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Vom Social-Media-Star zum jungen Märtyrer

Der Todestag eines Aufständischen provoziert im indisch kontrollierten Teil Kashmirs Gewaltakte.

Muslimische Demonstranten bewerfen in Kashmir indische Polizisten mit Steinen. Foto: Yawar Nazir (Getty Images)
Muslimische Demonstranten bewerfen in Kashmir indische Polizisten mit Steinen. Foto: Yawar Nazir (Getty Images)

Alle Seiten hatten sich vorbereitet auf diesen 8. Juli. Alle wussten, dass sich etwas zusammenbrauen würde am Todestag von Burhan Wani. Der 22-jährige Aufständische aus Kashmir war vor einem Jahr in einem Gefecht mit indischen Sicherheitskräften gestorben. Seither verehren ihn viele als Märtyrer. Und so planten sie Proteste. Indiens paramilitärische Polizei war also vorbereitet. Dennoch hatte sie Mühe, die Wut in Schach zu halten an einem Tag, der so sehr mit Emotionen aufgeladen war.

«India, go home», liest man an Hauswänden in Kashmir. Die jungen Leute rufen «Azaadi», Freiheit. Sie lehnen sich auf gegen das, was sie als brutale indische Fremdherrschaft empfinden. Der Konflikt um die Bergregion schwelt seit Jahrzehnten. Doch Indien tut sich immer schwerer, Kashmir zu kontrollieren, seitdem soziale Medien den Aufständischen eine Plattform bieten. Ausserdem beobachten Analysten, dass konservative Strömungen im Islam Gewicht bekommen und den Separatismus immer stärker religiös aufladen. Es sind wahabistische und salafistische Einflüsse, die sich in einer Gegend verbreiten, wo früher ein eher gemässigter Islam dominierte.

Wer mit Jugendlichen in Kashmir spricht, bekommt oft zu hören, dass sie keine andere Wahl hätten, als sich gegen die Inder aufzulehnen, die sie als Unterdrücker beschimpfen. Und so geschieht es auch am Wochenende, als Polizeikräfte ausziehen, um die Proteste zu zerschlagen. Einsatzkräfte rücken mit Tränengas und Schrotgewehren gegen Jugendliche vor, die Steine werfen. Die Sicherheitskräfte können sie vertreiben, aber ihren Willen zum Widerstand brechen sie so nicht. Dann fliegt nachts eine Handgranate auf einen Polizeiposten, was Indien als Terrorangriff einstuft. Es gibt in diesen Tagen Dutzende Verletzte. Auch Frauen und Kinder wurden von Schrotkugeln getroffen.

Virale Clips aus den Bergen

Doch Gewalt entlud sich nicht nur auf den Strassen. Auch an der Trennlinie zwischen pakistanischen und indischen Truppen in Kashmir kam es zu Feuergefechten, bei denen sieben Menschen starben. Seit dem Abzug der britischen Kolonialmacht ist der frühere Fürstenstaat Kashmir geteilt. Pakistan kontrolliert den Nordwesten, Indien den Südosten. Über ein drittes Stück im Hochgebirge wachen die Chinesen.

Das Dorf Tral im Süden Kashmirs hatten Sicherheitskräfte schon vor dem Wochenende abgeriegelt, ausserdem schalteten sie zeitweise die Mobilfunknetze aus. Der Ort, umgeben von dichtem Wald, ist die Heimat von Burhan Wani. Im Herbst 2016 war es noch möglich, den Vater des Getöteten zu besuchen, am Wochenende des 8. Juli fand kein Journalist mehr den Weg nach Tral. Alle Zufahrten waren blockiert.

Der Vater von Burhan ist ein nachdenklicher Mann mit langem Bart, er leitet eine Sekundarschule. Beim Gespräch in seinem Haus hat Muzaffar Wani damals erzählt, wie er schon zwei Söhne verloren hat, die in den Kampf zogen. Der Vater ist keiner, der hetzerisch auftritt, er erzählt, wie Burhan entschied, sich den Aufständischen anzuschliessen, nachdem er und sein Bruder von Sicherheitskräften verprügelt worden waren. Er wolle sich nicht weiter demütigen lassen, habe er gesagt. So zog er los und stiess zu einer militanten Gruppe, die Indien als Terroristen einstuft. Wani postete Videoclips aus den Bergen, er stieg zum Social-Media-Star auf.

Die Kluft vertieft sich

Wer Polizeioffiziere spricht, hört die Klage, dass die Jugendlichen von Terrornetzwerken in Pakistan finanziert und gelenkt würden. Indien tut sich schwer, eine Strategie der Befriedung zu entwickeln. Dass sich die Feindschaft zwischen den Atommächten oft in Kashmir entlädt, erschwert eine Lösung.

Als 1989 der grosse Aufstand in Kashmir losbrach, wurde die Minderheit der Hindus vertrieben, bis heute sind die Verbrechen ungesühnt, die Geflohenen konnten nicht zurück. In Kashmir wiederum wächst das Misstrauen der muslimischen Bevölkerung gegenüber der hindu-nationalistischen Partei, die nun in Delhi regiert. In indischen Medien ist die Rede davon, dass das Lager von Premier Narendra Modi noch weniger zum Dialog mit Kräften in Kashmir bereit sei als seine Vorgänger. Die Entfremdung von Delhi mischt sich mit dem Zorn eines Volkes, das sich seit langer Zeit ausgeliefert fühlt. Viele Bewohner erzählen von Folter und Verfolgung durch Polizei und Armee. Unabhängige Beobachter haben selten die Möglichkeit, die Berichte zu überprüfen.

Indien hat bislang keine Strategie gefunden, um die Bevölkerung in Kashmir mit dem Staat zu versöhnen, im Gegenteil: Der Aufstand der Jugend deutet darauf hin, dass die Kluft tiefer wird. Rufe nach politischen Lösungen verhallen. Gespräche kommen nicht in Gang. Und so geschieht, was der Kommentator Su­shant Singh beschrieben hat: «Die Armee kann Aufständische erledigen, aber nicht den Aufstand.» Dafür sei politisches Engagement nötig. Ein Aufständischer könne nur mit dem Rückhalt im Volk überleben. Deshalb müsse Indien auf die Bevölkerung zugehen. Am Todestag von Burhan Wani war davon nichts zu spüren.

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