«Man akzeptiert es oder verlässt das Land»

In Japans Hauptstadt leben die Menschen unter erschwerten Bedingungen. Ein Schweizer erzählt DerBund.ch/Newsnet, wie er seinen Alltag in Tokio bewältigt und wann er die Stadt verlassen würde.

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Jan Knüsel

Wie ist die Lage in Tokio? Ich lebe in Minato-ku, einem Geschäftsviertel von Tokio. Hier hat es viele Leute auf der Strasse, es ist schönes Wetter. Auf den ersten Blick ist nicht vieles anders als vor dem Erdbeben. Hier gibt es auch keine Stromunterbrechungen, wie in den Vororten von Tokio. In den zentralen Gebieten der Hauptstadt gibt es nur wenig Einschränkungen, ausser, dass die meisten Rolltreppen ausser Betrieb sind oder viele Geschäfte schon früher als üblich schliessen.

Keine Rede von Anspannung? Ich persönlich schaue mir die Nachrichten nicht mehr im Minutentakt an. . Natürlich informiere ich mich noch regelmässig über die aktuellen Entwicklungen, aber ich versuche wieder einen möglichst normalen Alltag zu leben. Auch unter den Arbeitskollegen ist der Reaktorunfall in Fukushima nicht mehr das ständige Gesprächsthema. Ich denke, man muss die Lage akzeptieren können, so wie sie jetzt ist, oder sonst konsequent sein und die Stadt oder sogar das Land verlassen. Das ist eine persönliche Entscheidung, die jeder für sich alleine treffen muss.

Wie ist es am Abend? Gerade im Tokioter Viertel Shibuya, wo es viele Restaurants und Einkaufsgelegenheiten gibt, ist es ruhiger geworden. Die Leuchtreklamen sind ausgeschaltet, es ist dunkler als sonst. Für japanische Verhältnisse hat es auch eindeutig weniger Leute auf der Strasse.

Gehen noch viele Menschen auswärts essen? Es ist etwas einfacher, einen Platz in einem Restaurant zu bekommen. Der Gastronomiebetrieb ist allgemein etwas reduziert. Gerade die Menschen, die in Vororten leben, wo es regelmässig zu Stromunterbrechungen kommt, verzichten wohl auf einen abendlichen Restaurantbesuch im Zentrum Tokios.

Kommt es in den Supermärkten immer noch zu Hamsterkäufen? Die Lage hat sich gebessert. Die Rationierung verläuft hier auf freiwilliger Basis. In den Supermärkten hängen Zettel an den Regalen, dass man pro Person nur einen Liter Wasser oder Milch oder nur eine Packung Toilettenpapier kaufen soll. Und wie es sich in Japan gehört, halten sich die Menschen daran. Seither ist am Abend auch nicht mehr alles leer gekauft. Die Regale sind zwar nicht mehr so gefüllt wie früher, aber daran habe ich mich gewöhnt. Ich persönlich habe mir einen Büchsenvorrat angelegt.

Trinken Sie noch Leitungswasser? Essen Sie noch Gemüse? Als vor einer Woche höhere Strahlenwerte gemessen wurden, hatte ich darauf verzichtet. Inzwischen trinke ich wieder Wasser vom Hahnen. Beim Gemüse achte ich auf den Herkunftsort. Aber im Grunde genommen sollten gar keine Landwirtschaftsprodukte aus den gefährdeten Regionen mehr verkauft werden. Eine gewisse Sorge ist schon immer da. Gerade in letzter Zeit, wo sie auch im Meer zunehmend höhere Strahlenbelastung messen, frage ich mich, wie wohl die Auswirkungen auf die Meerestiere sein werden. Die Behörden sagen zwar, dass keine Fische aus den gefährdeten Gebieten gefangen werden.

In Japan wird derzeit Selbstbeschränkung propagiert. Wie drückt sich dies bei Ihnen aus? Bei Stromverbrauchen schränken wir uns viel mehr ein als früher. Ich lasse bewusst nur noch das Licht in dem Raum brennen, in dem ich mich gerade befinde. Am Abend habe ich bewusst nicht geheizt und stattdessen zwei Pullover getragen. Man merkt, dass man eigentlich auf vieles relativ einfach verzichten kann, wenn es sein muss.

Wie gestalten Sie die Freizeit? Seit dem letzten Wochenende versuche ich mit meiner Frau zusammen, wieder einen normalen Alltag zu gestalten. Wir gehen am Nachmittag in den Park und am Abend mit Freunden ins Kino. Oft machen wir auch keine grossen Pläne, sondern versuchen uns einfach mal zu entspannen, nichts zu tun. Vorher verbrachten wir unsere Freizeit tagelang mit Nachrichtenschauen. Das war auf die Dauer ein ziemlicher Stress.

Würden Sie Tokio unter gewissen Umständen verlassen? Im Moment bleiben wir. Wir überprüfen täglich die Lage. Für den Fall der Fälle haben wir auch einen Notfallkoffer gepackt. Sollte sich die Situation drastisch verschlechtern, schliesse ich es natürlich nicht aus, dass wir Tokio oder Japan verlassen.

DerBund.ch/Newsnet

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