Rakhine findet keinen Frieden

Im Westen von Burma weitet sich der Konflikt zwischen buddhistischen Rebellen und der Armee aus. Auch deshalb wollen die geflohenen Rohingya nicht heimkehren.

Zu Hause könnten sie zwischen die Fronten geraten: Rohingya in einem Flüchtlingscamp in Bagladesh.

Zu Hause könnten sie zwischen die Fronten geraten: Rohingya in einem Flüchtlingscamp in Bagladesh.

(Bild: K. M. Asad (Getty Images))

Arne Perras@tagesanzeiger

Die Tempelstadt Mrauk-U im äussersten Westen Burmas könnte ein Touristenmagnet sein. Auf den Hügeln ragen frühmorgens malerische Pagoden aus dem Nebel, die Ruinen erzählen von einem längst versunkenen buddhistischen Königreich. Mrauk-U, nicht weit von den Ufern des Indischen Ozeans, ist bedeutsam genug, um als Weltkulturerbe anerkannt zu werden. Und doch ist es nicht wahrscheinlich, dass dies bald geschieht. Denn das Gebiet Rakhine im äussersten Westen Burmas findet keinen Frieden. Und vor wenigen Tagen rückten die Gefechte gefährlich nahe an die Ruinenstadt heran.

Kaum Jobs

Ende August überfielen Rebellen der buddhistischen Arakan Army (AA) im frühen Morgengrauen einen Armeeposten ausserhalb von Mrauk-U, wie das Newsportal «The Irrawaddy» berichtete, angeblich starben dabei fast drei Dutzend Soldaten. Vom Militär gab es dafür keine Bestätigung. Doch es häufen sich Berichte über eine Zunahme der Gewalt, die Armee setzt dabei offenbar auch Kampfheli­kopter gegen die Aufständischen ein, in deren Reihen viele Frauen kämpfen.

Viele von ihnen sind kaum älter als 20 Jahre alt. Experten werten dies als Indiz für die wachsende Armut und Verzweiflung in Rakhine, wo es nur wenig Jobs gibt. So lassen sich nicht nur junge Männer, sondern zunehmend auch Frauen für die Arakan Army rekrutieren. Schon im Frühjahr waren Videos von Trainingscamps im Norden Burmas aufgetaucht. Dort gibt es weitere Rebellengruppen, die schon seit Jahrzehnten gegen den Zentralstaat kämpfen und sich mit der deutlich jüngeren AA verbündet haben. «Ich habe gelernt, dass eine bewaffnete Revolution unvermeidbar ist, um die Nation Rakhine zu schaffen», sagte eine der Kämpferinnen in einem Interview, das ein Radiosender im Norden führte. Es ist die Kampfansage einer separatistischen Gruppe, die der Armee in Rakhine immer stärker zusetzt.

Verlässliche Informationen über den genauen Verlauf des Krieges sind schwer zu ermitteln, es ist ein Konflikt, der sich den Augen der Aussenwelt weitgehend entzieht, weil die Armee die Region komplett abriegelt. Lokale Quellen sprechen inzwischen von Zehntausenden Vertriebenen. Und die Kämpfe zwischen dem burmesischen Militär und den Rebellen der Arakan Army dürften Folgen haben, die weit über das entlegene Gebiet hinausreichen.

Stolz auf eigene Kultur

Die Kämpfe finden hauptsächlich in derselben Krisenzone statt, aus der vor zwei Jahren Hunderttausende Angehörige der muslimischen Minderheit vertrieben wurden. Sie nennen sich Rohingya, Burma verweigert ihnen die Staatsbürgerrechte. Die UNO will ihnen dennoch den Weg zurück in die Heimat ebnen. Doch die muslimischen Flüchtlinge verlangen Sicherheitsgarantien und Staatsbürgerrechte, die Lage ist seit 2017 sehr kompliziert. Doch nun forciert die buddhistische Arakan Army ihren eigenen Kampf. Dieser Konflikt überlagert die Rohingya-Krise und macht es noch unwahrscheinlicher, dass die vor allem nach Bangladesh Geflohenen bald eine Chance auf eine Rückkehr bekommen. Sie müssen fürchten, dort sehr schnell zwischen die Fronten zu geraten.

Die Arakan Army rekrutiert sich aus einheimischen Buddhisten, die sich vom Zentralstaat Burma abspalten wollen. Dort dominiert die Volksgruppe der Burmanen, von denen sich die Angehörigen des Volks der Rakhine unterdrückt fühlen. Dieser Konflikt wurzelt tief in der Geschichte, die Rakhine sind von grossem Stolz auf ihre eigene Kultur erfüllt, sie wollen Eigenständigkeit. Zunehmende Verteilkämpfe im verarmten Westen von Burma erhöhen die Spannungen, und sie haben auch den Massenexodus der Rohingya mitbefördert.

Die Arakan Army aber behauptet, die Weltgemeinschaft habe die Probleme der einheimischen Buddhisten nicht wahrgenommen, stets habe sie sich auf die Flüchtlingskrise der Rohingya und den Vertreibungskrieg der Armee konzentriert, deren Führung laut UNO eine «genozidale Absicht» gegen die Minderheit verfolgte.

Hoch motivierte Guerilla

Nun aber macht die Arakan Army von sich reden. Ihre Guerillakämpfer scheinen hoch motiviert zu sein gegen eine Armee, deren Soldaten aus anderen Gegenden kommen und sich im Gebiet schlecht auskennen. Die burmesischen Generäle sehen sich erneut Vorwürfen internationaler Menschenrechtsexperten ausgesetzt. Berichte über Folterungen und qualvolle Internierungen sind aufgetaucht. Wie in jedem Guerillakrieg hat das Militär Probleme, festzustellen, wer in der Bevölkerung die Rebellion unterstützt – so geraten Zivilisten unter Generalverdacht.

UNO-Menschenrechtsexperten berichteten vom Beispiel des jungen Mannes Naing Aung Htun aus dem Ort Buthidaung, der mit 15 anderen festgenommen worden und zwei Wochen lang ohne jeden Kontakt zur Aussenwelt weggesperrt war. Als ihn sein Vater dann schliesslich besuchen durfte, konnte der Sohn nicht mehr kauen, er hatte Verletzungen, klagte über Schmerzen am Kopf und in der Brust. «Der Vorwurf, dass Naing Aung Htun gefoltert wurde, muss untersucht werden», erklärten Menschenrechtsexperten der UNO in Genf, sie fordern für Fälle dieser Art faire Verfahren.

Die Armee dürfte dies aber wenig beeindrucken, sie jagt nach eigenen Angaben Terroristen, und sie hat das bisher mit allen Mitteln getan.

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