Johnson nimmt Kurs auf Donald Trump

Die Abkehr von Europa, die Boris Johnson um jeden Preis will, macht ihn abhängig vom US-Präsidenten.

Boris Johnson, vermutlich der nächste britische Premier, will Amerika Mitsprache über britische Politik einräumen. Foto: Leon Neal (Getty Images)

Boris Johnson, vermutlich der nächste britische Premier, will Amerika Mitsprache über britische Politik einräumen. Foto: Leon Neal (Getty Images)

Peter Nonnenmacher@tagesanzeiger

Glaubt man den internen Umfragen, hat Boris Johnson bereits gewonnen. Offenbar haben so viele der 160 000 Tory-Mitglieder bei der laufenden Briefwahl schon für ihn gestimmt, dass sein Rivale Jeremy Hunt keine Chance mehr hat.

Dabei wird erst am 23. Juli offiziell bekannt gegeben, wer Theresa May als neuer Partei- und Regierungschef beerbt. Doch schon eine gute Woche vorher zeichnet sich nun ab, wer im Vereinigten Königreich in Kürze das Sagen haben wird. Selbst langjährige Kritiker Johnsons unter den Konservativen erweisen ihm plötzlich Reverenz, um sich noch schnell ein Plätzchen an seinem Kabinettstisch zu sichern.

Einst moderat gestimmte Minister und vermeintliche Pro-Europäer sind mit einem Mal bereit, dem künftigen Premier auf dem Weg in einen No-Deal-Brexit zu folgen. Sogar Ex-Schatzkanzler George Osborne, der die Brexiteers als Chefredaktor des «Evening Standard» drei Jahre lang bitter attackierte, weiss jetzt jede Menge Nettes zu schreiben über «Boris», den kommenden Mann.

Loyalität bedeutet nichts

Und diejenigen, die nicht bereit sind, sich Johnson und seinem Kurs zu unterwerfen, weil sie von seiner Regierung Schlimmes befürchten, wissen natürlich auch, dass ihre Zeit abgelaufen ist. Wertschätzung anderer ist nie Johnsons Sache gewesen.

Einen, der seine Pflicht tat im Korps der britischen Diplomaten, hat der Ex-Aussenminister bereits auf spektakuläre Art und Weise zu Fall gebracht. Sir Kim Darroch, Londons Botschafter in Washington, musste letzte Woche seinen Rücktritt einreichen, weil Johnson deutlich machte, dass er ihn nicht im Amt halten würde. Darroch hatte sich den Zorn des US-Präsidenten eingehandelt. Also opferte Johnson ihn. Dabei hatte der Botschafter sich nichts zuschulden kommen lassen. Aber mit Donald Trump anlegen wollte sich Johnson auf gar keinen Fall.

Die Geschichte spricht Bände. Courage, Loyalität, Unterstützung der eigenen Staatsbeamten bedeutet Johnson wenig. Statt sich dem eigenen Land – und dessen Diplomaten – verpflichtet zu fühlen, sucht Mays wahrscheinlicher Nachfolger lieber die Nähe zu Trump. Denn ohne die USA läuft post Brexit nichts für London. Die Abkehr von Europa, die Johnson diesen Herbst um buchstäblich jeden Preis durchzwingen möchte, macht ihn abhängig vom Wohlwollen Trumps.

Die Episode mit Sir Kim hat Johnsons Landsleuten nun vor Augen geführt, was da auf sie zukommt. Das betrifft zum einen Persönliches – mit welchem Opportunismus, welcher Verachtung für Diplomatie, welch destruktiver Leichtfertigkeit ihr nächster Regierungschef vorzugehen bereit ist. Doch das Ganze hat auch eine politische Seite. Hier bahnt sich ein bemerkenswerter Schwenk in der britischen Aussenpolitik an.

Sir Kim ist nur der Anfang

May hat bei aller Konzilianz gegenüber Trump gelegentlich noch abgebremst, doch Johnson tritt im Zeichen der «special relationship» schon jetzt aufs Gaspedal. Ausgerechnet der Mann, der seinen Landsleuten beim Brexit-Referendum Rückkehr zu nationaler Selbstkontrolle gelobte, will dem grossen Alliierten nun offenbar Mitsprache über britische Politik einräumen.

Das Botschafter-Opfer ist nur den Anfang. Trump darf auch britische Rücksichtnahme in anderen Fragen erwarten, wie etwa im Verhältnis zu China, zu Israel, zum Iran. Den bilateralen Handelsvertrag, auf den Johnson angewiesen ist, wird es nur geben, solange die Briten alle Bedingungen Trumps erfüllen: solange sie ihr staatliches ­Gesundheitswesen amerikanischem Kapital öffnen und chloringetränkte Poulets aus den USA auf britische Supermarkt-Regale lassen.

Wie schnell das gehen kann mit der «Kurskorrektur», de­monstrieren die Spannungen im Persischen Golf. Noch hoffen auch britische Diplomaten, an der Seite Deutschlands und Frankreichs den von Trump weggewischten Vertrag mit Teheran irgendwie zu retten.

Zugleich aber beginnen sich die Briten auf riskante Manöver an der Seite Washingtons einzulassen. Auf Geheiss der USA haben sie einen iranischen ­Öltanker vor Gibraltar beschlagnahmt, was nicht hätte geschehen müssen. Nun spitzt sich die Lage im Golf zu. Und schon verlangt Washington das ­Oberkommando auch über Royal-Navy-­Schiffe dort.

Populistisch angehaucht

Mit dem Ziel eines knallharten Brexit und mit der nun abseh­baren Übernahme der Regierung in London durch eine populistisch angehauchte, rechtsrebellische Tory-Fraktion driftet die britische Politik in gefährliche Gewässer, warnen Beobachter.

Grossbritannien, hat es ein Beobachter formuliert, drohe sich «zum Vasallen eines launischen, unbeeinflussbaren Staates» zu machen. Auf der sinnbildlichen Brücke zwischen Europa und Amerika, die das Königreich einmal sein wollte, wird man Boris Johnson jedenfalls nicht stehen sehen.

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