Wenn der Basar zum Stillstand kommt

Teheran erlebt die grössten Proteste seit 2012. Sogar die Händlerkaste streikt – bisher eine Stütze des Regimes. Die Regierung soll wirksame Reformen einleiten.

Die Währung im Iran hat binnen Monaten mehr als die Hälfte an Wert verloren: Ein Händler zählt auf dem Markt in Teheran sein Geld (Archiv).

Die Währung im Iran hat binnen Monaten mehr als die Hälfte an Wert verloren: Ein Händler zählt auf dem Markt in Teheran sein Geld (Archiv).

(Bild: Reuters Raheb Homavandi)

Paul-Anton Krüger@pkr77

Kaum taucht das Fernsehteam eines iranischen Kanals vor dem Grossen Basar in Teheran auf, bildet sich eine Menschentraube. Kunden beklagen steigende Preise, Händler schimpfen lautstark über den Verfall der Landeswährung Rial und darüber, dass sie nicht mehr an Dollars kommen. Als die Journalisten weitergehen, erklingen plötzlich Sprechchöre. «Der Basar ist geschlossen!» Sekunden später treiben Dutzende schwarz uniformierte Polizisten mit Helmen die Menge mit ihren Schlagstöcken auseinander. Vor fast allen Geschäften im Basar sind die Metall-Rollläden heruntergelassen. Auch am Dienstag protestierten die politisch einflussreichen Händler mit einem Streik.

Am Montag waren Tausende von ihnen zum Parlament gezogen. Als sich immer mehr Menschen der spontanen Demonstration anschlossen, löste die Polizei sie mit Tränengas auf. Es sollen die grössten Proteste in der Hauptstadt seit 2012 gewesen sein. In der Nacht blieb es trotz der angespannten Stimmung ruhig, Tausende feierten das Nationalteam des Iran, obwohl es bei der Fussball-WM ausschied. Die Polizei und Angehörige der von den Revolutionsgarden kontrollierten Bassij-Milizen zeigten am Dienstag im Stadtzentrum und an wichtigen Plätzen massiv Präsenz.

Konservative iranische Medien stellten die Proteste als Werk von Aufrührern dar. Teherans Generalstaatsanwalt Abbas Jafari Dolatabadi kündigte harte Prozesse gegen etliche Verhaftete an, die mit den Basarhändlern nichts zu tun hätten. Einige Händler aber sagten, die Demonstration sei von ihnen ausgegangen, ihre Läden hätten sie aus Protest geschlossen, nicht aus Angst vor Randalierern. Die Währung hat binnen Monaten mehr als die Hälfte an Wert verloren, auf dem Schwarzmarkt kostet der Dollar 85'000 Rial, während die Zentralbank den offiziellen Kurs bei 42'000 Rial festgesetzt hat. Bei den Banken bekomme man jedoch keine Devisen, klagen die Teheraner Händler.

Harte Prozesse angekündigt

«Wenn der Preis für den Dollar morgens anders ist als abends, wie sollen wir dann unsere Kalkulation machen?», sagt einer von ihnen. Viele verkaufen schon seit Wochen nichts mehr – sie behalten lieber ihre Waren, denen sie bleibenden Wert zumessen. «Von mir aus kann die Regierung den Preis auf 10'000 Toman festlegen», sagt ein wütender Händler. Toman ist die gängige Währungseinheit im Alltag, die 100'000 Rial entspricht. «Hauptsache, der Kurs bleibt dann stabil.» Viele der Händler importieren ­Waren, die sie in Devisen bezahlen ­müssen. Sie wollen vermeiden, durch die Währungsschwankungen Verluste zu machen.

Die Proteste sind ein Warnsignal für die Regierung. Die Basarhändler bilden eine eigene Macht im Staat, ihr Streik ist von historischer Symbolik. Die als konservativ geltende ältere Generation hatte massgeblich zum Sturz des Schahs vor knapp 40 Jahren beigetragen, sie gilt als wichtige Stütze des Regimes. Die Jüngeren sind an Ideologie weniger interessiert als am Geschäft, setzten aber den Protest gegen den Widerstand der Älteren durch. Eine regierungsnahe Tageszeitung schrieb, geeint werde der Iran die Krise bewältigen – Iranern, die es gewohnt sind, zwischen den Zeilen zu lesen, sticht vor allem eines ins Auge: dass das Blatt «Hamshahri» die Krise eingesteht.

Präsident Hassan Rohani bekräftigte am Dienstag, der Iran verfüge über genügend Devisenreserven, die er auf den Markt werfen könne. Tatsächlich beschränkt sich die Regierung aber darauf, zu versuchen, den Abfluss harter Währung zu stoppen. Wer auf dem Schwarzmarkt wechselt, riskiert hohe Haftstrafen. Die Regierung hat überdies für mehr als 1300 Produkte Einfuhrverbote erlassen. In den Strassen hängen Plakate, die zum Kauf iranischer Produkte aufrufen. An seiner Wirtschaftspolitik hält der Präsident unbeirrt fest.

Gegen Militäreinsätze

Ausgelöst hat die Dollarkrise massgeblich die Angst vieler Iraner vor den neuen US-Sanktionen; sie ziehen Gut­haben aus den Banken ab und beschaffen sich nach Möglichkeit Devisen. Nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds und iranischer Experten sind im abgelaufenen Haushaltsjahr, das im März endete, etwa 27 bis 30 Milliarden Dollar aus dem Iran abgeflossen.

Hassan Rohani macht «psychologische Kriegsführung der USA» für die Krise verantwortlich, der konservative Justizchef Sadeq Laridjani fordert die Todesstrafe für «Wirtschaftsterroristen», die Devisen ausser Landes schaffen oder sie illegal verkaufen. Die Basarhändler dagegen geben dem Missmanagement der eigenen Regierung die Schuld. Das macht die Proteste zu einer ernsten Herausforderung. Auch gab es Sprechchöre gegen Teherans kostspielige Militäreinsätze in Syrien, im Irak und im Jemen oder das Engagement des Regimes im Libanon und im Gazastreifen. Die Basarhändler jedenfalls wollen weiter streiken – bis die Regierung wirksame Reformen einleitet.

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