Die al-Qaida ringt um Aufmerksamkeit

Durch die Aufstände in Nordafrika fürchtet die al-Qaida in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Nun erwägt die Extremistengruppe eine Strategieänderung.

Extremisten werden kleinlaut: Archivfoto von Osama bin Laden.

Extremisten werden kleinlaut: Archivfoto von Osama bin Laden.

(Bild: Keystone)

Die Verblüffung über die unerwarteten Volksaufstände in der arabischen Welt hat al-Qaida fast verstummen lassen. Die sunnitische Terrororganisation findet keine Antwort auf den plötzlichen Ruf nach Demokratie.

Die Extremisten sind kleinlaut: Die Umstürze in Ägypten und Tunesien stellen eines ihrer Kernargumente in Frage - nämlich, dass sich politischer Wandel in der Region nur durch terroristische Gewalt bewirken lasse. Inzwischen ist im extremistischen Dschihad- Milieu eine Debatte entbrannt, wie das Abdrängen in die Bedeutungslosigkeit verhindert werden kann.

Chance oder Risiko?

Diese Debatte wird weltweit auf speziellen Internet-Plattformen geführt, die einen Einblick in die Gedankenwelt der Extremisten erlauben. Manche sehen ihre Bewegung durch die Ankunft der Demokratie in der arabischen Welt ernsthaft gefährdet. Andere wittern neue Chancen auf dem Weg zu einem Gottesstaat.

«Die Demokratie stellt al-Qaida und ihre Vorhaben vor eine wichtige Weggabelung», heisst es in einem Kommentar auf der Webseite «Shumukh a-Islam», die als Plattform der al-Qaida gilt. Der Autor warnt: Die Muslime dürften das Ziel eines Staates auf Grundlage der Scharia, des islamischen Rechts, nicht aufgeben. Sie würden in der Demokratie nicht das finden, was sie suchen.

Die Debattenbeiträge lassen auf Verunsicherung und die Suche nach einer neuen Strategie schliessen. Der al-Qaida, die sich ansonsten professionell aller Möglichkeiten der Medienkommunikation bedient, hat es fast die Sprache verschlagen.

Al-Qaida duckt sich weg

«Ich habe sie noch nie so ruhig erlebt», sagte Jarrett Brachman, ein Experte für al-Qaida und deren Medienstrategie, am Mittwoch vor einem Ausschuss des US-Kongresses. «Momentan verfolgt al-Qaida die Strategie, abzuwarten und sich wegzuducken», sagte er. «So nachdenklich hat man die al-Qaida-Führung noch nicht erlebt.»

In Kommentaren auf «Shumukh al-Islam» lassen Extremisten ihrer Wut auf die Entwicklung freien Lauf. «Welcher Wandel? Die Leute haben nichts gestürzt», schreibt ein Nutzer mit Namen Abu Musab al-Dhahak. «Sie haben vielleicht Symbole und Gesichter gestürzt.»

Der Nutzer Abu Talha al-Naimi hebt neue Chancen hervor: «al-Qaida wird sich nur leichter ausbreiten können, weil es wegen der Schwächung des Sicherheitsapparats für uns einfacher geworden ist, unsere Botschaft zu predigen.»

Westen in der Pflicht

US-Experten schreiben das al-Qaida aber noch längst nicht ab. Viel werde von der weiteren wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung in den arabischen Ländern abhängen. Die Schaffung von Arbeitsplätzen und der Kampf gegen die Korruption würden als Gradmesser dienen, ob Demokratie als erfolgreich angesehen wird.

«Bei Regimewechseln in der arabischen Welt profitiert auf kurze Sicht al-Qaida, weil die Umstürze die Instabilität erhöhen und ein Machtvakuum schaffen», sagt der Terrorexperte Barak Barfi von der «New America Foundation» in Washington.

Westlichen Ländern wie den USA falle nun die Aufgabe zu, zu einer wirklichen Verbesserung der Lebensverhältnisse beizutragen. Sollte dies nicht gelingen, «dann wird al-Qaida auch langfristig gedeihen», sagt Barfi.

mrs/sda

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt