«Es bleibt der Königsweg: Die verdeckte Operation mit Spionen»

Hunderte Jets und ein Angriff auf Ghadhafis Fliegerabwehr wären für eine Luftverbotszone nötig, erklärt ETH-Forscher Roland Popp. Der Experte glaubt an eine andere Aktion der Westmächte in Libyen.

Mit ihnen würden westliche Agenten Kontakt aufnehmen, um dem Aufstand zum Erfolg zu verhelfen: Libysche Rebellen.

Mit ihnen würden westliche Agenten Kontakt aufnehmen, um dem Aufstand zum Erfolg zu verhelfen: Libysche Rebellen.

(Bild: Keystone)

Matthias Chapman@matthiaschapman

Herr Popp, was muss in Libyen noch geschehen, bis die Nato-Staaten militärisch eingreifen? Die Lage müsste sich schon ganz extrem zuspitzen. Derzeit wird aber auf Zeit gespielt. Die westlichen Staaten hoffen darauf, dass sich die Lage von selbst klärt, die ganz schwierigen Entscheidungen sollen so vermieden werden können.

Welche Entscheidung? Man müsste eine Antwort auf die Frage finden, was machen wir, wenn sich zeigt, dass sich das Ghadhafi-Regime halten könnte.

Was hiesse, die Lage klärt sich von selbst? Ganz klar, die Hoffnung besteht darin, dass das Ghadhafi-Regime in absehbarer Zeit fällt. Derzeit aber sieht es so aus, als ob dies nur auf militärischem Weg geschehen könnte. Der Machthaber muss gewaltsam gestürzt werden.

Ein Bürgerkrieg ist unausweichlich? So weit würde ich nicht gehen. Die Lage ist derzeit unübersichtlich. Es sieht ja so aus, als hätte Ghadhafi in den letzten Tagen seine Basis konsolidieren können. Aber das kann jeden Tag wieder ändern und hängt von der Haltung der Stämme ab. Sollte Ghadhafi durch Überläufer zu viele Kräfte verlieren, wäre sein Ende nahe.

Die USA fahren mit Kriegsschiffen durch den Suezkanal und peilen das Mittelmeer an. Wird da eine Drohkulisse aufgebaut? Nein, diese beiden Kriegsschiffe werden für weitere Evakuierungen beigezogen. Die eigentliche Drohkulisse käme vielmehr aus der Luft und würde eine Flugverbotszone über Libyen bedeuten.

Was bringt das? US-Verteidigungsminister Robert Gates nannte das «to level the playing fields». Es ginge also darum, Ghadhafis Truppen den Materialvorteil zu nehmen und so zu einem Ausgleich der Stärke der Konfliktparteien beizutragen. Ghadhafi würde damit verunmöglicht, weitere Luftangriffe zu starten oder weitere Söldner aus dem Süden einzufliegen.

Was braucht es zur Durchsetzung eines Flugverbots über Libyen? Das ist eine gewaltige logistische Aufgabe. Basis wären italienische Flugplätze und man bräuchte Hunderte Jets.

Warum so viele Flugzeuge? Es gibt einen einigermassen langen Anflug, die Maschinen können nicht lange in der Luft bleiben und das zu kontrollierende Gebiet ist sehr gross. Zudem müsste in einer ersten konzertierten Aktion die gesamte Luftabwehr der Libyer ausser Gefecht gesetzt werden.

Für die Durchsetzung eines Flugverbots inklusive der Aussergefechtsetzung der libyschen Luftabwehr bräuchte es ein UNO-Mandat. Nicht unbedingt. Im Fall Bosnien hat man auch ohne gehandelt. Frankreich hat allerdings schon erklärt, dass man sich ohne UNO-Mandat gegen ein entsprechendes Eingreifen stelle. Ganz abgesehen davon, dass auch China und vermutlich Russland nicht zustimmen würden. Ein militärisches Eingreifen halte ich aber auch aus anderen Gründen nicht für die wahrscheinlichste Option.

Warum? Das wäre Wasser auf die Mühlen von Ghadhafis Propaganda-Maschine. Das Bild von amerikanischen Jets, die Stellungen in Tripolis bombardieren, würde den antiamerikanischen Reflex auslösen. Die ganze arabische Revolution würde als Komplott des Westens dargestellt.

Sind den Westmächten also die Hände gebunden, müssen sie dem Blutvergiessen tatenlos zuschauen? Nein. Es bleibt der Königsweg für solche Situationen: Die verdeckte Operation. Was wir derzeit in Libyen sehen, ist die klassische Ausgangslage für den Einsatz von Geheimdiensten.

Was können die bewirken? Ganz viel. Man kann mit Geld wichtige Kommandeure auf die andere Seite holen, die Opposition in militärischen Fragen beraten oder ihnen bestimmte Waffensysteme zukommen lassen, zum Beispiel Luftabwehrsysteme.

Geschieht solches bereits? Ich wäre nicht überrascht, wenn eine entsprechende Direktive aus dem Weissen Haus bereits erfolgt wäre und US-Agenten am Boden schon Aufträge umsetzen. In vergleichbaren Situationen hat die US-Aussenpolitik fast immer so gehandelt.

Welche sprechen Sie an? Zum Beispiel Afghanistan 2001. Da hat man mit Kräften der Nordallianz äusserst gut zusammengearbeitet, was zum raschen Sturz des Taliban-Regimes führte.

Nochmals zum Schluss die Frage, was müsste geschehen, dass die USA und andere westliche Mächte in Libyen eingreifen? Es müsste zu ganz schweren Menschenrechtsverletzungen kommen. Zum Beispiel, dass die Luftwaffe zivile Gebiete in Benghazi, der Stadt der Aufständischen, angreifen würde. Im Fall von heftigen Angriffen auf die Kyrenaika, den Osten des Landes, aber würde ich auch ein Eingreifen von Seiten der Ägypter nicht ausschliessen. Die ägyptischen Revolutionäre empfinden grosse Solidarität mit den Protestbewegungen in den arabischen Bruderstaaten. Ägypten ist zudem eine arabische Grossmacht und stellt entsprechend einen Ordnungsanspruch.

DerBund.ch/Newsnet

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