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«Ob die Rakete scharf ist, können die Japaner nicht erkennen»

Wie gut ist Tokios Raketenabwehr? Hätte Japan Kims Rakete überhaupt abschiessen können? Antworten von Hans-Jochen Schmidt, einem Kenner des Korea-Konflikts.

Hat er eine neue Atomobombe getestet? Der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-un. (21. September 2017)
Hat er eine neue Atomobombe getestet? Der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-un. (21. September 2017)
AP/KCNA via KNS, AFP
Nordkorea werde weiterhin ein Auge auf das Benehmen der USA haben: Kim Jong-un. (23. August 2017)
Nordkorea werde weiterhin ein Auge auf das Benehmen der USA haben: Kim Jong-un. (23. August 2017)
Keystone
Nordkorea setzt sich immer wieder über UNO-Resolutionen hinweg, welche Tests mit ballistischen Raketen verbieten. (Archivbild)
Nordkorea setzt sich immer wieder über UNO-Resolutionen hinweg, welche Tests mit ballistischen Raketen verbieten. (Archivbild)
KCNA, Keystone
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Nordkorea feuerte am frühen Dienstagmorgen (Ortszeit) eine Rakete ab. Sie überflog japanisches Gebiet und ging östlich der Insel Hokkaido im Pazifik nieder. Das Geschoss flog etwa 2700 Kilometer weit und erreichte eine Höhe von 550 Kilometern. Das japanische Militär beschloss, die Rakete nicht abzuschiessen.

Herr Schmidt, weshalb haben die Japaner Kims Rakete nicht vom Himmel geholt? Solange japanisches Territorium nicht angegriffen wird, gibt es dazu nach japanischem Recht keine Handhabe. Gemäss den Flugdaten, die den Japanern vorlagen, war das Land nicht explizit bedroht. Deshalb verzichteten sie auf einen Einsatz des Raketenabwehrsystems.

Das japanische Abwehrsystem würde aber funktionieren? Japans Raketenabwehr ist für Kurz- und Mittelstreckenraketen geeignet. Diese Rakete war aufgrund des Startorts und ihrer hohen Flugbahn jedoch kaum erreichbar. Das Raketenabwehrsystem Standard Missile 3, das auf Schiffen eingesetzt wird, hat eine Reichweite von knapp 700 Kilometern. Nun soll die nordkoreanische Rakete mehr als 500 Kilometer über Japan geflogen sein. Weil das Abwehrsystem jedoch schräg und nicht senkrecht schiesst, hätte es kaum oder nur knapp gereicht. Das war jedoch nicht das einzige Problem.

Welches Problem gab es noch? Eigentlich hätte Nordkorea den Start vorher anzeigen müssen. Japan war entsprechend unvorbereitet auf den Abschuss. Das ist das zweite Mal, dass Nordkorea ohne Vorwarnung eine militärische Rakete über Japan schiesst: Bereits am 31. August 1998 testete es eine erste Interkontinentalrakete ohne Vorwarnung.

Inwiefern kann Japan auf die Hilfe der USA zählen? Die beiden Länder stehen im ständigen Austausch über die Aufklärungsergebnisse. Damit will man die Erkenntnisse über die Flugkörper und deren Möglichkeiten optimieren. Bei dieser Rakete – so scheint es – zerfiel der Flugkörper im Endanflug. Das war vermutlich nicht so vorgesehen. Dazu braucht es aber noch weitere Analysen.

Besitzt Nordkorea die Fähigkeit, die Raketen zielgenau zu lenken? Wie gut die Nordkoreaner ihre Raketen lenken, weiss keiner genau. Es kann davon ausgegangen werden, dass ihr Trägheitsnavigationssystem über grössere Reichweiten noch nicht allzu genau ist. Allerdings haben sie kürzlich mit einer Cruise Missile bewiesen, dass sie Flugkörper über mehrere Eckpunkte fliegen lassen können. Die Nordkoreaner leben diesbezüglich nicht hinter dem Mond. Ihre Raketen sind vermutlich so zielgenau, dass sie jede grössere Stadt in den USA bedrohen können – wenn sie nuklear aufmunitioniert sind.

Überraschte Nordkorea mit dem aktuellen Raketentypus? Nein, zurzeit geht man von einer bekannten Mittelstreckenrakete aus. Sie soll eine Reichweite von 4000 bis 5000 Kilometer haben. Nordkorea testete die Rakete bereits vor ein paar Monaten. Nun erreichte sie knapp 2700 Kilometer. Diese Distanz reicht für die erhoffte Machtdemonstration: die potenzielle Verwundbarkeit der US-Militärstützpunkte in der Region mit den eigenen Raketen.

Wie erkennt Japan, ob eine Rakete scharf ist? Das ist nicht erkennbar. Bei diesen Tests ist davon auszugehen, dass die Raketen unbewaffnet sind. Wenn, dann sind sie mit einem sogenannten Dummy bestückt. Einem Ersatzsprengkopf der Gewicht und Form des Originals simuliert. Die Infrarotwarnsensoren können lediglich feststellen, ob eine Rakete gestartet ist. Der Kurs wird später durch Radardaten berechnet. Durch die Erdkrümmung ist die genaue Radarerfassung erst ab einer gewissen Flughöhe möglich.

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