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Letzter Abflug nach Taiwan

China nötigt Fluglinien, die Eigenständigkeit des Inselstaates unsichtbar zu machen. Selbst amerikanische Airlines knicken ein.

Lange Jahre gab es einen diplomatischen Waffenstillstand zwischen Peking und Taipeh: Flughafen der Hauptstadt Taiwans. bild: Sanga Park (Alamy)
Lange Jahre gab es einen diplomatischen Waffenstillstand zwischen Peking und Taipeh: Flughafen der Hauptstadt Taiwans. bild: Sanga Park (Alamy)

Am Mittwochabend amerikanischer Zeit lief das Ultimatum aus Peking ab. Und zumindest bis zum Redaktionsschluss von Redaktion Tamedia sah es so aus, als würden auch die letzten Störrischen nun einknicken: die US-Fluglinien United Airlines und Delta Airlines. Die Volksrepublik China hätte damit eine weitere Schlacht gewonnen. Und Taiwan, die kleine Insel vor Festland-­China, die lebendigste Demokratie Asiens, wäre wieder ein Stückchen unsichtbarer geworden.

Auf den ersten Blick geht es nur um Namen. Steht da unter den Flugzielen «Taiwan» zwischen «Switzerland» und «Thailand» wie früher fast auf allen Websites der Fluggesellschaften? Oder steht da neuerdings zum Beispiel «Taiwan, China», wie bei der Lufthansa seit ein paar Monaten schon? Die deutsche Fluggesellschaft gehörte zu den ersten, die sich Pekings Forderungen fügten. Und für Pekings Propaganda geht es um das grosse Ganze: die Einheit Chinas. Taiwan ist für die Kommunistische Partei (KP) Chinas keine eigenständige politische Einheit, schon gar kein eigener Staat – es ist Teil eines Grosschina, das der Wiedervereinigung harrt.

«Orwellscher Unsinn»

Die Sache ist bloss: Seit dem Ende des chinesischen Bürgerkriegs 1949 ist Taiwan de facto ein eigener Staat. Und zwar eine lebendige Demokratie, deren Bürger so gar keine Lust verspüren auf Wiedervereinigung mit der chinesischen Ein-Parteien-Diktatur. Als Chinas Luftfahrt­aufsichtsbehörde im April mehr als 40 internationale Luftfahrtgesellschaften ultimativ aufforderte, Taiwan auf ihren Websites schon mal symbolisch China zuzuschlagen, da reagierte das Weisse Haus in Washington noch schnell und deutlich: «Orwellscher Unsinn» sei das, hiess es in einer Erklärung: und «Teil eines Trends der KP Chinas, ihre politischen Ansichten amerikanischen Bürgern und Unternehmen aufzudrücken».

Nun, am Ende ist der KP offenbar genau das wieder einmal gelungen. Die Fluglinien fürchten um ihr Geschäft, in vielleicht zwei Jahren schon soll China die USA überholen als weltgrösster Markt für Flugreisen.

Vor den Fluggesellschaften hatte es schon andere getroffen: die Modekette Zara oder den Hotel­konzern Marriott, dessen Website und Apps die Behörden in China eine Woche lang abgeschaltet hatten, weil man auf der Marriott-Homepage Zimmer in «Taiwan» und «Hong Kong» buchen konnte. Die Schlacht um Buchstaben ist Teil einer zunehmend aggressiven Kampagne Pekings, Taiwan international zu isolieren und die Präsenz des Landes in der Welt auszulöschen.

Viele Katholiken brennen auf Vereinbarung mit Peking

Burkina Faso und die Dominikanische Republik waren die letzten diplomatischen Verbündeten, die China Taiwan abjagte. Mittlerweile wird Taiwan nur mehr von 18 Staaten weltweit anerkannt, so wenige waren es noch nie, der wichtigste darunter ist der Vatikanstaat. Und auch der Vatikan steht möglicherweise kurz vor dem Absprung: Viele in der katholischen Kirche brennen auf eine Vereinbarung mit Peking, sie wollen endlich wieder Zugang zu den katholischen Gläubigen in China.

Eigentlich gab es lange Jahre einen diplomatischen Waffenstillstand zwischen Peking und Taipeh, die Wirtschaftsbeziehungen sind ohnehin eng. Seit der Wahl von Tsai Ing-wen zur Präsidentin in Taiwan vor zwei Jahren jedoch erhöht Peking den Druck ungemein. Tsai gilt als zurückhaltend und moderat, ihre Demokratische Fortschrittspartei hat allerdings ihre Wurzeln in der taiwanischen Unabhängigkeitsbewegung.

Jugendspiele entzogen

Chinas Parteichef Xi Jinping bringt verschärft nationalistische Töne in die Debatte, zugleich aber ist Chinas wachsende Feindseligkeit gegen Taiwan selbst seinem Ziel der Wiedervereinigung eher abträglich: Die Zahl der Bürger Taiwans, die sich in jährlichen Umfragen der Chengchi-Nationaluniversität in Taipeh als «ausschliesslich Taiwaner» bezeichnen, steigt seit Jahren kontinuierlich: 1992 waren es nur 20, vergangenes Jahr schon fast 60 Prozent. Nur mehr eine Minderheit sieht sich gleichzeitig oder vorrangig als «Chinese».

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Bilder: China warnt vor einer Spaltung der Nation

Xi Jinping hat am 20. März 2018 am Volkskongress in Peking vor einer Spaltung seines Landes gewarnt.
Xi Jinping hat am 20. März 2018 am Volkskongress in Peking vor einer Spaltung seines Landes gewarnt.
AP Photo/Ng Han Guan
Xi reagierte damit auf ein neues Gesetz von Donald Trump, das hochrangigen US-Regierungsvertretern die Reise nach Taiwan erlaubt.
Xi reagierte damit auf ein neues Gesetz von Donald Trump, das hochrangigen US-Regierungsvertretern die Reise nach Taiwan erlaubt.
Photo by Lintao Zhang/Getty Images
In Taiwan haben Aktivisten tags zuvor für die Freilassung von China-Kritiker Lee Ming-che demonstriert.
In Taiwan haben Aktivisten tags zuvor für die Freilassung von China-Kritiker Lee Ming-che demonstriert.
AP Photo/Chiang Ying-ying
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Am Dienstag gab es einen weiteren Aufschrei auf der Insel, als bekannt wurde, dass das Olympische Komitee Ostasiens auf Chinas Druck hin der taiwanischen Stadt Taichung nun die Ostasiatischen Jugendspiele 2019 entzog, die es ihr vor ein paar Jahren zugesprochen hatte. Für die Vorbereitung hat die Stadt schon umgerechnet 21,8 Millionen Dollar ausgegeben. «Mit seinem Verhalten zeigt China, dass es kein zivilisiertes Land ist, sondern ein Störenfried in der internationalen Gemeinschaft», heisst es in einer Erklärung des taiwanischen Kabinetts. Eine scharfe Erklärung des Präsidialamtes nannte Chinas Verhalten «kindisch». Dabei ist es beiden Seiten bitterernst.

Japans Fluggesellschaften Japan Airlines und All Nippon Airways machen gerade vor, wie man Peking entgegenkommen kann, ohne sich allzu sehr zu verbiegen: Auch sie strichen Taiwan von der Verbindungsliste auf ihren Websites – aber sie beliessen es nicht dabei: Sie strichen auch die Ländernamen China und Südkorea.

Jetzt stehen da nur die angeflogenen Städte, also zum Beispiel Taipeh, Seoul oder Shanghai – vereint unter der Überschrift «Ostasien».

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