Tatenlosigkeit wird sich rächen

Die Welt nimmt die Vertreibung der Rohingya in Burma hin – und fördert damit die Terrorgefahr.

Grosses Leid: Rohingya auf der Flucht nach Bangladesh. Foto: Getty Images

Grosses Leid: Rohingya auf der Flucht nach Bangladesh. Foto: Getty Images

Arne Perras@tagesanzeiger

Wäre alles nur ein Film, würde man sich vermutlich über das schräge Drehbuch wundern: Da geschieht in einer abgelegenen Ecke der Stadt ein Mord. Zeugen haben die Polizei alarmiert und Beschreibungen der Täter geliefert. Aber auf der Wache streiten sich die Polizisten darüber, ob sie überhaupt in ihren Streifenwagen steigen sollen. Ist der Tatort nicht furchtbar weit weg? Und versteht man, was da draussen los ist? Einer der Polizisten will abwarten, der andere sagt: Schlimme Sache, aber ist das eigentlich unser Revier? Und wieder ein anderer sagt, dass es ja vielleicht gar nicht so schlimm wäre, wie es aussehe. Also bleiben in dieser Geschichte die Ordnungshüter sitzen und tun: nichts.

Sicherlich hätte man von solchen Polizisten nicht die beste Meinung. Aber in der Weltpolitik können sich Grossmächte vieles leisten, was als verantwortungslos erscheint. Man kann das derzeit beobachten im Umgang mit dem Staat Burma, dessen Militär einen Vertreibungskrieg gegen die muslimische Minderheit führt, aber kaum internationalen Druck bekommt.

Flucht nach Bangladesh

Fast 700'000 Rohingya sind seit dem Sommer letzten Jahres aus ihrer Heimat in der burmesischen Provinz Rakhine ins Nachbarland Bangladesh geflohen. Auslöser war eine Offensive der Armee Burmas. Tausende sind schon gestorben. Die internationale Gemeinschaft unterstützt die Flüchtlinge, die in Bangladesh in riesigen Lagern hausen. Die Schweiz etwa hat Anfang Februar noch einmal 12 Millionen Franken zugesagt, nachdem vorher schon 8 Millionen gesprochen worden waren.

Der UNO-Sicherheitsrat andererseits, der sich zuständig fühlen müsste, wenn schwerste Verbrechen begangen werden, erinnert an eine zerstrittene Polizeiwache, die ihren Job nicht machen will.

Abgeschottete Todeszonen

Man mag darüber streiten, ob die Gewalt gegen die Rohingya als Völkermord einzustufen ist. Vieles spricht dafür. Und täglich kommen weitere Indizien hinzu. Nach allem, was Helfer, Menschenrechtler und Reporter zusammengetragen haben, ergibt sich ein hinreichend klares Bild: Burmas Armee jagt eine diskriminierte Minderheit aus dem Land und tut alles dafür, dass die Menschen nicht zurückkehren können. Niemand darf hinein in die abgeschotteten Todeszonen. Journalisten, die der Spur des Verbrechens folgen, kommen in den Knast. Eigentlich müsste das längst reichen, um den UNO-Sicherheitsrat zu mobilisieren. Doch nicht mal zu gezielten Sanktionen kann sich die Runde durchringen.

Geostrategische Rivalitäten verhindern, dass der Westen, Russland und China gemeinsam Druck machen. Washington fordert Härte, Moskau und Peking sind dagegen. Russland sieht Vorteile darin, die USA zu schwächen. Und China schlüpft in die Rolle des Schutzpatrons für Burma, um verlorenen Einfluss gutzumachen. In diesem Patt haben sich die burmesischen Generäle gut eingerichtet. Für die Opfer bedeutet das: Weder haben sie Aussicht auf Gerechtigkeit, noch auf eine Rückkehr in ihre Heimat.

Brutstätten für den Terror

Viele fragen sich, warum die einstige Freiheitsikone Aung San Suu Kyi nichts gegen die Gewalt unternommen hat. Die Antwort lautet: Sie konnte es nicht, selbst wenn sie es wollte. Sie erscheint nun wahlweise als Komplizin des Militärs oder als kraftlose Demokratin. So oder so ist sie gescheitert, sofern man unterstellt, dass ihr die alten Ideale noch etwas bedeuten, für die sie früher mal gekämpft hat.

Die Tatenlosigkeit der Grossmächte wird sich unterdessen noch rächen. Denn die Flüchtlingslager sind Brutstätten für Terror. Menschen, die jede Perspektive verloren haben, lassen sich leicht von Extremisten locken. Und im korrupten Bangladesh kann man Papiere für nahezu jeden besorgen. Der Terror wird dann keine Grenzen kennen, er kann überall zuschlagen. Deshalb geht es im Drama um die Rohingya nicht nur um Straflosigkeit und den dreisten Versuch einer Armee, schwerste Verbrechen zu vertuschen. Versagt die Weltpolizei im Falle Burmas, wird die Krise die Welt unsicherer machen. Wenn nicht morgen, dann übermorgen.

DerBund.ch/Newsnet

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