Das müssen die Libyer allein zu Ende bringen

Sollte sich jetzt der Westen einmischen, würde die Revolution in Libyen ihre Legitimität verlieren.

Bewaffnet erwarten sie die Offensive von Ghadhafi-freundlichen Militärs in Zawiya: Ghadhafis Volk hat seinen Aufstand allein begonnen. Es muss ihn allein beenden.

Bewaffnet erwarten sie die Offensive von Ghadhafi-freundlichen Militärs in Zawiya: Ghadhafis Volk hat seinen Aufstand allein begonnen. Es muss ihn allein beenden.

(Bild: Keystone)

Tomas Avenarius@tagesanzeiger

Die Liste der Sanktionen ist lang und sie kam für UNO-Verhältnisse erstaunlich schnell: Einstimmig verhängte der Weltsicherheitsrat ein vollständiges Waffenembargo über Libyen. Dazu erliess das oberste Organ der Staatengemeinschaft ein Reiseverbot für Diktator Muammar al-Ghadhafi, seine Familie und seine obersten Schergen. Die Milliarden-Konten des Gewaltherrschers werden gesperrt. Noch wichtiger: Ghadhafi, der libysche Despot, wird sich vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag verantworten müssen. Er ist mit äusserster Brutalität gegen die friedliche Protestbewegung vorgegangen: Jets, Helikopter, Panzer und Flugabwehrgeschütze gegen unbewaffnete Demonstranten, die Freiheit fordern. Falls Oberst Ghadhafi das sich langsam abzeichnende Ende dieser Revolution überleben sollte, wird er den Rest seines Lebens in einer Gefängniszelle verbringen oder an einem libyschen Galgen enden.

Auf dem Weg zum Sieg

Die Frage, ob die internationale Staatengemeinschaft wieder einmal zu lange gewartet hat, bis sie sich von einem der einschlägigen arabischen Autokraten abgewendet hat, ist ebenso berechtigt wie müssig. Die Staats- und Regierungschefs, die Wirtschaftsbosse und auch der UNO-Generalsekretär wussten alle, mit welchen Mitteln der Libyer über seine nicht einmal sechs Millionen Bürger herrscht. Aber das Land hat Öl. Erdöl wog im Umgang mit den Königen, Emiren und Obristen der arabischen Welt immer schwerer als Blut. Erfolgversprechender als rückblickende Debatten über die fehlende Moral des Westens ist für Libyen daher die eigene Zukunft: Die Menschen haben sich gegen ihren seit 42 Jahren herrschenden «Bruder Führer» aufgelehnt. Sie sind auf dem Weg, ihre Revolution zu gewinnen. Sie haben die Chance, eine demokratische Gesellschaft aufzubauen, die die Menschen- und Bürgerrechte im eigenen Land besser schützen kann, als es die Geschäftsinteressen der westlichen Staaten und ihrer Erdölkonzerne je tun werden: Selbstbestimmung statt Abhängigkeit vom guten Willen anderer ist der Preis, den die Libyer gewinnen können.

Entscheidend ist, dass die Staatengemeinschaft sich militärisch nicht einmischt in die Kämpfe zwischen dem Überrest des Regimes und der landesweiten Opposition. Ghadhafis Volk hat seinen Aufstand allein begonnen. Es muss ihn allein beenden. Die Libyer haben schon jetzt einen hohen Preis bezahlt. Der Blutzoll wird weiter steigen, und es wird der Welt sehr schwer fallen, tatenlos zuzusehen: Der Oberst in Tripolis ist keiner, der aufgibt. Er wird sein letztes Aufgebot auf die Aufständischen hetzen, seine Söldner und Getreuen weiter schiessen lassen. Dennoch steht fest: Sollten Nato-Jets Ghadhafis Milizen jetzt bombardieren, würde diese Revolution ihre Legitimität verlieren. Die Menschen in Tobruk, Benghazi und Tripolis wollen keine Hilfe aus dem Ausland. Der Ruf der grossen Industriestaaten ist bei ihnen seit langem ruiniert.

Aufstand lässt sich nicht rückgängig machen

Die Staats- und Regierungschefs, die Aussenminister und Konzernführer – alle sassen sie in Ghadhafis Beduinenzelt. Sie hörten sich brav die wirren Reden des eitlen Staatschefs an, der unterzeichnete dafür am Ende einträgliche Verträge. Deutschlands Kanzler Gerhard Schröder war dabei, der Italiener Silvio Berlusconi, Franzosen, Amerikaner und Chinesen. Die UNO nahm Libyen in ihren Menschenrechtsrat auf und machte den Bock zum Gärtner. Gestört hat das wenige. Ghadhafi-Sohn Saif al-Islam reiste derweil durch die Hauptstädte der Welt, verkaufte sich als Libyens Reformer, ausgezeichnet mit einem britischen Doktortitel. In der Schweiz war er auch. Jetzt hat er sich entlarvt als das Abziehbild seines Vaters: arrogant, brutal, ein kommender Diktator.

In Libyen selbst ist noch nichts entschieden. Der alte Ghadhafi, der alle Züge eines Psychopathen aufweist, sah auch vor den UNO-Sanktionen keinen Ausweg mehr. Er sieht sich einem Volksaufstand gegenüber, der sich jetzt auch durch Reformen nicht mehr rückgängig machen lässt. Die Libyer haben nach der Gewaltorgie eine klare Forderung: das Aus für Ghadhafi. Der Gewaltmensch kann nur weiter gegen sein eigenes Volk kämpfen. Er kontrolliert nur noch einen Teil des Landes. Er kann die Macht zurückgewinnen oder untergehen. Flucht und Exil, der ruhige Alterssitz bei den Gleichgesinnten in Venezuela oder Bolivien ist keine Option mehr. Aber Ghadhafi kommandiert noch immer seine Milizen, hat keine Hemmungen, sie einzusetzen. Wer zweifelt, sollte sich erinnern: 1996 liess er 1200 Regimegegner ermorden – an einem Tag. Als die jüngste Revolte begann, liess er schon am ersten Tag schiessen: Ausser Gewalt fällt diesem «Bruder Führer» nichts ein.

Kampf bis zur letzten Kugel

Der Erfinder der «Dritten politischen Universaltheorie» mag ein grössenwahnsinniger Irrer sein oder ein zynischer Machiavellist: Realist war er immer. Ihm bleibt die Wahl zwischen dem Tod im Palast, der Hinrichtung nach einem libyschen Prozess oder bestenfalls der Gefängniszelle in Den Haag. So wie der Despot gestrickt ist, dürfte er sich für den Palast entscheiden: den Kampf bis zur letzten Kugel. Muammar al-Ghadhafi glaubt eben immer noch, recht zu haben gegenüber seinem Volk.

Tages-Anzeiger

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