«Chinas Kinder lernen nur noch»

Die Pisa-Studie zeigt: Chinesische Kinder sind den europäischen in der Schule überlegen. Die Sinologin Andrea Riemenschnitter erklärt warum – und sagt, was die negativen Folgen sind.

«Eine Million chinesische Studenten finden jährlich keine Jobs»: Sinologin Andrea Riemenschnitter.

«Eine Million chinesische Studenten finden jährlich keine Jobs»: Sinologin Andrea Riemenschnitter.

Christian Zürcher@suertscher

Frau Riemenschnitter, welches Verständnis haben die Chinesen von Bildung?
Wissen ist Macht. Schon sehr lange ist in China Bildung der Königsweg zum sozialen Aufstieg. Viele Eltern sparen heute die hohen Studiengebühren unter grossen Entbehrungen zusammen. Sie geben alles, damit ihre Kinder studieren können – das kann man sich hier in Europa gar nicht vorstellen, wo das Studium viel billiger ist.

Weshalb ist das so?
Gute Frage. Es gibt darauf zwei Antworten: Einerseits hat der Westen eine andere Bildungstradition. In China wurde man anders erzogen, man hat vor allem kanonische Texte und Gedichte gelernt. Das Wissenschaftliche kam als fremde Denktradition ins Land, es gab dafür zunächst keine eigenen Bildungsinstitutionen – darum hat es etwas gedauert, bis das Wissen des Westens von China absorbiert wurde. Dann kam mit der Kulturrevolution noch einmal ein Bruch mit dem Ziel, eine andere als die westliche Moderne zu schaffen. Erst mit Deng Xiaopings Öffnung Chinas hat man sich im Bildungssektor dem westlichen Wissen systematisch und flächendeckend zugewandt.

Was ist die andere Antwort?
Es wäre nicht gut, wenn der Westen nun auch seine Kinder in ähnliche Wissensfabriken stecken würde. Denn die freien Denkräume, die wir über die letzten Jahrhunderte geschaffen haben, gehen dabei verloren. Es ist hauptsächlich ein reproduktives Wissen, das in China durch Auswendiglernen gefördert wird.

Bleibt das selbstständige Denken damit nicht auf der Strecke?
Das selbstständige Denken kann man nicht fördern, wenn man Kinder von morgens früh bis abends spät nur lernen lässt. Die Kinder spielen nicht mehr, sie probieren nichts mehr aus, sondern lernen nur noch.

Wohin führt dies?
Im Moment führt dies zu grossen Investments in Universitäten, Thinktanks und vermarktbares Wissen. Ruhiges Nachdenken und Querdenken haben nicht diesen Stellenwert. Dies bleibt auf der Strecke. Doch: Auch wir gelangen an unsere Grenzen. Weil auch wir uns die Musse zum Nachdenken nicht mehr erlauben können. Da die ganze Welt nach mehr oder weniger demselben System funktioniert, steigt automatisch auch der Eindimensionalität erzeugende Konkurrenzdruck bei uns – wegen des globalen Wettbewerbs.

In der Pisa-Studie schwingen Hongkong, Shanghai oder Macao obenaus – bestehen Unterschiede zum Landesinneren?
Im Hinterland herrschen völlig andere Standards – die besten Lehrer ziehen in die Städte. Auch die grössten Talente des Landes werden rekrutiert und in den urbanen Zentren gefördert. Es ist das grosse Ziel vieler junger Menschen, in die grossen Städte zu gehen.

Wie nachhaltig ist dies – besteht nicht die Gefahr, dass die jungen Menschen ausbrennen, wenn sie täglich von morgens bis abends lernen?
Wichtig ist für Schulabgänger die Aufnahme an der Universität. Ist dies geschafft, können sich die Studierenden ein bisschen erholen, denn die ersten Jahre an der Universität sind selbst an den Eliteuniversitäten nicht mehr so anstrengend.

Doch was passiert mit den weniger talentierten Schülern?
Diese werden im schlimmsten Fall zu Wanderarbeitern. Das ist notabene ein grosses Problem in China: Es gibt mittlerweile jährlich eine Million Studienabgänger, die keine Jobs finden. Die Selbstmordrate unter ihnen ist relativ hoch. Man nennt diese neue soziale Gruppe von arbeitslosen Akademikern in China Ameisen, weil sie Gefahr laufen, sozial abzusinken, und sich deshalb ganz besonders für die Karriere einsetzen. Durch die starken Hoffnungen der Bevölkerung in den hervorragend aufgestellten und auf internationale Exzellenz ausgerichteten Bildungssektor gibt es derzeit diese Überproduktion an Studenten.

DerBund.ch/Newsnet

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