Wien hat dem Diktator hofiert

Drei Jahrzehnte lang hat das offizielle Österreich Ghadhafi umworben. Die Wirtschaft profitierte davon.

Damals eine gewinnbringende Freundschaft: Saif al-Ghadhafi und Jörg Haider am Wiener Opernball, 2002.

Damals eine gewinnbringende Freundschaft: Saif al-Ghadhafi und Jörg Haider am Wiener Opernball, 2002.

(Bild: Reuters)

Bernhard Odehnal@BernhardOdehnal

Der Vorfall hätte sehr unangenehm werden können für Saif al-Islam Ghadhafi. Im Sommer 2007 fiel ein ukrainisches Mädchen, vermutlich eine Prostituierte, vom Balkon seiner Villa im Wiener Nobelquartier Grinzing und wurde lebensgefährlich verletzt. Österreichs Polizei und Justiz reagierten schnell – und schützten den Diktatorensohn. Saif konnte das Land problemlos verlassen.

Gegenüber den Ghadhafis war Wien immer gastfreundlich. Deshalb klingt jetzt die Behauptung einer Boulevardzeitung keineswegs absurd, dass Frau und Tochter des Diktators vergangene Woche in einem Wiener Luxushotel residierten. Es gibt auch Gerüchte, Saif wolle sich nach Österreich absetzen.

Die ersten Kontakte zu Ghadhafi hatte der sozialdemokratische Bundeskanzler Bruno Kreisky geknüpft. 1982 ermöglichte er dem «gefährlichsten Terroristen der Welt» einen Staatsbesuch in Wien. Für Ghadhafi war es die erste Auslandsreise nach Jahren der Isolation, Israel protestierte scharf. Aussenpolitisch brachte Kreiskys unorthodoxe Einladung wenig, wirtschaftlich umso mehr. Drei Jahre danach konnte sich der staatliche Erdölkonzern OMV bei libyschen Bohrfeldern einkaufen und Libyen zum Zentrum seiner Fördertätigkeit in Nordafrika machen. Zuletzt bezog die OMV-Raffinerie bei Wien 20 Prozent des Rohöls aus Libyen. Erst diese Woche wurde die Produktion in Libyen gestoppt.

Haider durfte ins Zelt

1989 bekam Kreisky den höchsten libyschen Orden. «Die Menschen werden über Regierungen und alle Unterdrückungsapparate siegen», liess Ghadhafi damals ausrichten. Wieder revanchierte sich Österreich. Nachdem Saif von mehreren europäischen Ländern abgewiesen worden war, durfte er an einer Wiener Privatuniversität studieren und eine Villa kaufen. Der Zoo Schönbrunn kümmerte sich um seine Tiger. Saif lernte in Wien Jörg Haider und seine «Buberlpartei» kennen. Haider gründete daraufhin eine «österreichisch-libysche Gesellschaft» und nahm Saif zum Opernball mit. Im Gegenzug bekam er einen Termin im Wüstenzelt von Vater Ghadhafi. Für Haider dürfte sich die Freundschaft bezahlt gemacht haben. Sein Vertrauter Walter Meischberger schrieb in seinem Tagebuch von dicken Dollarbündeln, eingeschweisst in Plastikfolien, die der FPÖ-Politiker von Saif erhalten und in Liechtenstein deponiert haben soll.

Auch die Wirtschaft profitierte wieder. In den vergangenen zwei Jahren steigerte Österreich seine Exporte nach Libyen um 20 Prozent. Neben der OMV sind 24 weitere Betriebe in Libyen tätig, darunter ein Zementhersteller und die Baufirma Strabag. Zum 40. Jahrestag von Ghadhafis Revolution 2009 schickte Österreich eine Militärkapelle nach Tripolis. Und die OMV liess an der Mauer eines Ausländercamps ein Transparent mit dem Bild Ghadhafis aufhängen.

Heute möchte niemand mehr über diese Kniefälle reden. Die Präsidentin der österreichisch-libyschen Gesellschaft, Haiders Witwe Claudia, bleibt stumm. Konsequenzen zieht hingegen die in Kärnten registrierte «Ghadhafi-Partei» eines arabischen Geschäftsmanns. Sie will sich einen anderen Namen geben.

Tages-Anzeiger

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