«Meine Brüder, geht und legt euer Geld in Lira an»

Die türkische Lira fällt und fällt. Nun appelliert Präsident Erdogan an seine Landsleute, sie sollen die Währung mit ihrem Ersparten stützen.

Erdogan selbst sieht hinter dem Verfall der Lira eine Verschwörung heimischer und ausländischer Finanzkräfte. (Video: Reuters/Tamedia)

Mit munteren Augen lächelt sie in die Welt, strahlt Zuversicht aus und Durchhaltewillen. Genau dazu will Melike Merve die Türken mit ihrem Twitter-Foto offenbar motivieren. Denn ihrer Meinung nach brauchen sie jetzt vor allem Durchhaltevermögen – und auf keinen Fall einen politischen Wechsel. «Wenn es zu Hause mal wirtschaftlich schlecht läuft, tauscht ihr dann den Vater aus?», fragte sie auf Twitter – und bekam dafür innerhalb weniger Stunden 11'000-mal ein «Gefällt mir».

Der Vater, das ist Präsident Recep Tayyip Erdogan. Doch in seinem Haus läuft es derzeit wirtschaftlich nicht nur schlecht, sondern es brennt. In der vergangenen Woche schlitterte die Türkei in eine regelrechte Währungskrise. Die Lira stürzte ab, die Notenbank erhöhte die Zinsen drastisch, konnte den Verfall aber dennoch nur kurz aufhalten. «Die Zinserhöhung kann die Sorgen der Märkte nicht zerstreuen», sagt Inan Demir, Schwellenländerexperte bei der Investmentbank Nomura.

Gegen den Schweizer Franken hat die türkische Lira rund 20 Prozent an Wert verloren. (27. Mai 2018) Bild: Screenshot Fxstreet

Angesichts der Talfahrt der türkischen Lira hat Präsident Recep Tayyip Erdogan seine Landsleute aufgerufen, ihre Dollar- und Euroguthaben in die heimische Währung umzutauschen. «Meine Brüder, die ihr Dollars oder Euros unter euren Kissen habt», wandte sich Erdogan am Samstag auf einer Wahlkampfveranstaltung in Erzurum im Osten an die Bevölkerung, «geht und tauscht euer Geld in Lira um.»

Die Ursache für diese Entwicklung ist schon fünf Jahre alt. So lange hätte Erdogan Zeit gehabt, das grundsätzliche Problem seines Landes anzugehen. Doch das hat er versäumt. Mehr noch: Er hat die Lage verschlimmert, indem er krude Thesen zur ökonomischen Doktrin erhob. Nun könnte er den Brand nur mit einer Wende in der Wirtschaftspolitik löschen. Doch das würde Erdogans Chancen bei der Wahl in vier Wochen drastisch verschlechtern.

Gigantisches Wachstum – aber auf Pump

Im Sommer und Herbst 2013 war die türkische Lira schon einmal unter erheblichen Druck geraten, und mit ihr auch die Währungen Brasiliens, Indonesiens, Indiens und Südafrikas. Der Grund: In den USA kündigte die Notenbank damals ein Ende der Ära des Gelddruckens an, eine Zinswende stand bevor. Wenn am grössten Kapitalmarkt der Welt nun die Zinsen steigen, ist es für Amerikaner weniger attraktiv, ihr Geld im Ausland anzulegen. Das trifft vor allem jene Länder, die besonders auf solche Zuflüsse angewiesen sind. Damals galt das für diese fünf Länder, die deshalb die «Fragile Five» genannt wurden, die zerbrechlichen Fünf.

Inzwischen sind die US-Zinsen drastisch gestiegen. Vier der fünf Länder haben sich dafür gewappnet, indem sie ihre Abhängigkeit von ausländischem Kapital erheblich verringert haben. Nur Erdogan hat das versäumt – und nicht zuletzt dadurch die wirtschaftliche Lage für die Türkei verschlimmert.

Spätestens seit dem gescheiterten Putsch zählt für den Präsidenten nur noch eines: Wirtschaftswachstum. Tatsächlich erzielte die Türkei im vergangenen Jahr einen Leistungszuwachs von gigantischen 7,4 Prozent – mehr als China. Erzielt wurde dieses Wachstum aber auf Pump. Die Banken und der Staat verteilen eifrig Geld, als Subventionen oder Kredite. Angesichts der bevorstehenden Präsidentschafts- und Parlamentswahl am 24. Juni schraubte Erdogan die Ausgaben sogar noch weiter in die Höhe. «Um seine Wiederwahl abzusichern, wurden zuletzt Wahlgeschenke angekündigt», sagt Sören Hettler, Analyst bei der DZ Bank. «Für die über zwölf Millionen Rentner sind unter anderem Einmalzahlungen über insgesamt 2000 Lira (rund 460 Franken) pro Person vorgesehen.»

Das viele Geld fliesst vor allem in den Konsum, und das, obwohl sich die Türken ohnehin seit Jahren in einem Kaufrausch befinden und überall neue Shoppingcenter entstehen. Dort kaufen die Kunden vorzugsweise Importprodukte, das Land führt folglich immer mehr Waren ein, die Exporte halten aber nicht mit. Um diese Lücke zu schliessen, braucht die Türkei weitere Kapitalzuflüsse aus dem Ausland. Bleiben sie aus, verfällt der Wert der Währung und die Inflation steigt. Im April lag die Teuerungsrate bei über elf Prozent.

Zinsen sind nach Erdogan «die Mutter alles Bösen»

Die einzigen beiden Mittel dagegen wären Zinserhöhungen, die den Kreditrausch beenden, und eine Kürzung der Staatsausgaben. Beides bremst aber das Wachstum. Folglich verbot Erdogan der Notenbank derartige Massnahmen, obwohl sie formal nach wie vor unabhängig ist. Er erfand sogar eine neue ökonomische Theorie, derzufolge die Inflation sinke, wenn die Zinsen sinken – obwohl das jeder praktischen Erfahrung der vergangenen 2000 Jahre widerspricht. Zinsen seien «die Mutter alles Bösen», verkündete er. Und vor Investoren in London kündigte er vor kurzem an, dass er die Notenbank im Falle seiner Wiederwahl noch stärker an die Kandare nehmen werde.

Die Folge war der Absturz der Währung. Kostete eine Lira vor einem Jahr noch 28 Rappen, waren es am Freitag nur noch 21 Rappen, ein Abschlag von einem Viertel. Und der Abwärtsstrudel beschleunigte sich weiter, allein von Montag bis Mittwoch verlor die Lira fast zehn Prozent – bis die Notenbank schliesslich eingriff und einen ihrer Zinssätze um drei Prozentpunkte von 13,5 auf 16,5 Prozent anhob.

Doch das wird kaum reichen, um die Währung zu stabilisieren. Denn weil die Lira im Ausland weniger wert ist, werden importierte Güter im Inland teurer, die Inflation steigt dadurch weiter. Allein seit Ende April dürfte die Rate um drei Prozentpunkte gewachsen sein, hat Inan Demir ausgerechnet – genau der Wert, um den die Notenbank die Zinsen nun erhöht hat.

Ausländische Devisen horten

Viel schwerer wiegt aber, dass durch die Währungskrise in der Türkei das wichtigste Kapital jeder Zentralbank zerstört wurde: das Vertrauen. «Es war nicht gerade vertrauensfördernd, dass die Notenbank erst dann endlich handelte, als ihr die Zeit davongelaufen und klar geworden war, dass es keine andere Wahl mehr gab», sagt Phoenix Kalen, Schwellenländerexpertin bei der Investmentbank Société Générale. «Wir denken, die Verantwortlichen haben zu lange gewartet», sagt auch Demir.

Dadurch sei die Währung auf zuvor unvorstellbare Niveaus abgestürzt, und dies habe mit hoher Wahrscheinlichkeit Auswirkungen auf die Psyche der Anleger. «Sparer dürften stabile Wechselkurse nun als eine Chance sehen, ausländische Devisen einzutauschen und zu horten.»

Eine echte Wende zum Besseren wäre nur möglich, wenn die Regierung «unorthodoxen ökonomischen Theorien» abschwört, glaubt Kalen. Sprich: Erdogan müsste zugeben, dass Inflation tatsächlich nur zu bekämpfen ist, indem die Notenbank die Geldflut eindämmt, durch deutlich höhere Zinsen. Er müsste die Unabhängigkeit der Notenbank klar garantieren und die Staatsausgaben verringern. Die Folgen würden jedoch Erdogans Wähler verschrecken – unwahrscheinlich, dass er diesen Weg geht.

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