«Alles ist geheim»

Hinter der Reaktorkatastrophe in Japan steht eine Atomindustrie, in der sich die Skandale häufen – auch wegen einer «Aufsichtsbehörde», die über Schlampereien allzu gerne hinwegsieht.

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Lecks und Strahlenunfälle sind nur ein Teil der beunruhigenden Vorfälle, die sich im Lauf der Jahre ereigneten und – wenn überhaupt – erst verspätet bekannt gegeben wurden. «Alles ist geheim», sagt Kei Sugaoka, der in Japan als Kraftwerkstechniker gearbeitet hat und heute in Kalifornien lebt. «In der Branche gibt es nicht genug Transparenz.»

Sugaoka war für den Energieversorger Tokyo Electric Power Co. – kurz: Tepco – tätig, der die havarierte Anlage Fukushima-Daiichi betreibt. 1989 bekam er eine Anweisung, die ihn entsetzte: Aus Videoaufzeichnungen für die Atomaufsicht sollte er Aufnahmen löschen, die Risse in Dampfleitungen zeigten. Sugaoka alarmierte seine Vorgesetzten bei Tepco – doch nichts passierte. Im Jahr 2000 beschloss er, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Drei leitende Tepco-Angestellte verloren ihren Job.

«Ich kann ihnen nicht glauben»

Die Latte der Skandale und Vertuschungen hat die Glaubwürdigkeit der japanischen Atomindustrie beschädigt. Das Misstrauen der Öffentlichkeit erhielt durch die Krise der letzten Tage neue Nahrung. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass in dieser Katastrophe von offizieller Seite Informationen unterdrückt wurden. Doch die Verschwommenheit und der Mangel an Einzelheiten in den Mitteilungen von Behörden und Tepco fachen den Zorn und den Frust der Bürger noch an.

«Ich kann ihnen nicht glauben», erklärt der Taxifahrer Taketo Kuga aus Tokio. In der Hauptstadt, 220 Kilometer vom Unglückskraftwerk entfernt, wurden auch schon erhöhte Strahlungswerte gemessen. Kuga hat neuerdings gut zu tun, Menschen, die nichts wie weg wollen, zu Flughäfen und Bahnhöfen zu fahren. Dass Informationen über Strahlungswerte schon Stunden vor den offiziellen Verlautbarungen überall im Internet zu lesen sind, macht ihn nervös. «Ich fühle mich nicht in Sicherheit», sagt er.

«Man baut auf einem Haufen Tofu»

Die rohstoffarme Industrienation hat stark auf die Kernenergie gesetzt. 54 Atomkraftwerke decken 30 Prozent des Energiebedarfs, zwei weitere sind im Bau und zwölf in Planung. Die elf Energieversorger, viele von ihnen AKW-Betreiber, waren vor dem Beben am Freitag an der Börse gut 99 Milliarden Euro wert. Auf den Hauptstadtversorger Tepco entfiel fast ein Drittel davon, doch sind seine Aktien seither um 65 Prozent eingebrochen. Erst vorigen Monat hatte er für den 40 Jahre alten Block 1 in Fukushima eine Laufzeitverlängerung um weitere zehn Jahre bekommen.

Bei so starkem Rückhalt in der Regierung und einer konsensorientierten Gesellschaft neigten Aufseher nicht dazu, rigoros auf Sicherheit zu dringen, meint der amerikanische Energieexperte und Umweltaktivist Amory Lovins. «Alles zusammengenommen ist das ein Freibrief, es beim Betrieb und bei der Aufsicht nicht so genau zu nehmen.»

Ohnehin halten es viele Fachleute für zu gefährlich, Atomkraftwerke in einem Land zu bauen, in dem jederzeit die Erde beben kann. «Man baut auf einem Haufen Tofu», beschreibt es Philip White vom Bürgerinformationszentrum Atomenergie in Tokio, einer 1975 gegründeten Gruppe von Kernkraftgegnern. Über die AKW-Betreiber sagt er: «Es gibt überhaupt keinen Grund, ihnen zu trauen.»

Heimlichtuerei als Geschäftsprinzip

Störfälle gab es in Japan schliesslich reichlich. Erst 2007 kam es bei einem Erdbeben zu Fehlfunktionen im Kernkraftwerk Kashiwakazi Kariwa: Brände brachen aus, Leitungen platzten, radioaktives Wasser lief aus, es trat aber keine Strahlung aus der Anlage aus.

1999 wurde bekannt, dass Arbeiter in der Uranverarbeitungsanlage Tokaimura nordöstlich von Tokio Wiederaufarbeitung per Hand betrieben und Uran in Stahleimern mischten. Zwei Menschen starben später. Bei einer unkontrollierten Kettenreaktion wurden Hunderte verstrahlt und Tausende Anwohner evakuiert.

Im Jahr 1997 wurden bei einem Brand und einer Explosion ebenfalls in Tokaimura mindestens 37 Arbeiter leicht verstrahlt. Der Betreiber räumte später ein, Informationen über den Vorfall zunächst unterdrückt zu haben.

Pleiten und Pannen auch bei Tepco

Auch bei Tepco gab es seit Jahrzehnten Auffälligkeiten. 1978 etwa fielen in einem Reaktor in Fukushima Steuerstäbe heraus. Der Vorfall wurde jedoch nicht mitgeteilt, weil eine Meldung nicht ausdrücklich vorgeschrieben war. Im Jahr 2006 entwich in Fukushima radioaktiver Dampf in die Umgebung.

Angesichts der jüngsten Ereignisse geht der Experte für Krisenmanagement, Tatsumi Tanaka, davon aus, dass es der Regierung in absehbarer Zeit schwerfallen dürfte, neue Kernkraftwerke zu genehmigen. Die Zuständigen hätten auch in der jetzigen Krise versagt, sie hätten versäumt, schnell einen Krisenstab einzurichten und glaubwürdige externe Fachleute hinzuzuziehen.

Während sich die Ereignisse überstürzten, gäben Vertreter von Tepco, Atomaufsicht und Regierung bei ihren häufigen Pressekonferenzen oft widersprüchliche Informationen. Das trage nur zur Verunsicherung und zu dem Eindruck bei, sie gäben nicht offen Auskunft. «Sie machen die Furcht der Menschen nur noch grösser.»

raa/dapd

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