«Die Regale im Supermarkt sind am Morgen jeweils voll»

Ein in der Schweiz aufgewachsener Japaner harrt in Tokio aus. Gegenüber DerBund.ch/Newsnet beschreibt Yoshitake Nagamine die derzeitige Lage in der Hauptstadt.

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Jan Knüsel

Wie ist für Sie die derzeitige Situation in Tokio? Ich war ganz gewöhnlich arbeiten. Im Büro waren jedoch weniger Leute anwesend als gestern. Viele arbeiten von zu Hause aus. Andere haben Ferien genommen. Aber im Grunde genommen war es ein gewöhnlicher Arbeitstag.

Wie sieht es im öffentlichen Leben aus? Die U-Bahnen haben einen reduzierten Fahrbetrieb. Es hat bedeutend weniger Züge. Lange anstehen musste ich heute Morgen dennoch nicht. Am Montag war noch ein riesiges Gedränge. In Tokio herrscht derzeit eine Stimmung wie an Neujahr, wenn alle die Zeit mit ihrer Verwandtschaft verbringen und die Strassen praktisch leer sind. Die Cafés sind leer, viele Bars haben geschlossen. Die Restaurants haben jedoch geöffnet. Es ist schon eine Nervosität zu spüren. Panik herrscht aber nicht.

Wie läuft die Versorgung durch die Supermärkte? Viele meiner Freunde haben sich mit Proviant eingedeckt. Viele kaufen sich nicht verderbliche Güter wie Cup-Noodles. Ich selber besorge mir das Notwendigste. Die 24-Stunden-Minimärkte werden jedoch regelmässig leer gekauft. Bei den Supermärkten ist es jedoch so, dass die Regale am Morgen jeweils voll sind. Bis zum Abend ist dann alles ausverkauft. Gerüchten zufolge sollen viele Lebensmittel in die Krisenregion im Norden gebracht worden sein. Das kann zu zeitweiligen Versorgungsengpässen führen. Aber einen Mangel an Lebensmitteln gibt es in Tokio nicht.

Gibt es an Ihrem Wohn- und Arbeitsort Stromunterbrüche? Die Innenstadtbezirke von Tokio sind nicht betroffen von den Stromunterbrüchen. Daher merke ich wenig. Bei uns am Arbeitsort wird jedoch Strom gespart. So sind beispielsweise einige Lichter in den Gängen gedimmt.

Haben viele Ihrer Freunde Tokio verlassen? Kurz nach dem Erdbeben am Freitag verliessen primär die Ausländer Tokio. Jetzt gehen jedoch auch vereinzelt Japaner. Meine Mitbewohnerin ist bereits in den Westen nach Osaka gefahren. Eine weitere Mitbewohnerin überlegt sich ebenfalls, die Stadt zu verlassen.

Bespricht man sich ständig mit Freunden und Kollegen? Am Arbeitsplatz sprechen wir weniger über die Situation. Man hält sich sowieso auf dem Laufenden. Überraschende News gibt es in diesem Sinne nicht. Aber unter Freunden ist die Katastrophe sicher das Hauptgesprächsthema.

Haben Sie sich schon überlegt, die Stadt zu verlassen? Ich warte noch ab und beobachte laufend die Entwicklung. Die letzten Nachrichten waren nicht besonders erfreulich. Sobald eine Gesundheitsgefährdung bestehen würde, packe ich natürlich meine Sachen. Die Frage ist, ob es dann überhaupt noch möglich sein wird, ein Zugticket zu bekommen. Es ist eine ständige Risikoabwägung.

DerBund.ch/Newsnet

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