Die Propagandamaschine läuft auf Hochtouren

Die Rebellen erzielten auch heute wieder wichtige Erfolge gegen das Ghadhafi-Regime. Doch Libyens Machthaber nimmt alles ganz anders wahr und manipuliert das Volk – mit Erfolg.

Grün steht für die Führung Libyens: Ghadhafi-Anhänger am Sonntag in Tripolis.

Grün steht für die Führung Libyens: Ghadhafi-Anhänger am Sonntag in Tripolis.

(Bild: Keystone)

Freudenschüsse über Tripolis, im Fernsehen verkündet ein Laufband, welche Städte Libyens von der Armee des Machthabers Muammar al-Ghadhafi «befreit» worden seien. Dann werden Bilder von Demonstranten gezeigt, die Bilder Ghadhafi in die Höhe halten. Die Propagandamaschine über den Kampf gegen die Aufständischen läuft auf Hochtouren.

Während die Aufständischen im Osten des Landes in den Städten Benghazi, Adschabija und Ras Lanuf erwachen, hallt die libysche Hauptstadt Tripolis am Sonntagmorgen von Schüssen aus Kalaschnikow- Gewehren und schweren Waffen wider.

Eine knappe Stunde später verkündet der Fernsehsender Al Libya, der dem Ghadhafi-Sohn Saif al-Islam nahesteht, eine ganze Serie von angeblichen militärischen Erfolgen: die Armee habe Marschbefehl in Richtung Benghazi, die Städte Tobruk, Misrata und Ras Lanuf seien aus den Händen der «terroristischen Banden» befreit worden, die Aufständischen hätten eine vernichtende Niederlage einstecken müssen.

Ort des Sieges unbekannt

Unterdessen versammeln sich tausende Menschen in Tripolis, die Schüsse verstärken sich. Männer, Frauen und Kinder kommen zum Grünen Platz im Zentrum der Hauptstadt, singen im Takt der Maschinengewehre von ihrer Liebe zum libyschen Führer. Bald flimmern die Kundgebungen über die Bildschirme des Staatsfernsehens.

Auf dem Platz werden Schirmmützen mit dem Bild Ghadhafis ausgeteilt, die Demonstranten erhalten auch grüne Fahnen und Kopfbänder - grün steht für den Islam, aber auch für die Führung Libyens. Angehörige von Polizei und Armee schliessen sich der Menge an und feuern ebenfalls in den Himmel. Tausende hupende Autos bilden Freudenkorsos auf den Hauptstrassen.

«Wir haben sie vertrieben, wir haben gewonnen», ruft Mohammed vom Steuer seines Wagens. Auf die Frage, wo die libyschen Streitkräfte gesiegt hätten, antwortet er nur: «Ich weiss nicht, wo wir gewonnen haben, aber wir haben gewonnen.»

Auf dem Grünen Platz versichern alle Befragten, sie seien spontan gekommen, um den «grossen Tag» zu feiern. In Libyen besitze jedermann eine Kalaschnikow, «und wenn wir uns freuen, dann schiessen wir», sagt Imed, bevor er lachend eine neue Salve abfeuert.

«Wir stehen wie ein Mann hinter Ghadhafi, ganz Libyen, der Norden, der Süden, der Westen und auch der Osten», behauptet Imed, der zu einer regierungstreuen Miliz gehört.

Der Beamte Mohammed, der mit seiner einjährigen Tochter gekommen ist, sagt: «Jetzt sieht die ganze Welt, dass das Volk 'Ja' zu Ghadhafi sagt, unserem Vater, unserem Führer.»

Auch Kinder in Szene gesetzt

Auch die Kinder werden für die Freudenfeiern in Szene gesetzt. Ein Kind in einer Ninja-Turtle-Uniform hält den Revolver seines Vaters, in der Nähe reicht ein Soldat seine AK-47 einer Gruppe von Schülern, die sich damit fotografieren.

«Wir haben gewonnen, al-Qaida ist für immer gegangen», ruft ein zwölfjähriger Junge und bekräftigt damit die offizielle Version, wonach das Terrornetzwerk die Revolte in Libyen ausgelöst habe.

Al Libya zeigt auch Bilder von «Freudendemonstrationen» in Sirte, der Geburtsstadt Ghadhafis, und in Sebha im Süden. Von beiden Städten hatte die Opposition nie behauptet, dass sie sie kontrolliere.

Journalisten der Nachrichtenagentur AFP berichten aus Ras Lanuf, dass alles ruhig ist. Ähnliches sagen Zeugen in Tobruk. Von einem Sieg der Ghadhafi-Treuen könne nicht die Rede sein.

mrs/sda

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