Polizist soll im Politskandal Mord gedeckt haben

Er galt als Schlüsselfigur im Skandal um den entthronten chinesischen Spitzenpolitiker Bo Xilai: der Polizist Wang Lijun. Der Prozess gegen ihn ging in zwei Tagen über die Bühne – erwartet wird eine hohe Strafe.

Kurzer Prozess: Der frühere Polizeichef Wang Lijun vor Gericht. (18. September 2012)

Kurzer Prozess: Der frühere Polizeichef Wang Lijun vor Gericht. (18. September 2012)

(Bild: AFP)

Die chinesische Justiz hat mit dem «Super- Bullen» Wang Lijun kurzen Prozess gemacht: Nach nur zwei Verhandlungstagen endete das Verfahren gegen die Schlüsselfigur im grössten Skandal in der jüngeren Geschichte der Kommunistischen Partei Chinas.

Wann das Volksgericht in Chengdu in Südwestchina das Urteil sprechen wird, ist unklar. Wang Lijun droht eine hohe Haftstrafe. Die Möglichkeit, dass sogar die Todesstrafe oder eine lebenslange Haft verhängt werden könnten, wies die Anwältin Wang Yuncai zurück. Immerhin sei der 52-Jährige geständig gewesen und habe kooperiert. Aus diesem Grund schlug auch die Staatsanwaltschaft eine «gemässigte Strafe» vor, wie die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua am Abend berichtete.

Dem früheren Polizeichef und Vizebürgermeister von Chongqing wurden Fahnenflucht, Machtmissbrauch, Rechtsbeugung und Bestechlichkeit vorgeworfen. Wang Lijun hatte die Affäre um den im vergangenen März entmachteten Spitzenpolitiker und Parteichef von Chongqing, Bo Xilai, ins Rollen gebracht.

Die Partei ermittelt gegen Bo Xilai wegen «schwerer disziplinarischer Verstösse». Ein baldiger Prozess ist möglich. Seine Ehefrau Gu Kailai wurde im August wegen Mordes an dem befreundeten britischen Geschäftsmann Neil Heywood verurteilt. Die Anwältin erhielt ein Todesurteil auf Bewährung, was in lebenslange Haft umgewandelt werden kann.

Verhandlung hinter verschlossener Tür

Die Anklage warf dem Ex-Polizeichef vor, den Mord «absichtlich vertuscht» zu haben, damit Gu Kailai nicht zur Rechenschaft gezogen werden könne. Die Umstände seien «besonders schwer» zu werten, zitierte die Nachrichtenagentur Xinhua.

Ähnlich schwer wiege die Fahnenflucht, weil Wang Lijun als hoher Funktionär Staatsgeheimnisse besessen habe. Der Vorwurf war am Montag hinter geschlossenen Türen verhandelt worden. Es geht um die Flucht des Polizeichefs im Februar in das US-Generalkonsulat in Chengdu, wo er über Korruption und den Giftmord an dem Briten auspackte.

Wang Lijun hatte sich mit der Familie von Bo Xilai überworfen und fürchtete nach Medienberichten um sein Leben. Nach dem peinlichen diplomatischen Zwischenfall im US-Konsulat begab sich Wang Lijun nach 30 Stunden in die Obhut der Pekinger Staatssicherheit.

Wegen seines angeblichen Kampfes gegen das organisierte Verbrechen hatte sich Wang Lijun den Ruf als «Super-Bulle» erworben. Er soll aber in dunkle Machenschaften und Korruption verwickelt gewesen sein.

Vorwurf illegaler Abhörmassnahmen

In der Kampagne, die Bo Xilai und Wang Lijun gegen mafiöse Strukturen in der 30-Millionen-Metropole gestartet hatten, wurden Tausende verhaftet. Dutzende erhielten die Todesstrafe. Kritiker sahen ein teils rechtswidriges Vorgehen, um alte Machtstrukturen zu zerschlagen und selbst die Kontrolle über die Stadt zu übernehmen.

Wang Lijun wurden im Prozess auch illegale Abhörmassnahmen vorgeworfen. Es war unklar, ob es sich auf Vorfälle bezieht, über die die «New York Times» berichtet hatte. So sollen Wang Lijun und Bo Xilai sogar Staats- und Parteichef Hu Jintao und Vizepräsident Xi Jinping abgehört haben.

Die Enthüllungen erschütterten die sorgfältigen Vorbereitungen für den nur alle fünf Jahre stattfindenden Parteitag im Herbst, auf dem Vizepräsident Xi Jinping das Ruder als künftiger Staats- und Parteichef von Hu Jintao übernehmen soll. Der Sturz von Bo Xilai war ein schwerer Schlag für die Linken in der Partei, die ihn wegen seiner revolutionären Kampagnen zu ihrer Galionsfigur erhoben hatten.

Die Hauptakteure im Politikrimi

Die Enthüllungen des ehemaligen «Super-Bullen» Wang Lijun haben die schwerste Krise in der jüngeren Geschichte der Kommunistischen Partei Chinas ausgelöst. In dem Politkrimi geht es um Mord, Macht und Korruption. Hier die Hauptakteure:

  • Bo Xilai: Der charismatische Spitzenpolitiker galt als aufsteigender Star in der neuen Führung. Als Sohn des legendären Revolutionärs Bo Yibo – einer der «acht Unsterblichen» der Partei – hatte der heute 63-Jährige eine steile Karriere gemacht. Er stieg vom Bürgermeister der Hafenstadt Dalian über den Posten des Gouverneurs in der Provinz Liaoning zum Handelsminister auf. Seit 2007 war Bo Xilai Parteichef der Metropole Chongqing. Seine soziale Politik und revolutionären Kampagnen machten ihn zur Galionsfigur der Linken. Der Skandal brachte das einflussreiche Politbüromitglied im März zu Fall.
  • Gu Kailai: Die Ehefrau von Bo Xilai war eine erfolgreiche Anwältin und Geschäftsfrau. Die heute 53-Jährige ist Tochter von General Gu Jingsheng, einem berühmten Revolutionär. Nach dem Jurastudium machte sich Gu Kailai einen Namen als erste Anwältin, die eine Klage gegen eine amerikanische Firma gewann. Mit Bo Xilai hat sie den Sohn Bo Guagua. Sie soll sich in der Familie um geschäftliche Dinge gekümmert und angeblich ein Vermögen ins Ausland geschafft haben.
  • Neil Heywood: Der britische Geschäftsmann war seit den 90er Jahren eng befreundet mit dem Politikerpaar. Er war mit einer Chinesin verheiratet und hatte zwei Kinder. Als Unternehmensberater half der Brite der Familie von Bo Xilai bei privaten Geschäften. Im November wurde der 41-Jährige tot in einem Hotelzimmer gefunden. Erst soll exzessiver Alkoholkonsum die Todesursache gewesen sein. Doch nach den Enthüllungen von Polizeichef Wang Lijun wurde Gu Kailai des Giftmordes angeklagt. Das Motiv war wohl ein geschäftlicher Streit. Im August erhielt Gu Kailai ein Todesurteil auf Bewährung.
  • Wang Lijun: Der frühere Polizeichef war seit den 90er Jahren ein enger Vertrauter von Bo Xilai, als dieser noch Gouverneur von Liaoning war. Wang Lijun folgte dem Spitzenpolitiker in die Metropole Chongqing. Die Propaganda pries beide als gnadenlose Kämpfer gegen das organisierte Verbrechen. Wang Lijun bekam den Spitznamen «Super-Bulle». Allerdings sahen Kritiker in dem teils auch rechtswidrigen Vorgehen eher eine Kampagne, um alte Machtstrukturen in Chongqing auszumerzen und selbst die Kontrolle zu übernehmen. Ende 2011 scheinen sich die Freunde überworfen zu haben.

rbi/sda

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt