Wie die Katastrophe in Japan Ghadhafi hilft

Während die Ereignisse in Japan die Welt in Atem halten, gewinnt in Libyen Ghadhafi wieder die Oberhand. Auch in anderen arabischen Ländern nutzen die Machthaber die Gunst der Stunde.

Monica Fahmy@fahmy07

«Wir haben den Tod vor Augen», berichtet Ali M.(*) aus Zawiyah gegenüber DerBund.ch/Newsnet. «Vor kurzem gab es bei einer Ölquelle wieder eine Explosion.» Muammar al-Ghadhafis Truppen haben die Stadt zurückerobert, Journalisten wurden nach langen Tagen des Wartens aus Tripoli nach Zawiyah geführt (Bericht des CBS-Reporters Mark Phillips: zum Bericht). Auch die Stadt Zuara ist wieder in der Hand von Ghadhafis Männern. «Immer wieder sind Schüsse zu hören», sagt Fatma S. (*) aus Zuara zu DerBund.ch/Newsnet. «Es ist hier nicht mehr auszuhalten, wir packen heute noch und versuchen, nach Tunesien zu fliehen.»

Während die Weltöffentlichkeit gebannt nach Japan blickt, hat Ghadhafi die Luftangriffe auf die Opposition intensiviert. Dem libyschen Diktator dürfte die Katastrophe in Japan als Geschenk des Himmels vorkommen. Lisa Holland, Reporterin für Sky News in Tripoli, sagte ihrem Sender: «Sie können die Gewalt anwenden, die sie in Städten wie Zawiyah angewendet haben, und die Welt schaut nicht mehr hin. Sie hat ihren Rücken gekehrt. Ihre Aufmerksamkeit ist woanders.»

Libysche Opposition auf sich allein gestellt

Tausende Helfer und Experten wurden weltweit in aller Eile nach Japan abbestellt. Vor der libyschen Küste sind Berichten nach höchstens noch ein paar Fischerboote zu sehen, während Ghadhafi den Sturm auf die Rebellenbastion Benghazi vorbereitet. Der Diktator, dessen Ende vor ein paar Wochen noch nahe schien, gewinnt wieder die Oberhand. Nicht zuletzt dank seiner Luftwaffe. Während die Opposition den Westen um die Implementierung einer Flugverbotszone anfleht, verstrickt sich die internationale Gemeinschaft in Endlosdiskussionen und schiebt eine Entscheidung immer wieder hinaus.

Grossbritannien und Frankreich drängen auf eine Flugverbotszone, wie sie auch die 22 Staaten der arabischen Liga verlangen. Die USA üben sich in Unentschlossenheit und Deutschland verkündet sein Desinteresse zu dem Zeitpunkt, wo die Welt mit Japan beschäftigt ist. Der deutsche Aussenminister Guido Westerwelle sagte am Dienstag am G-8-Aussenministertreffen in Paris, sein Land stehe einer Flugverbotszone «sehr skeptisch» gegenüber. Deutschland wolle nicht «in einem Krieg in Nordafrika feststecken». Was Westerwelle prompt ein Lob von Ghadhafi einbrachte.

Ghadhafi umgarnt China und Russland mit Öllizenzen

Wie Iran verurteilen China und Russland zwar Ghadhafis Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung, zu mehr als Worten lassen sich die Länder aber nicht hinreissen. Aussitzen scheint die Devise zu sein. Die Katastrophe in Japan hilft dabei. Laut Berichten von Nouvelobs.com und Stern.de hat Ghadhafi chinesische und russische Unternehmen bereits mit der Vergabe von Ölförderlizenzen gelockt, nachdem die meisten ausländischen Unternehmen das Land verlassen hatten.

Libyen exportiert zur Zeit kein Öl mehr. Das Land ist zwar ein wichtiger Ölexporteur, der Beitrag am gesamt Ölexport ist jedoch nicht so gross, dass ein kurzfristiger Stopp der Lieferungen nicht auszuhalten wäre. «Die internationale Gemeinschaft sorgt sich mehr um einen Unterbruch der Lieferungen von grossen Produzenten wie den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudiarabien, Kuwait, Irak oder Iran», sagt Bill Farren-Price, CEO des Ölberatungs-Unternehmens Petroleum Policy Intelligence in London zu DerBund.ch/Newsnet. Bei Unruhen in diesen Ländern würde der Westen höchstwahrscheinlich entschlossener handeln als bei der Libyen-Krise.

Arabische Diktatoren schlagen zurück

«Zufall? Diktatoren im Nahen Osten greifen hart durch, während die Welt auf Japan schaut», so lautet der Titel eines Artikels auf Globalpost.com. Herrschende in Jemen und Bahrain haben in den letzten Tagen ihre Anstrengungen intensiviert, den Aufstand in ihrem Land niederzuschlagen oder die Weltöffentlichkeit auszuschliessen. So seien etwa im Jemen ausgerechnet jetzt drei Journalisten vom «Wall Street Journal», der «Washington Post» und der «Los Angeles Time» ausser Landes gewiesen worden.

In Bahrain hat gleichzeitig das in Bedrängnis geratene Königshaus tausend Soldaten aus Saudiarabien und anderen Golfstaaten zur Verstärkung gegen die Aufständischen ins Land geholt. Die Gegenwart der fremden Soldaten hat die ohnehin schon angespannte Lage verschärft. Demonstranten sollen am Dienstag einen Soldaten erschossen haben, worauf die Sicherheitskräfte brutal gegen die protestierenden Menschen auf dem Perlenplatz in Manama vorgingen.

(*) Keine vollständigen Namen aus Sicherheitsgründen

DerBund.ch/Newsnet

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