Der Terroristenjäger

Der Pariser Staatsanwalt François Molins soll Frankreich von der Geissel des Terrorismus befreien.
Auf ihm ruhen die Hoffnungen Frankreichs: Staatsanwalt Molins. Foto: EPA,Keystone

Auf ihm ruhen die Hoffnungen Frankreichs: Staatsanwalt Molins. Foto: EPA,Keystone

Enver Robelli@enver_robelli

Paris sei ein Fest fürs Leben, hat Ernest Hemingway einst geschrieben. Hier erlebte der grobe Amerikaner die Leichtigkeit des Seins, hier fühlte er sich frei, konnte schreiben und streiten, lieben und feiern. Ob die Weltmetropole auch nach den jüngsten ­verheerenden Anschlägen ihre Seele ­relativ unversehrt erhalten kann, hängt vor allem von der Arbeit der Polizei und der Justiz ab. An vorderster Front gegen die Selbstmörderarmee, die sich Is­lamischer Staat (IS) nennt, kämpft ein Mann, der Erfahrung, Steh­vermögen und Nerven hat. Für die Franzosen ist der Pariser Staatsanwalt François Molins keine ­unbekannte Figur aus dem anonymen Justizapparat: Der schlanke Mann mit dem Zeichen der Ehrenlegion am Anzugsrevers ist der oberste Terroristenjäger des Landes. Wenn Frankreich von fanatischen Passfranzosen mit arabischem Migrationshintergrund angegriffen wird, dann ist das Gesicht des 62-Jährigen auf allen Kanälen zu sehen. So auch nach dem Anschlag auf die ­Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» und einen jüdischen Supermarkt in Paris. Die Attacken an sechs verschiedenen Orten in Paris am vergangenen Freitag haben Molins kaum überrascht. Er hat immer wieder vor den Gefahren gewarnt – zuletzt im Mai in einem Interview für die Tageszeitung «Le Figaro». Damals sagte er, es gebe «keinen Grund, optimistisch zu sein». Der panikartige Ton ist dem Juristen aber fremd. Er möchte nichts beschönigen, macht jedoch klar, dass der Rechtsstaat in der Lage ist, den jihadistischen Sumpf ­trockenzulegen. Beunruhigend für ihn ist die Zahl der jungen Franzosen, die sich in den letzten Monaten dem Terrornetzwerk IS angeschlossen haben. Ziemlich abgehärtet In der Nacht auf Samstag eilte Molins zum Konzertsaal Bataclan, wo mindestens 89 Menschen im Kugelhagel der Terroristen starben. Für den Terrorfachmann war schnell klar, dass die selbst ernannten Allah-Krieger professionell und koordiniert gewütet hätten. Alle trugen identische Sprengstoff­westen und alle benutzten Sturmgewehre des Typs Kalaschnikow. Die treffsichere Waffe hat eine Feuergeschwindigkeit von 600 Schuss pro Minute. Das Todesinstrument kann sehr schnell ein Blutbad anrichten, wenn es gegen eine wehrlose Menschenmenge eingesetzt wird. Molins, dreifacher Vater und mehr­facher Grossvater, ist nach einer langen Justizkarriere ziemlich abgehärtet. Die Terrorwelle, die zwischen Juli und Oktober 1995 Frankreich erschütterte, erlebte Molins als stellvertretender Generalstaatsanwalt in Lyon. Damals starben 8 Menschen, mehr als 200 wurden verletzt. Hinter den Anschlägen stand die Organisation Bewaffnete islamische Gruppe (GIA), die vor allem in Lyon aktiv war und in engster Verbindung mit ­Terrorpaten in Algerien stand. 2005 leitete Molins die Ermittlungen nach dem Tod von zwei Jugendlichen im Pariser Vorort Clichy-sous-Bois. Die beiden hatten sich auf der Flucht vor der Polizei in einem Transformator versteckt und waren dort an einem Stromschlag gestorben. Die Tragödie löste die grössten Vorstadtunruhen in der jüngsten französischen Geschichte aus. Gnadenloser Strafverfolger Im Frühjahr 2012 ermittelte Molins im Zusammenhang mit den Anschlägen, die der psychisch gestörte Terrorist Mohammed Merah in Toulouse und Montauba verübte hatte. Die Opfer des algerischstämmigen Merah waren drei französische Soldaten, ein Lehrer und drei Kinder einer jüdischen Schule. In der Pariser Vorstadt Bobigny, wo die Polizei am Sonntag eine von mutmasslichen Terroristen angemietete Wohnung durchsuchte, wurde Molins vor allem für seinen Einsatz gegen häusliche Gewalt und Schwarzarbeit bekannt. Die Gewerkschaft der Justizbeamten in Frankreich bezeichnet Molins als gnadenlosen Strafverfolger. «Ich bin nicht repressiv, aber auch nicht lasch», sagte er bei seiner Ernennung 2011, nachdem er knapp drei Jahre als Kabinettsdirektor im Justizministerium gedient hatte. Für die Kritiker ist das ein Beweis für die Vetternwirtschaft in der französischen Justiz. Doch Molins bewies seine Unabhängigkeit, als er Anfang 2013 Ermittlungen gegen den damaligen sozialistischen Haushalts­minister Jérôme Cahuzac aufnahm. Der Sozialist wurde beschuldigt, nicht deklarierte Bankkonten bei der UBS gehabt zu haben. Gefährliche Smartphones Molins, gebürtiger Katalane, setzt auf grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Kampf gegen Terroristen und Finanzjongleure. Erst im Juni erhielt er vom spanischen Justizministerium eine Auszeichnung für seine Kooperation bei der Terrorprävention. Wichtig, sagt Molins, sei auch die Unterstützung von Firmen wie Apple und Google, damit die Er­mittler Smartphones auswerten können. Für die Planung von terroristischen Anschlägen sind sie mittlerweile fast so gefährlich wie Kalaschnikows. Nun steht François Molins vermutlich vor der schwierigsten Aufgabe seiner Laufbahn. Eine ganze Nation erwartet von ihm und seinem Team schnelle Erfolge, damit das Land – soweit es geht – zur Normalität zurückkehrt. Doch die jüngste Anschlagserie in Paris hat die Massstäbe der Normalität brutal verschoben – auch für Molins. Dieser Gewaltraum ist selbst für Franzosen, die inden letzten 20 Jahren mehrfach von ­islamistischen Attentaten getroffen ­wurden, eine neue Welt.

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