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«Der Hafen von Misrata ist das einzige Tor zur Welt»

Der Seeweg ist die einzige Verbindung der libyschen Stadt zur Aussenwelt. Eine Flotte von Schiffen und Schleppern sorgt für den wichtigen Nachschub. Der Hafen gerät derweil immer wieder unter Beschuss.

Erfolgreicher Schlag für Ghadhafi: Ein Treibstoffdepot in Misrata geht in die Luft. (7. Mai 2011)
Erfolgreicher Schlag für Ghadhafi: Ein Treibstoffdepot in Misrata geht in die Luft. (7. Mai 2011)
AFP
Libysche Aufständische verladen in Benghazi Waren für Misrata. (7. Mai 2011)
Libysche Aufständische verladen in Benghazi Waren für Misrata. (7. Mai 2011)
AFP
Ghadhafi-treue Soldaten lassen sich auf einer geführten Pressetour der Regierung fotografieren. (28. März 2011)
Ghadhafi-treue Soldaten lassen sich auf einer geführten Pressetour der Regierung fotografieren. (28. März 2011)
Reuters
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Mit 500 Tonnen Fracht an Bord hält die griechische Fähre auf Misrata zu. Die «Ionian Spirit» bringt Lebensmittel und medizinisches Material in die belagerte Stadt und kann auf dem Rückweg 1000 verzweifelte Menschen mitnehmen, die vor dem Trommelfeuer der Truppen Muammar al-Ghadhafis fliehen.

Sie gehört zu einer Flotte aus Schiffen, Fischdampfern und Schleppern, die von Benghazi aus der letzten grösseren noch von Aufständischen gehaltenen Stadt im Westen Libyens Nachschub bringt. Der Pendelverkehr über die Grosse Syrte ist die einzige Lebensader für Misrata.

Schiffe geraten unter Beschuss

Die Schiffe wagen sich in einen Hafen, der immer wieder unter Feuer gerät. Einige der kleineren Fahrzeuge wurden mit Raketen beschossen oder von Kriegsschiffen gejagt. Der Seeverkehr von Ost nach West hilft den Einwohnern zu überleben und bringt den Verteidigern Misratas Nachschub an Waffen und Munition.

Salah Budelel hat die Tour mit seinem Schlepper in den vergangenen zwei Monaten schon drei mal gemacht, beladen vor allem mit Waffen und Munition. Anfangs seien es Schusswaffen gewesen, berichtet der weisshaarige Kapitän. Doch inzwischen bräuchten die Aufständischen eher Munition, um gegen Ghadhafis Leute durchzuhalten, die bis ins Stadtzentrum vorgestossen sind und ganze Viertel mit Artillerie, Panzern und Raketen beschiessen.

«Auch Munition ist eine Art von Hilfe»

«Wir haben erkannt, dass Misrata Hilfe braucht, Lebensmittel, Medikamente und Waffen», sagt er, als sein Schiff in Benghazi im Hafen liegt. Und der Seeweg sei die einzige Zugangsmöglichkeit gewesen. «Auch Munition ist eine Art von Hilfe».

In Misrata, mit 300'000 Einwohnern die drittgrösste Stadt Libyens, wächst die Verzweiflung. Vielerorts sind Strom und Wasser ausgefallen. Gebäude an den Hauptstrassen im Zentrum sind zerbombt, von den Dächern zielen Ghadhafis Scharfschützen. Die Bewohner sind in Viertel geflohen, die noch nicht von Regierungstruppen eingenommen wurden - vor allem in die Gegend am Hafen, der einzigen Verbindung zur Aussenwelt.

«Die einzige Möglichkeit, die Stadt am Leben zu halten»

Schiffsführer aus Benghazi wie Budelel begannen, diese Verbindung zu knüpfen. Inzwischen machen ein gutes Dutzend einheimische Schlepper und alte Fischerboote etwa einmal die Woche die 400-Kilometer-Tour. Sie sind die Waffenlieferanten, bringen aber auch Lebensmittel und Medikamente. Gelegentlich kommen Bürger von Benghazi zum Hafen und geben Sachen ab.

In den vergangenen Wochen weitete sich die Aktion aus, seit grössere Schiffe unter anderem aus der Türkei und aus Malta dazustiessen, die teils im Auftrag internationaler Organisationen fahren. Sie bringen humanitäre Hilfe nach Misrata und holen Verwundete und Flüchtlinge heraus.

«Den Hafen offen zu halten, ist das einzige Tor zur Welt und die einzige Möglichkeit, die Stadt am Leben zu halten», sagt Suleiman Fortia, ein Vertreter des Nationalen Übergangsrats in Misrata. «Wenn nicht, werden wir kapitulieren müssen.»

Ausländer und Verwundete werden evakuiert

Die «Ionian Spirit» brachte am Mittwoch 500 Tonnen Hilfsgüter im Auftrag der Internationalen Organisation für Migration (IOM): Tomaten, Zwiebeln und Nudeln, Matratzen, Generatoren für Krankenhäuser und medizinische Verbrauchsgüter. An Bord waren auch Ärzte, die während der Überfahrt provisorische Intensivstationen in den Kabinen der Fähre einrichteten, um auf dem Rückweg nach Bengasi Verwundete und Kranke versorgen zu können.

Auf der vorigen Fahrt hatte die griechische Fähre 900 Menschen aus Misrata in Sicherheit gebracht, darunter nigerianische Fabrikarbeiter, indische Ingenieure, ukrainische Krankenschwestern und Libyer, die im Kampf gegen Ghadhafi Gliedmassen verloren haben.

«Wie haben keine Garantie von irgendjemandem»

Tausende sind bereits auf dem Seeweg geflohen, viele von ihnen Gastarbeiter mit spärlichem Gepäck. Über 5'000 Ausländer halten sich laut IOM noch in der Stadt auf. Die meisten kampieren am Hafen, haben kaum ein Dach über dem Kopf, wenig Essen und Wasser, die hygienischen Zustände werden zusehends schlimmer.

Die Fahrten sind nicht ohne Risiko. Die IOM unterrichte das Regime über ihre ankommenden Schiffe, erklärt Einsatzleiter Jeremy Haslam. Als die «Ionian Spirit» das vorige mal Kurs auf Misrata nahm, hörte die Mannschaft schweres Artilleriefeuer aus der Stadt. Aber als sie sich dem Hafen näherten und einliefen, sei es «unheimlich» still geworden, sagt Haslam. Doch er fügt hinzu: «Wie haben keine Garantie von irgendjemandem.»

Ben Hubbard/dapd/lcv

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