.

Tag 3: Sonntag, 13. März

Um 5 Uhr Ortszeit/21 Uhr Schweizer Zeit fällt auch im Reaktor 3 des Kraftwerks Fukushima die Kühlung aus. Zwei Stunden später meldet die Regierung, dass es vermutlich auch dort zu einer Wasserstoffexplosion gekommen sei.

Um 21 Uhr Ortszeit/13 Uhr Schweizer Zeit räumt Premierminister Naoto Kan erstmals ein, die Lage in Fukushima sei «besorgniserregend». Er spricht von der schlimmsten Krise für Japan seit dem Zweiten Weltkrieg.

Um die 10'000 Menschen werden nach dem Beben und dem Tsunami vermisst. Erste Hilfslieferungen erreichen den Norden des Landes. Auch die Schweiz schickt ein Katastrophenhilfeteam vor Ort.

Tag 2: Samstag, 12. März

Die Internationale Atomenergiebehörde bestätigt um 7 Uhr Ortszeit/23 Uhr Schweizer Zeit, dass auch die Kühlung in Reaktor 2 des Kraftwerks Fukushima teilweise ausgefallen sei. Es werden weitere Anwohner evakuiert. Der Betreiber Tepco lässt Dampf aus dem Kraftwerk ab, der radioaktiv geladen ist.

Ein Vertreter der japanischen Atomaufsichtsbehörde meldet um 13 Uhr Ortszeit/6 Uhr Schweizer Zeit, dass im AKW Fukushima eine Kernschmelze stattfinden könnte. Drei Stunden später gibt es in Reaktor 1 eine Wasserstoffexplosion. Vier Angestellte werden verletzt. Die Wände des Reaktors werden zerstört, eine Rauchsäule steigt in den Himmel. Das Bild wird später zum Titel des Magazins «Spiegel», darüber wird die Schlagzeile «Das Ende des Atomzeitalters» gedruckt.

Ab 20 Uhr Ortszeit/12 Uhr Schweizer Zeit werden weitere Anwohner evakuiert. Der Behälter um die Brennstäbe hält bislang, die Betreiber leiten weiterhin Dampf und somit Druck ab, um die Temperatur im Innern zu senken. Ausserdem beginnen sie, zur Kühlung zusätzlich Meerwasser in die Anlage zu leiten. Die Radioaktivität um das Werk ist aufgrund der Dampfwolke leicht, aber nicht stark erhöht.

Tag 1: Freitag, 11. März

Ein Erdbeben der Stärke 9,0 erschüttert um 14:45 Uhr Ortszeit/06:45 Uhr Schweizer Zeit Japan. Es ist das stärkste Beben seit Beginn der Messungen. Das Epizentrum liegt 130 Kilometer östlich der Stadt Sendai im Meer.

Eine Stunde später überflutet ein Tsunami mit vier bis zehn Meter hohen Wellen die Ostküste der Hauptinsel Honshu. Eine gute halbe Stunde später folgt eine zweite Welle. Sie trifft insbesondere die Stadt Sendai. Tausende Menschen kommen ums Leben.

Das japanische Fernsehen berichtet um 18 Uhr Ortszeit/10 Uhr Schweizer Zeit, dass im Reaktor 1 im Atomkraftwerk Fukushima die Kühlung ausgefallen sei. Im Kraftwerk Onagawa sei ein Feuer ausgebrochen. Der japanische Premierminister Naoto Kan dementiert die Meldung und sagt, die Lage in den Atomkraftwerken sei «normal». Doch die Meldung erweist sich später als richtig.

Um 21 Uhr Ortszeit/13 Uhr Schweizer Zeit werden erste Anwohner des Kraftwerks Fukushima aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen. Die Regierung spricht von einer reinen Vorsichtsmassnahme. Das Feuer im Kraftwerk Onagawa wurde laut der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA inzwischen gelöscht.

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