«Es wird fürchterliche Racheaktionen geben»

Ohne Hilfe von aussen haben die Aufständischen in Libyen kaum noch Chancen. Auch wenn die Welt sie im Stich lässt, al-Qaida wird nicht in die Bresche springen können, sagt Nahost-Experte Michael Lüders.

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Monica Fahmy@fahmy07

Herr Lüders, in Libyen gewinnt Muammar al-Ghadhafi die Oberhand. Was für Möglichkeiten haben die Aufständischen noch?
Ohne Hilfe von aussen werden die Aufständischen von Ghadhafi niederschlagen. Ghadhafi aber erhält nach vorliegenden Informationen Unterstützung von aussen. Viele Piloten, die für ihn fliegen, sollen aus Algerien stammen. Das algerische Regime ist nicht daran interessiert, dass nach Ägypten und Tunesien nun auch in Libyen ein Wechsel passiert.

Weiss man, wie viele algerische Piloten für Ghadhafi fliegen?
Es gibt keine konkreten Angaben darüber, aber es gibt ernst zu nehmende Hinweise, die auch von marokkanischen und libanesischen Zeitungen veröffentlicht worden sind, wonach algerische Militärberater und Piloten im Einsatz sind.

Was droht den Aufständischen?
Wie gesagt, ohne Unterstützung von aussen haben sie keine Chance mehr zu gewinnen. Wenn die Aufständischen unterliegen sollten, wird es sicherlich fürchterliche Racheaktionen der Ghadhafi-Truppen geben.

Einige Vertraute von Osama Bin Laden sind libysche Extremisten. Abu Yahia al-Libi, ein hochrangiges Al-Qaida-Mitglied, sagte in einem diese Woche im Internet veröffentlichten Video, Ghadhafi müsse fallen. Wie wahrscheinlich ist es, dass al-Qaida nun den Aufständischen hilft?
Al-Qaida hat nach allen Informationen, die uns vorliegen, in Libyen keinen Rückhalt und keine operationelle Basis. So wie Ghadhafi behauptete, die al-Qaida stehe hinter diesem Aufstand, was nachweislich nicht der Fall war und ist, versucht jetzt auch al-Qaida, mit diesem Volksaufstand in Libyen Politik zu machen. Al-Qaida ist durch die arabische Revolution sehr ins Hintertreffen geraten. Weder in Ägypten noch in Tunesien, auch nicht in Libyen, in Bahrain oder in Jemen verlangen die Menschen einen islamischen Staat oder berufen sich auf die radikale Ideologie al-Qaidas.

Also würden sich die Aufständischen lieber von Ghadhafis Truppen abschlachten lassen, als mit al-Qaida zusammenzuspannen?
Die Frage stellt sich so gar nicht, weil al-Qaida in Libyen nicht präsent ist und überhaupt keine Rolle spielt. Dieser Aufstand hat damit nichts zu tun.

Der UNO-Sicherheitsrat entscheidet heute über das Vorgehen gegenüber Libyen. Wenn die UNO nicht eingreift, wird es dennoch Staaten, unter Umständen arabische Staaten, geben, die den Aufständischen helfen?
Nein, es ist zu spät. An eine Unterstützung von den arabischen Staaten ist nicht mehr zu denken. Und der Beschluss des Sicherheitsrats der UNO, wie immer er lautet, wird auf jeden Fall zu spät kommen, um die Entwicklung vor Ort zu beeinflussen. Eine No-Drive-Zone, wie sie die Amerikaner vorschlagen, also alle Fahrzeuge zu beschiessen, die in einer bestimmten Region von Libyen fahren, klingt zwar gut, aber ob es mehr als Rhetorik ist, wage ich zu bezweifeln.

Seit ein paar Tagen ist absehbar, dass Ghadhafi die Oberhand gewinnt. Warum berät die UNO dann, wenn es zu spät ist?
Es hat zwei Gründe. Ich glaube, dass die westlichen Staaten sich von Anfang an schwer getan haben mit der arabischen Revolution und nicht wirklich begriffen haben, was da passiert, und der andere Grund ist, dass die Staaten die Sorge haben, in einen militärischen Konflikt in Libyen hineingezogen zu werden.

Wenn sich der Westen wieder mit Ghadhafi arrangiert, wie steht es dann um die Glaubwürdigkeit in der arabischen Welt?
Die Europäer und die USA geniessen im ganzen arabischen Raum keinerlei Glaubwürdigkeit mehr. Ghadhafi ist ein geschickter und skrupelloser Machtpolitiker, und er wird alles daran setzen, dass die Europäer ihn wieder als gleichwertigen Staatsmann anerkennen. Und das kann er erreichen, indem er beispielsweise damit droht, die Küsten Libyens freizugeben für Flüchtlinge aus Afrika, die nach Europa übersetzen wollen.

DerBund.ch/Newsnet

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