Aufgepasst, ihr Autokraten

Die Welt ist so unberechenbar wie lange nicht. Deswegen ist nicht alles düster. Proteste gegen Unrechtsregimes stimmen hoffnungsfroh. Die Schweiz darf dem guten Geschäft nicht alles unterordnen.

Die Welt ist unberechenbarer und verrückter geworden.

Die Welt ist unberechenbarer und verrückter geworden.

(Bild: Orlando Eisenmann)

Patrick Feuz@patrick_feuz

Am 31. Januar 2020 verlässt Grossbritannien die Europäische Union – das wirtschaftlich zweitstärkste Clubmitglied verabschiedet sich. Noch vor zehn Jahren wäre das unvorstellbar gewesen. Die europäische Integration galt als unumkehrbar, als alternativlos. Der Brexit ist ein Sinnbild dafür, wie die Welt in der zurückliegenden Dekade nochmals unberechenbarer geworden ist und damit auch unübersichtlicher – oder populär ausgedrückt: verrückter.

Den Umbruch erleben viele mit Bange. Der Optimismus, nach dem Mauerfall von 1989 weitverbreitet, ist definitiv verflogen, und die Globalisierung, in den Neunzigerjahren ein verheissungsvolles Versprechen, ist gebremst. Die Vorstellung, dass die Welt zusammenwächst, hat an Kraft verloren, Regierungen denken und handeln wieder häufiger in Kategorien von Konflikt und Konkurrenz. In wirtschaftlicher und politischer Vernetzung sehen viele nicht mehr den Schlüssel zur Zukunft, sondern eine Gefahr für die eigene Souveränität und Handlungsfreiheit.

Die Chinesen propagieren autoritäre Herrschaft kombiniert mit Staatskapitalismus als Alternative zum liberal-demokratischen Weg des Westens. In neoimperialer Manier sichern sie sich rund um den Globus Macht und Einfluss. Mittelfristig bedrohen Chinas Technologiekraft und Investitionen die amerikanisch-europäische Dominanz. Auch die Russen halten sich nicht ans freiheitliche Drehbuch. Trump macht im geopolitischen Poker nicht alles falsch, aber seine unberechenbare Art macht die Welt trotzdem zusätzlich unsicher; am offensichtlichsten im Nahen Osten, wo Putin das von den USA hinterlassene Machtvakuum füllt – mit verheerenden Folgen für Hunderttausende Menschen.

Sich nach der Berechenbarkeit früherer Zeiten zurückzusehnen, birgt aber die Gefahr, den Preis zu verdrängen, den damals viele bezahlten. Wer in einer lateinamerikanischen Diktatur oder unter kommunistischer Herrschaft lebte und nicht zu den Profiteuren des Regimes zählte, wird froh sein, dass es vorbei ist mit der Stabilität von damals. Eine Welt in Bewegung, das hat auch heute viel Gutes. Die Demokratie ist auf dem Vormarsch. Rechtsstaatlichkeit, wirtschaftliche und politische Teilhabe, transparente Machtausübung und Bildung: Für sie gehen heute in Algerien und im Libanon so breite Bevölkerungsgruppen auf die Strasse wie nie zuvor, für sie demonstrieren im Irak Schiiten und Sunniten Seite an Seite. In Hongkong protestieren die Massen gegen den Verlust von Freiheit, in Bolivien hat das Volk Evo Morales, einen Politiker im Machtrausch, vertrieben, in Saudiarabien liberalisieren die Machthaber die Gesellschaft, weil das Post-Erdöl-Zeitalter nur mit erwerbstätigen Frauen zu meistern sein wird.

Und die Schweiz? Wenn es im weltweiten Machtgefüge knarrt und internationale Gremien an Bedeutung verlieren, muss sich der Kleinstaat notgedrungen mit möglichst vielen gut stellen. Agil für ihre Geschäftsinteressen einstehen, darin hat die Schweiz Erfahrung. Auch schlechte, wie damals, als sie im Umgang mit dem südafrikanischen Apartheid-Regime länger als andere Länder nur ans Geld dachte und deswegen am Pranger landete. Heute geht der schweizerische Geschäftssinn wieder sehr weit. Offensiv exportieren wir Rüstungsgüter nach Saudiarabien, obwohl das Land im Jemen Krieg führt. Den Chinesen scharwenzeln unsere Bundesräte, als ob es keine Lager für Uiguren gäbe und die neue Seidenstrasse ein Hilfswerkprojekt wäre. Unsere in Problemländern tätigen Konzerne sollen laut Parlament für menschenrechtliche Versäumnisse in keiner Weise haften. Die Schweiz muss aufpassen, dass sie in der dynamischen Welt von heute nicht plötzlich wieder auf der falschen Seite steht.

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