«Jetzt sind es schlichtweg zu viele Flüchtlinge»

Der Strom der Menschen, die aus Libyen heraus wollen, reisst nicht ab. Die Menschen, die es über die Grenze nach Tunesien geschafft haben, haben Angst zu reden. Unter ihnen sollen auch afrikanische Söldner sein.

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Monica Fahmy@fahmy07

Der unaufhaltsame Strom von Menschen, die nur noch aus Libyen raus wollen, bringt die Tunesier ans Limit. In Ras Jedir ist die Stimmung am Sonntagnachmittag angespannter als am Samstag. Barsch weist ein Grenzbeamter Einreisende an, sich gefälligst zu beeilen. Auch Frauen und Kinder werden unfreundlich zur Seite gedrückt. Am Boden liegen leere Wasserflaschen, Biscuit-Verpackungspapier, Saft-Tetrapacks. Auf ihren Habseligkeiten sitzen Menschen im Müll und warten auf die Weiterreise.

«Es kommen täglich deutlich mehr Menschen aus Libyen», sagt Tamara Qaraien, Hilfskoordinatorin bei der Europäischen Kommission für humanitäre Hilfe. Von Mitternacht bis am Sonntagmorgen um acht Uhr waren es allein 6000 Menschen. Die Zahlen hat Qaraien vom tunesischen Militär. Die 24 Stunden davor waren es über 13'000, die aus Libyen kamen, 9371 Ägypter, 1338 Chinesen, 455 Tunesier, 336 Libyer, 109 Marokkaner und weitere Nationalitäten. Schweizer waren keine darunter.

Sanitäre Bedingungen prekär

Am Sonntag kamen viel mehr Frauen und Kinder über die Grenze, beobachtet Qaraien. Sie macht sich Sorgen um die sanitären Bedingungen im Auffanglager vor Ras Jedir. «Bis gestern war es kein Problem, aber jetzt sind es schlicht zu viele», sagt sie. Gemeinsam mit anderen Hilfsorganisationen werde man die Anstrengungen verstärken, den Menschen das Warten auf die Weiterreise zu erleichtern.

Ja, die Menschen hätten tatsächlich Angst zu reden, auch Hilfsorganisationen gegenüber, bestätigt Qaraien Beobachtungen. «Jemand wollte erzählen, wurde aber von anderen gehindert. Sie sagten: Sei still, du gefährdest sonst die anderen». An gesicherte Informationen aus Libyen zu gelangen, sei praktisch unmöglich. Nach Libyen dürfen auch die Hilfsorganisationen nicht. «Wir haben noch keine Erlaubnis erhalten», sagt Qaraien.

Afrikanische Söldner an der Grenze?

Plötzlich reisst der Strom der Einreisenden ab, es kommt zum Tumult. Auf der libyschen Seite drücken Menschen andere nach vorn. Von einem Militär ist zu erfahren, dass angeblich afrikanische Söldner, die genug hatten, auf Befehl Ghadhafis per Militärhelikopter unweit der Grenze abgesetzt wurden. Die Schwarzafrikaner würden versuchen, nach Tunesien zu kommen. Dies bereite dem tunesischen Militär Sorgen. Man wolle keine Schwarzafrikaner mehr über die Grenze lassen, und man überlege sich, Militärhelikopter einzusetzen, um die Grenze zu bewachen.

Murat Bayraktar, Hilfkoordinator der türkischen Organisation Insani Yardim Vakfi, macht eine anderen Ursache für den Tumult aus: «Wir wollten den Menschen auf der anderen Seite etwas zu essen bringen. Die Soldaten sagten: ‹Tut es nicht, sonst schiessen wir auf euch.›» Es warteten Tausende auf der anderen Seite, sie seien hungrig. Anders als in Tunesien verteilen Ghadhafis Leute keine Lebensmittel an die Wartenden. Bayraktar appelliert an die internationale Gemeinschaft: «Tunesien braucht jetzt Hilfe, um diese Situation zu bewältigen.»

Eine Boeing 747 voller Hilfsgüter

Hilfe ist unterwegs. Am Samstag Abend sei eine Boeing 747 voller Hilfsgüter für 10'000 Menschen gelandet, sagt Firas Kayal, Pressesprecher des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Decken, 2000 Zelte, Plastikunterlagen und Koch-Sets stehen am Flughafen von Djerba bereit. «Wir besprechen uns mit der tunesischen Armee und dem Roten Halbmond, wo wir die Zelte morgen aufstellen werden», so Kayal. Die UNO werde Tunesien nicht im Stich lassen, es sei nicht selbstverständlich, dass das Land die Grenzen für all die Menschen offen halte.

Auch wenn die Grenze nonstop offen hat, müssen die Menschen lange warten. Es können nicht alle auf einmal hinein, ihre Unterkunft und Verpflegung muss koordiniert werden. Tiziano Rodari und Massimo Ancheschi, zwei Italiener, die in Libyen für die italienische Ölfirma Eni gearbeitet hatten, haben 24 Stunden gewartet, bis sie aus Libyen ausreisen konnten. Sie erzählten am Samstag Abend von chaotischen Zuständen in Tripolis. «Eine Bekannte in einem Spital erzählte mir, dass zwanzig bis dreissig Tote pro Tag eingeliefert würden», sagte Rodari. Italiener, die aus Libyen wollten, müssten ihr Glück auf dem Landweg versuchen. Die Alitalia habe die Flüge aus der libyschen Hauptstadt eingestellt.

DerBund.ch/Newsnet

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