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Anstatt zu schweigen, klatschen sie

Während sich die Caféterrassen auf den südlichen Ramblas wieder mit Touristen füllen, setzt die Bürgermeisterin ein Zeichen gegen die Angst.

Thomas Urban, Barcelona
Spanien steht zusammen: Der Premier Minister, Mariano Rajoy, der König, Felipe VI, der katalonische President, Carles Puigdemont und Barcelonas Bürgermeisterin, Ada Colau (von links nach rechts) klatschen gemeinsam während der Schweigeminute auf dem Plaza Catalunya.
Spanien steht zusammen: Der Premier Minister, Mariano Rajoy, der König, Felipe VI, der katalonische President, Carles Puigdemont und Barcelonas Bürgermeisterin, Ada Colau (von links nach rechts) klatschen gemeinsam während der Schweigeminute auf dem Plaza Catalunya.
Luis Gene, AFP

Die Reinigungstrupps in Barcelona haben alle Spuren des Verbrechens beseitigt. Nachdem die Ermittler der Polizei abgerückt waren, säuberten sie bis zum frühen Morgen den Boulevard Las Ramblas. Keine Blutflecken sind mehr zu sehen, ein paar zertrümmerten Kioske auf der berühmten Flaniermeile wurden weggeräumt, andere provisorisch repariert.

Die meisten Andenkenläden entlang der 550 Meter langen Strecke im Nordabschnitt der Ramblas, an der ein weisser Lieferwagen am Donnerstag mindestens 13 Menschen in den Tod gerissen hatte, sind am Freitagvormittag wieder geöffnet. Viele sind drapiert mit weissen Blättern, auf die eine schwarze Trauerschleife aufgedruckt ist. Der Lieferwagen wurde noch in der Nacht abtransportiert, nachdem ihn ein Sprengstoffroboter geöffnet hat. Die Polizei hatte zunächst gefürchtet, dass in ihm eine Bombenladung versteckt sei.

Video: Die Polizei schleppt den Lieferwagen ab

Zwei junge Frauen legen neben der Stelle, an der der Wagen zum Stehen gekommen war, ein Stück türkisfarbene Folie auf das Pflaster, offenbar aus einer Plastiktischdecke ausgeschnitten. Mit dickem schwarzen Filzstift steht darauf auf Katalanisch und Spanisch: «Katalonien, Ort des Friedens!» Touristen stellen Teelichter daneben, eine ältere Frau hat zwei Kerzen mitgebracht. «Aus der Kirche von nebenan», sagt sie. Ein Kind legt einen kleinen rosafarbenen Teddybär dazu. Als die Blumenläden öffnen, werden nach und nach Blumensträusse und viele einzelne Rosen um die Friedensbotschaft drapiert, vor allem in den Farben rot und weiss.

Caféterrassen sind schnell gut besucht

Die Ramblas sind am frühen Morgen wieder freigegeben worden. Somit konnten auch Hunderte von Touristen, die stundenlang orientierungslos in Bars, auf den Plätzen in der Innenstadt oder schnell aufgestellten Zelten des Roten Kreuzes auf der grossen Plaça de Catalunya ausharren mussten, in ihre Unterkünfte zurückkehren. Dutzende wurden spontan von Einheimischen aufgenommen, über Facebook wurden Adressen weitergegeben. Am Freitagvormittag ziehen wieder Hunderte über die Ramblas. Im Südabschnitt, bis zu dem der Todesfahrer nicht gekommen war, sind auch die Caféterrassen wieder gut besucht.

Doch es herrscht eine gedämpfte Stimmung. Auf der Flaniermeile, die in den Augen der Traditionalisten in den letzten Jahren zu einem lauten und ordinären Rummelplatz verkommen ist, scheinen alle bemüht zu sein, leise zu sprechen. Auch die Polizisten, sonst immer zu jovialen Scherzen und Selfies mit Touristen bereit, blicken angespannt. Im Rundfunk und in den sozialen Medien warnen die Behörden unaufhörlich vor Wiederholungstätern. Für Autos bleiben die Ramblas und ihre Seitenstrassen gesperrt, nur Müllwagen und die in Barcelona gefürchteten kleinen Abschleppwagen für falsch geparkte Motorräder und Mopeds dürfen in die Zone einfahren.

Das Fahrzeug, welches in Barcelona 13 Menschen getötet hat, wird abtransportiert. (18. August 2017)
Das Fahrzeug, welches in Barcelona 13 Menschen getötet hat, wird abtransportiert. (18. August 2017)
Josep Lago, AFP
Spanische Polizisten durchsuchen in Cambrils ein Auto. (18. August 2017)
Spanische Polizisten durchsuchen in Cambrils ein Auto. (18. August 2017)
Jaume Sellart, Keystone
Beschädigter Lieferwagen im Hintergrund: Grosses Polizeiaufgebot auf den Ramblas nach dem Anschlag. (17. August 2017)
Beschädigter Lieferwagen im Hintergrund: Grosses Polizeiaufgebot auf den Ramblas nach dem Anschlag. (17. August 2017)
David Ramos/Getty Images
Die Betroffenheit ist überall gross.
Die Betroffenheit ist überall gross.
Giannis Papanikos/AP
Die Polizei sichert die Gegend ab.
Die Polizei sichert die Gegend ab.
Giannis Papanikos, Keystone
Bei der Evakuierung einer Burger-King-Filiale bittet die Polizei die Gäste, das Lokal mit erhobenen Händen zu verlassen.
Bei der Evakuierung einer Burger-King-Filiale bittet die Polizei die Gäste, das Lokal mit erhobenen Händen zu verlassen.
Josep Lago, AFP
Familien flüchten vom Anschlagsort.
Familien flüchten vom Anschlagsort.
Giannis Papanikos/AP
Die Polizei gab dieses Fahndungsfoto von Driss Oukabir heraus. Am Abend wurde aber bekannt, dass er sich bei der Polizei gemeldet haben soll. Angeblich sei ihm der Ausweis gestohlen worden. Laut spanischen Medien ist nun Oukabirs Bruder Moussa terrorverdächtig.
Die Polizei gab dieses Fahndungsfoto von Driss Oukabir heraus. Am Abend wurde aber bekannt, dass er sich bei der Polizei gemeldet haben soll. Angeblich sei ihm der Ausweis gestohlen worden. Laut spanischen Medien ist nun Oukabirs Bruder Moussa terrorverdächtig.
Spanish National Police/EPA
Verletzte werden vor Ort versorgt.
Verletzte werden vor Ort versorgt.
Oriol Duran, Keystone
Passanten helfen einer verletzten Person auf der Ramblas.
Passanten helfen einer verletzten Person auf der Ramblas.
Oriol Duran, Keystone
Schwerbewaffnete Polizeieinheiten suchen nach dem Verdächtigen: Nach spanischem Gesetz müssen ihre Gesichter verpixelt werden.
Schwerbewaffnete Polizeieinheiten suchen nach dem Verdächtigen: Nach spanischem Gesetz müssen ihre Gesichter verpixelt werden.
Andreu Dalmau, Keystone
Um Verletzte sorgen sich die Einsatzkräfte vor Ort.
Um Verletzte sorgen sich die Einsatzkräfte vor Ort.
Quique Garcia, Keystone
Passanten flüchten nach dem Vorfall.
Passanten flüchten nach dem Vorfall.
Oriol Duran, Keystone
Eine Person wird von Rettungskräften aus dem Einkaufshaus «El Corte Inglés» getragen. (17. August 2017)
Eine Person wird von Rettungskräften aus dem Einkaufshaus «El Corte Inglés» getragen. (17. August 2017)
Josep Lago, AFP
Der Fahrer des Lieferwagens soll noch flüchtig sein: Auf Twitter verbreiteten sich schnell Bilder von Augenzeugen des Vorfalls.
Der Fahrer des Lieferwagens soll noch flüchtig sein: Auf Twitter verbreiteten sich schnell Bilder von Augenzeugen des Vorfalls.
Twitter
Polizei und Sanität auf dem abgesperrten Boulevard Las Ramblas.
Polizei und Sanität auf dem abgesperrten Boulevard Las Ramblas.
Josep Lago, AFP
Nachdem ein weisser Lieferwagen in Passanten gerast ist, wird der Bereich abgesperrt.
Nachdem ein weisser Lieferwagen in Passanten gerast ist, wird der Bereich abgesperrt.
Pau Barrena, AFP
Polizisten sind auch in Zivil unterwegs.
Polizisten sind auch in Zivil unterwegs.
Josep Lago, AFP
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Einer der Polizisten hat aber auch eine andere Botschaft für die Flanierer: "Auch heute sind hier wieder Taschendiebe unterwegs, passt auf!" Dann setzt er hinzu: "Das Leben geht weiter!"

Colaus strategische Farbwahl

Oberbürgermeisterin Ada Colau, die aus der linksalternativen Hausbesetzerszene stammt, sich aber sehr schnell an Businesskostüme und Dienstwagen gewöhnt hat, setzte in der Nacht mit ihrem Appell an die Einwohner der Stadt ein Zeichen: Sie trug eine weisse Bluse. Die Farbe symbolisiert in den europäischen Ländern traditionell Freude und Optimismus, wie die Kommentatoren der Lokalpresse unterstreichen.

Ihre Botschaft: «Barcelona war immer eine offene Stadt, wir wollen gastfreundlich bleiben!» Die Stadt dürfe nun nicht in Depression verfallen, sie werde auch nicht zulassen, dass Barcelona zu einer abgeschotteten Festung werde. «Barcelona beugt sich nicht. Wir zeigen keine Angst», wiederholt Ada Colau auch am Morgen danach.

«Wir fürchten uns nicht, auf die Strasse zu gehen, wir lassen uns nicht einschüchtern.»

Ada Colau

Aus allen Richtungen streben Menschen am Freitagmittag zur zentralen Plaça de Catalunya. Um zwölf Uhr findet hier eine Schweigeminute statt. Die Polizei hat Sicherheitsschleusen eingerichtet, Personen mit grossen Taschen oder Rucksäcken werden nicht auf den Platz gelassen. Auch König Felipe VI. und Premier Rajoy sind gekommen. Vielen Menschen laufen Tränen über die Wangen. Doch anstatt zu schweigen klatschten sie.

Die Schweigeminute für die Terroropfer endet im Applaus. (Video: Tamedia/AFP)

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