Von wegen altersschwach

Seit Juni protestieren Hongkongerinnen für mehr Freiheit. Das sollte Demokraten begeistern.

Beat Metzler@tagesanzeiger

Von einem «Kundgebungslabor» könnte man sprechen. Oder von «Widerstands-Science-Fiction». Auf jeden Fall sollte das, was bis zu zwei Millionen von Hongkongerinnen jedes Wochenende aufführen, niemanden ungerührt lassen – zumindest niemanden, der Demokratie für die beste Regierungsform hält.

Der Westen scheint den Protest eher als regionales Ereignis abzutun. Dabei haben die Kundgebungen, die seit drei Monaten ohne Ermüdungserscheinungen laufen, globale Bedeutung.

Materiell geht es den Protestierenden gut. Sie hungern nicht, müssen nicht um ihre Existenz bangen. Laut Studien sind die meisten von ihnen jung, studieren oder haben anspruchsvolle Jobs. Das macht ihr Aufbegehren aussergewöhnlich. Ihnen geht es vor allem um demokratische Rechte. Für die Idee der Freiheit riskieren sie ihre berufliche Laufbahn und Gefängnisstrafen von bis zu zehn Jahren.

Ein Leben in Wohlstand allein genügt nicht

Bis Anfang dieses Jahrzehnts vertraten viele westliche Liberale die These vom automatischen Umschlag: Steigt der Wohlstand in einer Gesellschaft, folgt die demokratische Mitbestimmung. Wohlhabende Bürger lassen sich auf die Dauer nicht knütteln. Präsident Xi Jinping und seine Kommunistische Partei haben diese Annahme eindrücklich widerlegt. China ist so reich wie nie, die Bevölkerung darf so wenig mitreden wie seit langem nicht mehr.

Nun verleihen die Hongkonger Demonstranten der Demokratie­hypothese ein bisschen Auftrieb. Zumindest Menschen, welche demokratische Freiheiten selber erlebt haben, lassen sich diese nicht einfach wieder wegnehmen. Ein Leben in Wohlstand allein genügt ihnen nicht. Im Systemkampf «demokratischer Kapitalismus gegen autoritären Kapitalismus» haben die Hongkonger Proteste dem autoritären Lager eine Zwischenniederlage beschert.

Im Kampf der Systeme hat Hongkong dem autoritären Lager eine Niederlage beschert.

Die Proteste sind auch ein Probelauf dafür, wie sich ein hochgerüsteter Sicherheitsapparat überlisten lässt. Die Demonstrierenden stehen einer unzimperlichen Polizei gegenüber und müssen sich durch gründlich überwachte Räume bewegen. Ihre Taktik lautet: «Sei Wasser», unfassbar, durchsichtig. Sie verabreden sich auf verschlüsselten Apps, strömen an unerwartete Orte, wo sie sich rasch wieder verflüchtigen, um anderswo zusammenzufliessen. Anführerinnen, die verhaftet werden könnten, haben sie keine, über wichtige Fragen stimmen sie digital ab. Um sich gegen Wiedererkennung, Tränengas und Stockschläge zu schützen, haben die Demonstrantinnen eine Do-it-yourself-Uniform entwickelt, aus Schirm, Skibrille, Helm und Atemmaske.

Die jungen Hongkonger zeigen, dass Demonstrationen auch in stark überwachten Städten möglich bleiben. Kürzlich haben sie einen «smarten» Laternenpfosten niedergerissen. In diesen neuen Strassenlampen vermuten sie Überwachungskameras. Die Bilder der Aktion erinnern an das Schleifen einer Tyrannenstatue.

Sie kämpfen um die Demokratie

Im letzten Monat hat sich die Situation verschärft. China bekräftigte seine Drohungen, sprach von Terrorismus. Gleichzeitig radikalisierten sich die Protestierenden, die sich lange friedlich besammelt hatten. Sie besetzten den Flughafen, warfen Brandsätze, bedrängten Polizisten. Das schreckt auch Sympathisanten ab.

Viele Demokratiebewegungen der letzten Jahre provozierten ein noch härteres Vorgehen des Staates oder endeten in Bürgerkriegen. Vielleicht findet Hongkong einen besseren Ausweg. Gerade hat die chinafreundliche Regierung das umstrittene Auslieferungsgesetz zurückgezogen. Doch Experten gehen davon aus, dass die Demos weitergehen. Zu gross bleiben der Frust über die brutale Polizei und die Angst vor einer Zukunft unter Chinas Kontrolle.

Demokratie sei eine altersschwache Staatsform, umständlich, lahm. Ein zentral gesteuerter Expertenstaat arbeite effizienter. Solche Einschätzungen liest man vermehrt. Abertausende junger Hongkonger sehen das anders. Ihre Zukunft setzen sie aufs Spiel, um in diesem angeblich altersschwachen Modell leben zu dürfen.

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