Der Jihad-Kämpfer an der libyschen Front

Ein toter Aufständischer sorgt in Libyen für Aufregung: Die Regierung behauptet, der ranghohe Kommandant der Rebellen habe Kontakte zu al-Qaida gehabt. Er selber stritt dies zwei Tage vor seinem Tod ab.

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Auf einer staubigen Piste im Osten Libyens geriet Abdel-Moneim Mochtar in einen Hinterhalt regimetreuer Soldaten und wurde getötet. Als junger Mann war er nach Afghanistan in den Jihad gezogen. Danach kämpfte er mit den Aufständischen daheim gegen den Despoten Muammar al-Ghadhafii.

Bei der Bekanntgabe seines Todes vorige Woche bezeichnete die libysche Regierung Mochtar als al-Qaida-Mitglied und versuchte damit erneut, die Rebellen mit dem Terrornetzwerk Osama bin Ladens in Verbindung zu bringen. Mochtar war ein ranghoher Kommandeur der Libyschen Islamischen Kampfgruppe (englische Abkürzung: LIFG), mit der sich al-Qaida eigener Darstellung zufolge vor vier Jahren verbündet haben will.

Der 41-Jährige war einer von einer Handvoll Kommandeuren, die im Osten Libyens mehr als 150 Rebellen befehligten. In einem AP-Interview zwei Tage vor seinem Tod bestritt er jegliche Verbindung zwischen der LIFG und dem Terrornetzwerk. «Wir kämpften nur, um Libyen zu befreien», sagte er. «Wir erkannten, dass Ghadhafi ein Mörder ist und Leute gefangennimmt; deshalb mussten wir ihn bekämpfen.»

Kampf gegen Ghadhafi in den 90ern

Ob islamische Fundamentalisten unter den Aufständischen sind, ist ein heikles Problem für die westlichen Länder, die den Rebellen mit Luftangriffen zur Seite stehen und sich entscheiden müssen, wie weit sie sich auf die Sache einlassen. Der Nato-Oberkommandierende US-Admiral James Stavridis sprach kürzlich von möglichen vereinzelten Verbindungen zu al-Qaida und Hizbollah. Es gebe aber keine Hinweise darauf, dass sie in nennenswerter Zahl in der Führungsebene vertreten seien. Extremisten unter den Kämpfern seien Ausnahmen, erklärte der Sprecher des Übergangsrats der Opposition in Benghazi. Demokratie herzustellen sei der einzige Weg, mit ihnen fertigzuwerden.

Mochtar stammte aus Sabratha im Nordwesten. 1990 ging er als 20-Jähriger nach Afghanistan, wo die Mudschaheddin die von den Sowjets installierte Marionettenregierung bekämpften. Drei Jahre lang kämpfte er unter dem Warlord Dschalaluddin Hakkani, der im Krieg gegen die Sowjets von den USA unterstützt wurde und heute zu ihren erbitterten Gegnern zählt.

Mindestens 500 Libyer gingen US-Experten zufolge nach Afghanistan. Doch Mochtar erklärte, nicht viele von ihnen seien heute auf Seiten der Rebellen dabei. Viele Heimkehrer wurden verhaftet oder getötet, als sie Ghadhafi Mitte der 90er Jahre mit der Gründung der LIFG den Kampf ansagten.

Islamismus ja, Terrorismus nein

Mochtar wurde einer der drei höchsten militärischen Befehlshaber der Gruppe, wie sein langjähriger Weggefährte Anes Scharif berichtet. Er hatte das Kommando im Süden Libyens und plante mehrere versuchte Anschläge auf Ghadhafi. Der schlug gegen die Kämpfer zurück. «Wenn er uns gefangennahm, folterte er nicht nur uns, sondern auch unsere Angehörigen», sagt Scharif. Viele Mitglieder flohen ins Ausland. Auch Mochtar setzte sich Scharif zufolge Ende der 90er ab und kehrte erst nach Beginn des Aufstands wieder zurück.

«Wie haben nicht viele erfahrene Kommandeure im Feld. Deshalb bin ich hier draussen», erklärte Mochtar in dem Interview bei Adschdabija. Wie später auch Scharif bestritt er ein Bündnis mit al-Qaida: Das sei von der Führung der LIFG nie gebilligt worden. Nach jahrelangen Verhandlungen schwor die Gruppe 2009 der Gewalt ab und beteuerte, keine Verbindung zur al-Qaida-Organisation zu haben oder gehabt zu haben. Im Zuge der Verhandlungen wurden über 100 LIFG-Mitglieder aus der Haft freigelassen. Vor dem Aufstand jetzt änderte die Gruppe laut Scharif ihren Namen in Libysche Islamische Bewegung für den Wandel.

Briten vertrauen den Rebellen

Britische Stellen glauben, dass die LIFG sich an ihre Absage an die Gewalt gehalten und keine Verbindung zu al-Qaida habe. «Sie sind offensichtlich immer noch einer islamistischen Weltanschauung verpflichtet, aber sie billigen keine Terroraktionen mehr», sagt der Extremismusexperte Ghaffar Hussain von der britischen Gilliam Foundation. «Manche früheren Angehörigen der Libyschen Islamischen Kampfgruppe haben sich entschieden, sich den Rebellen anzuschliessen, hauptsächlich weil sie weiterhin Gegner von Gaddafis Regime sind. Aber nichts deutet darauf hin, dass sie sich wieder als dschihadistische Organisation formieren.

miw/dapd

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