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Land im Dauerkrieg

Die Nordkoreaner führen mitunter Ernte- und Fischfang-Kriege. Die Mehrheit glaubt an die Realität, die ihnen ihre Regierung eintrichtert. Sie betrachtet sich als auserwähltes Volk, das von Feinden umgeben ist.

«Wir sind immer im Krieg, das ganze Jahr»: Soldatinnen bei einer Parade zum 65-Jahr-Jubiläum der Gründung der nordkoreanischen Arbeiterpartei in Pyongyang. (10. Oktober 2010)
«Wir sind immer im Krieg, das ganze Jahr»: Soldatinnen bei einer Parade zum 65-Jahr-Jubiläum der Gründung der nordkoreanischen Arbeiterpartei in Pyongyang. (10. Oktober 2010)
Reuters

Kaum ein Tag vergeht derzeit, an dem die Führung in Pyongyang nicht nachlegt: Drohungen gegen US-Stützpunkte auf Guam und in Südkorea folgten Aufforderungen an ausländische Staatsbürger, für den Kriegsfall rechtzeitig Südkorea zu verlassen – alles vor dem Hintergrund eines angeblich bevorstehenden thermonukleraren Krieges.

Der Westen, allen voran die USA nehmen das Säbelrasseln zwar durchaus ernst, auch um in der angeheizten Stimmung nicht durch ein Missverständnis eine militärische Auseinandersetzung auszulösen. Gleichzeitig betont Washington aber stets, dass die nordkoreanische Kriegsrhetorik altbekannt sei.

Lebenslange Propaganda

Die Menschen in Nordkorea, einem der weltweit abgeschottetsten Länder, kriegen von dieser Aussenansicht auf ihr Landes so gut wie nichts mit. Die Nordkoreaner wähnen sich nach den Worten von Landesflüchtlingen in einem Dauerkrieg. Der Arbeitsalltag der Menschen sei in einen Kampf- und Kriegskontext eingebettet.

Auf das Ausland wirken die Drohgebärden und die Kriegsrhetorik Nordkoreas schrill und aufgeblasen. Für die nordkoreanische Bevölkerung, deren Weltbild von lebenslanger Propaganda geformt ist, geben sie jedoch einer Realität den Rahmen vor, die von Angst vor einer US-Invasion und einer Verschwörung des Westens gegen das kommunistische Land geprägt ist.

Viele Kriege

«Wir sind immer im Krieg, das ganze Jahr», berichtet Oh Ji Heon, der 2010 aus Nordkorea floh. «Im Frühling gab es den 'Krieg der Reisaussaat», sagt er der von Dissidenten geführten Webseite New Focus International. «Im Herbst war 'Ernte-Krieg' und im Winter kämpften wir den 'Fischfang-Krieg'. Jede Jahreszeit brachte uns einen neuen Feind, den wir zu besiegen hatten.»

«Arbeitsplätze sind Schlachtfelder und Arbeit stärkt das Land für den finalen Sieg der Vereinigung» beider Koreas, beschreibt der Experte für nordkoreanische Propaganda, B.R. Myers vom Lehrstuhl für Internationale Politik an der Universität Dongseo in Südkorea, die Stossrichtung. Da die Vision von einer in sich schlüssigen und glaubwürdigen sozialistischen Zukunft bei der Mehrheit der Nordkoreaner nicht mehr verfange, werde die Arbeitskraft ideologisch komplett besetzt – zum Nutzen des Militärs, sagt Myers der «New York Times».

Schuld ist eine feindliche Sanktionspolitik

Dabei glaube die Mehrheit der Nordkoreaner «mehr oder weniger» die Version ihrer Regierung von der Realität, sagt der Nordkorea-Experte Andrej Lankow von der Kookmin-Universität in Seoul. Dazu gehört der Mythos vom auserwählten reinrassigen Volk, das von Feinden umgeben ist, die von den Vereinigten Staaten angeführt werden. Die teils katastrophalen Lebensbedingungen mit schweren Hungerkrisen vor allem auf dem Land werden vor diesem Hintergrund zu Folgen einer feindlichen Sanktionspolitik umgedichtet, die Nordkorea schwächen soll.

Die im Ausland belächelten Masseninszenierungen zu Anlässen wie den alljährlichen Feiern zum Geburtstag von Staatsgründer Kim Il Sung am 15. April seien jedoch keine reinen Spektakel bar jeder Überzeugung, sagt Lankow. Selbst durchaus skeptische Nordkoreaner legten einen «enormen Stolz auf ihr Land» an den Tag und glaubten, dass eine Aggression der USA unmittelbar bevorstehe.

Von Verfolgungswahn oder Volksparanoia könne aber angesichts der herrschenden Propaganda und Zensur in Nordkorea nicht gesprochen werden. «Sie haben einfach keinen Zugang zu einer Realität, die die Anschauungen, mit denen sie gefüttert werden, herausfordern würde», sagte Lankow. Auf diese Weise halte Pyongyang eine Weltanschauung aufrecht, die sich auf vielfältige Weise ausbeuten lasse.

AFP/rub

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