Wie der Papst das Rohingya-Dilemma gelöst hat

Papst Franziskus hat in Burma zur «Achtung jeder Volksgruppe» aufgerufen – und damit vermieden, die muslimische Minderheit der Rohingya beim Namen zu nennen.

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Arne Perras@tagesanzeiger

Alle rätselten: Würde Papst Franziskus das Wort «Rohingya» in seiner kurzen Rede in Naypyitaw gebrauchen oder nicht? Er hat es vermieden, so wie es der örtliche Kardinal Charles Bo ihm schon vor der Ankunft empfohlen hatte. Nach der symbolträchtigen Begegnung zwischen dem Papst mit Aung San Suu Kyi in der burmesischen Hauptstadt und zeigt sich, dass sich Franziskus doch sehr vorsichtig herantastet an dieses komplizierte Land. Er hat in seiner Rede «Gerechtigkeit und die Achtung der Menschenrechte» eingefordert, ausserdem mahnte er, dass sich Friede in Burma auf dem «Respekt für jede ethnische Gruppe und deren Identität» gründen müsse. Das Wort Rohingya aber tauchte in seinen Grussworten nicht auf.

Dass er auf die einzelnen ethnischen Gruppen verweist, lässt offen, ob er die verfolgten muslimischen Rohingya im Westen Burmas als solche einstuft oder nicht. Burma lehnt das strikt ab, die Mehrheit der Menschen dort glaubt, dass es sich bei den nun geflüchteten Menschen ohnehin um illegale Einwanderer aus Bangladesh handelt, obgleich viele schon seit Generationen in Burma leben. Mit seiner Zurückhaltung bleibt Franziskus am zweiten Tag seiner Papstreise weit hinter früheren Mahnungen zurück, in denen er ein Ende der Verfolgung der «unserer Rohingya-Brüder und -Schwestern» gefordert hatte. An diesem Tag in Naypyitaw war der Papst ein eloquenter Diplomat, stets bemüht, jede Reibung mit dem Gastgeber zu vermeiden. Manche Menschenrechtsgruppen und Anwälte der Rohingya hatten auf mehr Deutlichkeit gehofft, doch der Papst sucht einen sicheren Weg und meidet das Risiko.

Journalisten warten noch immer auf Visum

Die burmesische Regierung begleitet den Besuch des Papstes mit einiger Anspannung. Das lässt sich auch daran erkennen, dass einige Dutzend ausländischer Journalisten, zu denen auch der Korrespondent der Süddeutschen Zeitung zählt, noch immer auf ihr Visum warteten, als der Papst längst eingeflogen war. Ein Empfehlungsschreiben des Vatikan änderte daran nichts. Die Zahl der Berichterstatter sollte offenkundig auf einige handverlesene Vertreter begrenzt bleiben. Offenbar ist der südostasiatische Staat, in dem sich die Reformkräfte um Aung San Suu Kyi und die Armee die Macht teilen, bemüht, das internationale Scheinwerferlicht zu dimmen, Naypyitaw möchte mit allen Mitteln vermeiden, dass der Konflikt um die Rohingya-Flüchtlinge zum beherrschenden Thema dieses Besuchs wird. Und sie dürften erleichtert sein, dass der Papst sich so stark zurück gehalten.

Die Rede des Papstes verdeutlicht, wie schwierig die Gratwanderung für ihn in diesem Land ist. Einerseits erwarten seine Anhänger Klarheit, sonst setzt er seine Glaubwürdigkeit als Anwalt für die Geknechteten und Verfolgten aufs Spiel. Anderseits riskiert er mit grösserer Offenheit, dass sich Unmut im Land entlädt. Womöglich auch erst dann, wenn er selbst bereits weitergereist ist nach Bangladesh, wo er Ende der Woche noch mit Rohingya-Flüchtlingen zusammen kommen soll. Das Risiko, dass die Stimmung in Burma schon durch ein einziges Wort feindselig werden könnte, kann Franziskus kaum ausblenden. Denn solche Spannungen könnten seiner eigenen Glaubensgemeinschaft, der christlichen Minderheit in Burma, stark schaden. Deshalb ist klar: Dies ist eine der heikelsten Reisen, die der Papst jemals unternommen hat.

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