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Prothesen gegen die Überalterung

Die einstige japanische Minenstadt Omori schrumpfte auf einige Hundert Einwohner. Bis ein Dorfkönig kam und eine Fabrik für künstliche Gliedmassen gründete.

Massarbeit aus Silikon: Bei Nakamura Brace in Omori wird ein künstlicher Finger hergestellt.
Massarbeit aus Silikon: Bei Nakamura Brace in Omori wird ein künstlicher Finger hergestellt.
Christoph Neidhart

Die Iwami-Silbermine hinter dem abgelegenen Dorf Omori versorgte die Welt, vor allem China, über Jahrhunderte mit Silber und Kupfer. Eine portugiesische Karte vermerkte die Gegend schon 1568 als Silberkönigreich. Ein Drittel der Weltproduktion kam aus der Iwami-Mine. 1923 wurde jedoch die letzte Grube geschlossen. Seither sind viele abgewandert, das Dorf ist verfallen. 1975 wohnten noch 650 Menschen hier, heute sind es 400. Die Präfektur Shimane, in der Omori liegt, verliert jährlich 10'000 Einwohner, das sind 1,5 Prozent der Bevölkerung. Keine andere Präfektur entvölkert sich rasanter.

Export in dreissig Länder

Doch nun stemmt sich das Dorf gegen das scheinbar Unvermeidliche. Mit einer kleinen Fabrik am Ortseingang: Nakamura Brace exportiert künstliche Gliedmassen in dreissig Länder. Dahinter steht Toshiro Nakamura, Gründer und Inhaber von Nakamura Brace. Nach einer Lehre in Kyoto als Prothesenmacher und einem Studium in den USA kehrte er 1974 in sein sterbendes Heimatdorf zurück. Obwohl Omori abseits aller Verkehrsachsen liegt, gründete er hier seine Firma. Und leistete so einen konkreten Beitrag gegen die Abwanderung und die Überalterung, die überall in der japanischen Provinz grassiert.

In den letzten Jahren hat er überdies dreissig verfallene Häuser für 10 Millionen Franken renovieren lassen. Ausserdem half Nakamura durchzusetzen, dass die Unesco die Iwami-Silberminen als Weltkulturerbe registrierte. Das gefällt nicht allen im Dorf: Die Zahl der Besucher ist von 15'000 in den 1970er-Jahren auf eine Million pro Jahr gesprungen, im Sommer kommt ein Bus nach dem andern. Immerhin hat man die Zufahrt zum Dorf für Autos gesperrt und vermietet stattdessen Fahrräder.

Junge Leute mussten abwandern

Von den Silberminen sind über 600 Grubengänge erhalten, einer ist für Touristen zugänglich. Im 17. Jahrhundert lebten hier 200'000 Menschen, die meisten Bergmänner hatten Familien. Die Kinder mussten schon mit sieben Jahren ins Bergwerk, dessen Gänge zum Teil so eng waren, dass Erwachsene nicht hineinkamen. Geschürft wurde das Silber von Hand. Der Bergbau war so bedeutend, dass vor 120 Jahren am Dorfrand die erste Bank der Präfektur errichtet wurde, ein klassizistischer Steinbau. Nachdem 1923 das letzte Unternehmen seine Gruben dichtgemacht hatte, schloss die Bank ihre Filiale, 1990 wollte die Gemeinde das leere Gebäude abreissen. Doch Dorfkönig Nakamura kaufte es und liess es renovieren.

Prothesenmacher sei er geworden, weil seine Schwester, eine Krankenpflegerin, ihn darauf gebracht habe, erzählt der 62-Jährige. Während der Lehre in Kyoto wurde ihm klar, das Japans Prothetik 50 Jahre hinter der deutschen und amerikanischen zurücklag. So ging er nach Kalifornien. Und kehrte mit 26 als Prothetiker nach Omori zurück. «Damals gab es hier kein einziges Unternehmen.» Und damit auch keine Arbeit für junge Leute. Sie hatten keine Wahl, sie mussten abwandern.

Erste Prothesen in der Garage hergestellt

Nakamura stellte in der Garage des Elternhauses erste Prothesen her. Den ersten Auftrag erhielt er von einem Onkel, der ein Stützkorsett brauchte – und ihn dann weiterempfahl. Heute finden bei ihm siebzig Leute ein Auskommen, die meisten kommen von der Kunstakademie. Er nennt sein Handwerk «Medizin-Kunst». Im Schnitt seien seine Angestellten Mitte dreissig, sagt er. Es werde also naturgemäss Kinder geben.

Moderne Prothesen sind aus Silikon, und sie sind Massarbeit. Gerade wird für einen Patienten irgendwo in Japan, der bei einem Unfall einen Finger verloren hat, ein Ersatz hergestellt. Der künstliche Finger macht das Dorf Omori wieder bekannt, in Japan und der Welt.

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