«Wir sind freier als viele»

Der Prozess gegen Pussy Riot

Pussy Riot hätten mit ihrem Punkgebet religiösen Hass geschürt und die Gefühle der Gläubigen verletzt, befand das Gericht. Die jungen Frauen fühlen sich unschuldig.

«Wir sind unschuldig, das sagt die ganze Welt»: Maria Aljochina, Jekaterina Samuzewitsch und Nadeschda Tolokonnikowa (v. l.) nach ihrer Anhörung in Moskau. (17. August 2012)

«Wir sind unschuldig, das sagt die ganze Welt»: Maria Aljochina, Jekaterina Samuzewitsch und Nadeschda Tolokonnikowa (v. l.) nach ihrer Anhörung in Moskau. (17. August 2012)

(Bild: Reuters)

Zita Affentranger@tagesanzeiger

Richterin Marina Syrowa hat gut drei Stunden gebraucht, um das zentimeterdicke Urteil vorzulesen. Doch das Wichtigste sagte sie gleich im Voraus: Die drei Musikerinnen Nadeschda Tolokonnikowa (22), Maria Aljochina (24) und Jekaterina Samuzewitsch (30) seien schuldig des Rowdytums und des Schürens religiösen Hasses. Die Frauen hatten im Februar die Moskauer Christus-Erlöser-Kathedrale gestürmt, sich blitzschnell vor dem Hochaltar aufgestellt und ein «Punkgebet» aufgeführt unter dem Titel «Muttergottes, erlöse uns von Putin».

Sie trugen grellbunte Gewänder und ebensolche Mützen über dem Gesicht. Dies wurde vom Gericht als Vermummung ausgelegt, zudem wurde den Sängerinnen vorgeworfen, sie hätten Blogger vor dem Auftritt informiert, der nur 40 Sekunden gedauert hatte, dann aber im Internet endlos abgerufen wurde. Das Gericht führte weiter aus, die Gruppe habe den Auftritt genau geplant und organisiert. Die Angeklagten hätten sich einer schwerwiegenden Störung der öffentlichen Ordnung schuldig gemacht und «einen Anschlag auf die Rechtgläubigkeit verübt», wie der russisch-orthodoxe Glaube in Russland heisst.

Lachverbot im Gerichtssaal

Als Zeugin dafür führte die Richterin etwa die Frau an, die in der Christus-Erlöser-Kirche für die Kerzen sorgt. Der Auftritt von Pussy Riot habe sie mit Bitterkeit und Schmerz erfüllt, den sie bis heute spüre, berichtete die Kirchenfrau dem Gericht. Die Eindringlinge hätten die Beine hochgeworfen und damit alles gezeigt, was unter der Gürtellinie sei – allerdings trugen die Sängerinnen dicke, bunte Leggins unter den kurzen Röcken. «Der Schmerz geht nicht vorbei», klagte die Frau. Als zweiten Geschädigten führte die Richterin einen Wachmann vom Sicherheitsdienst der Kirche an, der nach eigener Aussage von dem Auftritt so schockiert war, dass er danach zwei Monate nicht zur Arbeit gehen konnte. Weil Journalisten über die zum Teil reichlich konstruierte Beweisführung schmunzelten, so etwa die dramatische Vorführung der Skimützen als Beweismaterial, wurde auf Antrag der Anklage ein Lachverbot im Gerichtssaal eingeführt.

Die Angeklagten, die sich selber als gläubige Christen beschreiben, bestreiten vehement, dass sie sich über Gläubige lustig gemacht hätten. Sie hätten nicht religiöse Gefühle verletzen wollen, schliesslich hätten sie die Kirche nach dem 40-Sekunden-Auftritt freiwillig wieder verlassen und nichts kaputt gemacht. Es gehe ihnen nicht um Glauben oder Religion, sagte Tolokonnikowa, die schon länger in politischen Untergrundgruppen aktiv ist. Ziel der Kritik sei vielmehr die enge Verknüpfung von Kirche und Staat. Die Schuld für den Auftritt trage letztlich das autoritäre System in Russland. «Obwohl wir hinter Gittern sitzen, sind wir freier als viele in diesem Gerichtssaal», sagte sie. Und die Journalistikstudentin Aljochina erklärte: «Wir sind unschuldig, das sagt die ganze Welt.»

Die Frauen waren früher bereits auf dem Roten Platz aufgetreten, sangen auf Bussen oder in Metrostationen. Dafür bekamen sie immer nur geringe Bussen.

Das Urteil fiel mit zwei Jahren in einer Frauenstrafkolonie milder aus als ursprünglich befürchtet. Das halbe Jahr Untersuchungshaft wird angerechnet, sodass die Sängerinnen noch 18 Monate absitzen müssen. Ihre Anwälte haben zudem angekündigt, das Urteil anzufechten. Die Staatsanwaltschaft hatte drei Jahre gefordert, für Rowdytum können aber bis zu sieben Jahre Freiheitsentzug verhängt werden. Präsident Wladimir Putin hatte Anfang Monat in London gesagt, die drei Frauen sollten nicht zu schwer bestraft werden. Danach wurde die Urteilsverkündung überraschend um gut eine Woche aufgeschoben. Die Frauen waren früher bereits auf dem Roten Platz aufgetreten, sangen auf Bussen oder in Metrostationen. Dafür bekamen sie immer nur geringe Bussen, wenn sie überhaupt erwischt wurden. Laut der Aussage des Ehemannes von Tolokonnikowa gingen die Musikerinnen davon aus, dass ihnen auch der Auftritt in der Christus-Erlöser-Kirche schlimmstenfalls eine Busse von rund 40 Franken eintragen würde.

Die Punkband Pussy Riot wurde erst vor einem Jahr gegründet und besteht aus rund zehn Sängerinnen, die ihre Gesichter hinter Masken verbergen und statt ihrer Namen nur Pseudonyme angeben. Das Gericht erklärte am Freitag, zwei weitere, ebenfalls an dem Auftritt in der Kirche beteiligte Frauen hätten nicht identifiziert und deshalb nicht zur Verantwortung gezogen werden können. Pussy Riot kritisieren Diktatur, Chauvinismus und den Kult der Macht. Sie fordern Gedankenfreiheit und kämpfen gegen die traditionelle Rollenteilung zwischen Mann und Frau.

Russen sind gespalten

Vor dem Gerichtsgebäude in Moskau hatten sich über 2000 Sympathisanten, aber auch Gegner der Frauen versammelt. Letztere hielten mitgebrachte Ikonen hoch. Die Polizei führte Dutzende Demonstranten ab. Unter ihnen auch der Führer der Linken Front, Sergei Udalzow, und der Ex-Schachweltmeister und Oppositionspolitiker Garri Kasparow.

Während Pussy Riot im Westen bei Medien, Künstlern und Politikern grosse Aufmerksamkeit genossen, stiess das Schicksal der Sängerinnen in der russischen Bevölkerung nur auf wenig Interesse. «Diese Mädchen sind krank. Die findet nur der Westen interessant», kommentiert ein junger Moskauer. Zu Beginn des Prozesses war laut Umfragen rund die Hälfte der russischen Bevölkerung der Meinung, sieben Jahre Haft wären angemessen für die Frauen.

Dieser Anteil ist zwar im Verlauf des Verfahrens um ein paar Prozent gesunken, doch sind in Russland heute nur rund 17 Prozent der Meinung, der Pussy-Riot-Prozess sei eher unfair verlaufen.

Tages-Anzeiger

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