Sie bekriegen sich trotz ihrer Atomwaffen

Bei den Atommächten Indien und Pakistan hat die Logik der Abschreckung keinen Frieden geschaffen.

Indien und Pakistan tun sich schwer mit deeskalierenden Massnahmen: Indische Soldaten bei einer in Kashmir abgestürzten Maschine der indischen Luftwaffe. Bild: Keystone

Indien und Pakistan tun sich schwer mit deeskalierenden Massnahmen: Indische Soldaten bei einer in Kashmir abgestürzten Maschine der indischen Luftwaffe. Bild: Keystone

Paul-Anton Krüger@pkr77

Einen nuklearen Schlagabtausch vor Augen, haben die USA und die Sowjetunion im Kalten Krieg eine direkte Auseinandersetzung immer vermieden. Es gab Stellvertreterkriege, das Ringen um Einflusssphären, aber nie schossen GIs auf Sowjetsoldaten oder umgekehrt. Das Gleichgewicht des Schreckens schien zu funktionieren: Allein das Risiko eines Atomschlags wirke stabilisierend, so die Theorie der nuklearen Abschreckung.

Ob diese Logik sich auf Indien und Pakistan übertragen lässt, ist umstritten. Bereits im Mai 1974 hatte Indien eine erste Kernwaffe getestet. 1998 zündete es fünf weitere Sprengköpfe. Pakistan, das seit den Siebzigerjahren ein Atomwaffenprogramm aufgebaut hatte, zog kurz darauf mit der simultanen Detonation von fünf Bomben nach. Dessen ungeachtet führten die beiden Länder nur ein Jahr später wieder Krieg.

Das rüttelt an der vermeintlichen Gewissheit, dass nukleare Abschreckung Stabilität schafft, und führt zum Stabilität-Instabilität-Paradoxon. Es besagt, dass Nuklearmächte zwar einen Schlagabtausch mit Atomwaffen wegen der damit verbundenen verheerenden Folgen zu vermeiden suchen, die Bombe mithin stabilisierend wirkt. Zugleich begünstigt eine stabile Abschreckung aber begrenzte konventionelle Kriege und andere Formen der bewaffneten Auseinandersetzung – etwa die Unterstützung von Terroristen und Separatisten, wie sie Indien Pakistan vorwirft.

Video: Die Angst vor einer Eskalation steigt

Das Militär wird mobilisiert: Indische Truppen bewegen sich in der umstrittenen Region. Video: Reuters

Vieles spricht dafür, dass weder Pakistan noch Indien Interesse haben, die Auseinandersetzung zu einem grösseren Krieg zu eskalieren. Allerdings ist es eine offene Frage, ob sie die Dynamik der Auseinandersetzung unter Kontrolle behalten können – oder getrieben von einer Vergeltungslogik und von innenpolitischem Druck in eine Spirale schlittern, die letztlich zu einem Atomkrieg führen könnte, ohne dass dies eine der Seiten tatsächlich wollte.

Die Geschichte der Blockkonfrontation ist reich an warnenden Beispielen technischer und menschlicher Fehler; von der Kuba-Krise bis hinein in die Zeit nach dem Kalten Krieg ist die Welt etliche Male vor allem durch Glück und mutige Menschen davor bewahrt worden, dass nach Hiroshima und Nagasaki noch einmal Atomwaffen zum Einsatz gekommen sind.

Jahrzehntealter Territorialkonflikt

Die Supermächte hatten auf diese Gefahr reagiert, indem sie unter anderem ihre Kommunikationskanäle verbesserten, rote Telefone im Weissen Haus und im Kreml installierten. Indien und Pakistan tun sich schwer mit solchen deeskalierenden Massnahmen. In Krisen kappen sie eher die Drähte. Dazu kommt, dass es zwischen der Sowjetunion und den USA keine Territorialkonflikte gab, während der Status von Kashmir seit Jahrzehnten zentraler Streitpunkt ist zwischen Delhi und Islamabad.

Pakistan sieht sein Atomarsenal als Lebensversicherung, das die wachsende konventionelle Überlegenheit Indiens ausgleicht. Dieses Arsenal ist jedoch hoch verwundbar, als Trägersysteme stehen nur landgestützte ballistische Raketen zur Verfügung sowie Marschflugkörper und Kampfjets; Indien besitzt dagegen U-Boot-gestützte Waffen und damit eine Zweitschlagsfähigkeit.

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