«New York Times»-Website nach Bericht über Wen Jiabao gesperrt

Die Familie des chinesischen Premiers habe nach seinem Amtsantritt ein Vermögen von 2,7 Milliarden Dollar angehäuft, berichtete die «New York Times». Den chinesischen Zensoren gefiel das offenbar gar nicht.

Brachte scheinbar chinesische Zensoren auf den Plan: Der Bericht der NYT vom Donnerstagabend. (Screenshot: Nytimes.com)

Brachte scheinbar chinesische Zensoren auf den Plan: Der Bericht der NYT vom Donnerstagabend. (Screenshot: Nytimes.com)

«Meine Familie war extrem arm», sagte Wen Jiabao, der chinesische Premierminister, in einer Ansprache letztes Jahr. Seine Mutter, Yang Zhyiun, war Lehrerin, sein Vater Schweinehirte. Wens Mutter ist heute 90 Jahre alt – und laut einem Bericht des US-Nachrichtenportals «New York Times» (NYT) nicht mehr arm, sondern steinreich, zumindest auf dem Papier. Denn sie besitze Aktien und Investments im Wert von mehreren Hundert Millionen Dollar. Wie sie in den Besitz dieser Papier gekommen ist – und ob sie überhaupt davon wisse –, bleibe im Dunkeln.

Klar ist laut dem Bericht jedoch: Yang Zhyiun hat ihr Vermögen erst angehäuft, nachdem ihr Sohn 2003 zum chinesischen Premierminister gewählt wurde. Sie sei zudem nicht die Einzige aus der Familie von Wen, die nach seinem Aufstieg reich wurde: So hätten unter anderen sein Sohn, seine Tochter, sein jüngerer Bruder und sein Schwager während seiner Regierungszeit enorm viel Geld verdient.

Hinter Strohmännern versteckt

Die Recherchen der NYT zeigen, dass die Familie zwischenzeitlich Anlagen im Wert von 2,7 Milliarden Dollar verwaltete. Oft versteckten sich die Namen der Familienmitglieder hinter Strohmännern, beispielsweise Freunden oder Geschäftspartnern. Auf diese Art und Weise habe die Familie Anteile an Banken, Tourismusprojekten, Telekommunikations-Firmen oder Infrastrukturprojekten gesichert, zum Beispiel am berühmten «Vogelnest»-Stadion in Peking. Oft hätten die Familienmitglieder bei ihren Investitionen finanzielle Unterstützung von staatlichen Firmen erhalten.

Der Staat nimmt in der chinesischen Volkswirtschaft eine starke Position ein und hat weitreichende Entscheidungsbefugnisse – auch in jenen Industrien, in denen die Familie des Premiers ihre Investitionen tätigten. Deshalb, so die NYT, sei es gut möglich, dass seine Verwandten direkt von Entscheidungen profitiert hätten, die Wen während seiner Amtszeit getroffen habe.

Suchbegriffe für Sina Weibo blockiert

Zwölf Seiten lang ist der Artikel, in dem die NYT aufzeigt, wie die Familie von Wen sich bereichert haben soll. Die chinesischen Behörden reagierten prompt: Sie sperrten laut der NYT am Freitagmorgen die englisch- und chinesischsprachige Website der NYT für Server in China. Sie hätten ausserdem Versuche blockiert, die Begriffe «The Times» oder «prime minister» auf Sina Weibo zu posten, dem chinesischen Pendant zum Twitter-Dienst. Die NYT habe sowohl die chinesischen Behörden als auch die Familie Wen gebeten, Stellung zu nehmen, jedoch keine Antwort erhalten.

Die Enthüllungen seien umso brisanter, als Wen sich stets volksnah und bescheiden präsentierte. Vor fünf Jahren hatte er zudem neue Massnahmen gegen Korruption gefordert: Man müsse sicherstellen, dass Familienmitglieder, Freunde und Bekannte von hochrangigen Politikern nicht von deren Position profitieren könnten.

fko

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