Zu schwach für dieses Leben

Eine Rohingya-Familie verliert ihr auf der Flucht aus Burma geborenes Kind. Im Provisorium des Flüchtlingslagers fehlt den Menschen sogar die Kraft zu trauern.

Vertrieben: Ein Rohingya-Kind spielt in einem Flüchtlingslager in Bangladesh mit Abfall.

Vertrieben: Ein Rohingya-Kind spielt in einem Flüchtlingslager in Bangladesh mit Abfall.

(Bild: Keystone Tracey Nearmy)

Arne Perras@tagesanzeiger

Schlamm, knöcheltief. Wer noch vorankommen will bei diesem Wolkenbruch, watet jetzt durch Pfützen. Dann führt der Weg über eine Brücke, schliesslich hinauf zu einer bewaldeten Kuppe. Irgendwo dort oben müssen sie sein.

Vor drei Monaten war Zohura Khatun mit ihrer Familie über den Fluss Naf geflohen, fort aus Burma, hinüber nach Bangladesh. Sie sind Rohingya, Angehörige der muslimischen Minderheit. Sie waren hungrig, durstig, erschöpft. Die Mutter war schwanger, die Kinder voller Angst, der Vater rastlos. Sie erzählten von mordenden Soldaten jenseits der Grenze, von den Strapazen ihrer Flucht. Und dann waren sie plötzlich: verschwunden.

Sechs Quadratmeter Raum

Nur ihre Namen und ein Foto waren geblieben. Würde es möglich sein, sie unter Hunderttausenden Flüchtlingen wiederzufinden? Ein Helfer war bereit, es zumindest zu versuchen. Wochen vergingen, dann schickte er eine SMS: «Familie entdeckt.» Und so führt der Weg noch einmal zu Zohura Khatun. Wie ist es der Familie seither ergangen? Ist das Baby schon geboren? Und werden sie jetzt bald heimkehren, nachdem Bangladesh und Burma ein Abkommen unterzeichnet haben? Viele Fragen drängen sich auf im Drama um die Rohingya, Südostasiens grösste Flüchtlingskrise seit dem Vietnamkrieg.

Da ist ein Mann in der Ferne, er winkt. Als er näherkommt, erkennt man ihn wieder: Ehemann Zohura trägt dasselbe grün gestreifte Polohemd wie damals. Nur ist es inzwischen völlig ausgebleicht. Er reicht seine Hand zum Gruss und legt sie auf sein Herz. Kurz sieht es so aus, als husche etwas wie Freude über sein Gesicht. Doch dann kehrt der starre Blick zurück. Zohor führt durch das Labyrinth der Zelte, rechts, links, rechts. «Hierhinein», sagt er und schlüpft ins Innere.

Das Rohingya-Flüchtlingscamp Kutupalong in Bangladesh. Foto: Bernat Armangue (Keystone)

Sechs Quadratmeter auf blankem Lehm. Das ist ihre Behausung. Sie haben den Boden geebnet, Bambus eingerammt, ein Gestell gebunden und mit Planen überzogen. Mehr Höhle als Zelt. Vor dem Regen, der über die Hügel peitscht, schützt es nur schlecht. Drinnen sitzen drei Söhne: zwei, vier und sieben Jahre alt. Und hinter ihnen Mutter Zohura. Sie hat ein schwarzes Tuch um den Kopf geschlagen und verteilt eine Handvoll Erdnüsse an ihre Kinder.

Ihr Zuhause ist Burma

Vom Baby, das inzwischen schon geboren sein muss, ist nichts zu sehen. Zohura sagte beim ersten Treffen: «Ich möchte, dass meine Kinder irgendwann Pässe bekommen.» Davon träumen sie alle. Bürger sein von Burma. Aber die Rohingya sind staatenlos, haben keine Rechte, obwohl Zohura sagt, ihre Familie lebe schon seit Generationen dort. Zu Hause, das ist Burma.

In den ersten Tagen nach der Flucht aus ihren Häusern seien sie nur umhergeirrt, erzählt Zohura. Wohin sie auch kamen, überall herrschte Chaos. Ihr Mann suchte nach einem Flecken Erde, um darauf ein Zelt zu bauen, aber da war nirgendwo Platz, Tausende lagerten an Wegrändern, auf Hügeln, in den Feldern. Als sie endlich einen Platz ge­funden hatten, überfielen Zohura schlimme Schmerzen. Die Schwangere brauchte Ruhe, sie spürte: Schon bald würde das Baby kommen. Und wehe, sie würden kein Dach über dem Kopf bekommen.

Ihr Mann verkaufte, was er noch hatte; davon zahlte er Bambus und Planen für den Unterschlupf. Als er fertig war, freuten sich alle. Jetzt konnte es kommen, das Baby. Doch nach fünf Tagen kam das Militär. Und kein Flehen half. Die Familie musste umziehen, und zwar sofort. Angesichts des Chaos hatten die Streitkräfte die Kontrolle über das Gebiet übernommen; sie siedelten die Flüchtlinge immer wieder um, damit die Lage halbwegs beherrschbar blieb. Aber Zohura hatte Angst, sie brauchte doch einen Platz, um ihr Baby zur Welt zu bringen.

Ihr Mann ist in jenen Tagen nervös, weiss nicht, wie er so schnell ein neues Zelt auftreiben soll. Er muss sogar Essensrationen verkaufen, um Baumaterial zu besorgen. Doch dann kommt es noch schlimmer: Die Kinder werden krank, seine Frau hat wieder Schmerzen. Zohor kämpft gegen die Zeit. Schliesslich gelingt es ihm gerade noch, einen neuen Unterschlupf zu bauen, hier unter den Bäumen. Dann kommen die Wehen, und Zohura gebärt ihr Kind.

Wieder ist es ein Junge. Als sie den Kleinen zu sich holt, dankt sie Allah, dem Allmächtigen. Aber bald merkt sie, wie schwach er ist, Mutter und Vater machen sich Sorgen, weit und breit gibt es keinen Arzt. Sie beten für ihren Neugeborenen. Doch um drei Uhr morgens ist er tot.

Sieben Stunden gelebt

«Er war einfach zu schwach für dieses Leben», sagt seine Mutter – sie zupft jetzt am Stoff ihres Kopftuchs. Begraben haben sie ihn jenseits der Strasse, den Weg zurück nach Hause werden sie ohne ihren Jüngsten antreten müssen, der nur sieben Stunden auf dieser Welt hatte. Wie die Mutter das alles verkraftet? Sie zeigt kaum etwas von ihren Gefühlen, sie wirkt beherrscht, Zohura trauert still um ihr Kind.

Die Familie wird erst einmal in ihrer selbst gebauten Höhle bleiben und versuchen zu überleben.

Aber wann werden sie fortkommen von diesem elenden Ort? Hat die Familie einen Plan? Die Rückführung der Flüchtlinge könne schon bald beginnen, versichert Burma. Doch die Familie traut den Zusagen nicht. «Irgendein starkes Land müsste für unsere Sicherheit garantieren», sagt Vater Zohor. «Und wir brauchen unsere Staatsbürgerschaft, sonst wird sich an unserem Leben nie etwas ändern.»

Buddhisten besetzen ihr Land

Seine Skepsis deckt sich mit Einschätzungen von UNO-Helfern, die davor warnen, Vertriebene jetzt schon zurück­zuschicken. Solange Burmas Armee keine internationale Präsenz zulässt, solange Geflohene nicht in ihre früheren Dörfer dürfen, um Häuser wiederaufzubauen, haben sie kaum eine Zukunft. Burma fordert, die Leute müssten erst einmal nachweisen, dass sie tatsächlich dort gelebt hätten. Viele aber haben keine Papiere mehr, weil ihr ganzer Besitz in Flammen aufging. Die Armee behauptet, sie habe Rebellen bekämpft. Doch sie hinterliess verbrannte Erde und löste einen Flüchtlingsstrom aus, der bis heute kein Ende findet.

Bildstrecke: Vertreibung, Flucht und Propaganda: Das Leben der Rohingya

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Zohura Khatun jedenfalls will keine Rückkehr wagen. Ihr Mann hat eben mit einem Bekannten telefoniert, der noch auf der anderen Seite der Grenze lebt. «Ich weiss nur von wenigen, die geblieben sind», sagt er. «Es ist gefährlich. Mein Freund erzählt, Buddhisten seien auf unser Land gezogen.» Buddhistischen Gruppen wird vorgeworfen, die Soldaten bei Vertreibungen der muslimischen Minderheit unterstützt zu haben.

So wird die Familie erst mal in ihrer selbst gebauten Höhle in Bangladesh bleiben. Und versuchen zu überleben. Essen bekommen sie von den Helfern, doch es ist eng hier. Überall hört man Kinder röcheln und husten. Kurz nach dem Tod des Babys packte den dritten Sohn schweres Fieber. Tagelang bangte die Familie. UNO-Helfer warnen, dass die Diphtherie umgehe. «Aber unser Junge kann schon wieder stehen», sagt die Mutter. Ein Lächeln. Er schafft es. «Sonst würde er jetzt keine Erdnüsse verdrücken.»

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