Gipfel-Psychologie – Trumps Zeichen, Kims Gesten

Die XXL-Zelthose von Nordkoreas Führer, der Unterarm-Griff des US-Präsidenten. Marcus Knill analysiert, was nicht gesagt, aber angedeutet wurde.

Die Körpersprache von Trump und Kim – und was sie bedeutet. Video: Tamedia/Reuters

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Beim Singapur-Gipfel haben sich zwei Politiker getroffen, die einige Gemeinsamkeiten haben. Donald Trump und Kim Jong-un sind beide Machtpolitiker und Angeber, sie provozieren und drohen gern. Beide sind unberechenbar, zwar für positive Überraschungen gut, aber nicht gerade verlässlich. Das alles beeinträchtigt ganz stark die Glaubwürdigkeit der eigenwilligen Staatschefs von den USA und Nordkorea. Das bisherige Image beeinflusst auch die Wahrnehmung ihres Auftritts in Singapur.

Wie haben Kim und Trump beim Gipfel gewirkt? Wie waren ihre Körpersprache und ihre Rhetorik? Wer hat mehr überzeugt? Diese Fragen beantwortet Marcus Knill, Experte für Medienrhetorik und Kommunikation. Er hat die Begrüssungsszene und den ersten Medienauftritt der Protagonisten des Gipfels genauer angeschaut. Hier folgen seine Beobachtungen:

Auftreten und Outfit

«Kim Jong-un, der 1,70 Meter gross ist, trägt eine XXL-Zelthose in dunkler hochgeschnittener Kleidung. Damit wirkt er noch kleiner und massiger als der 1,90 Meter grosse Trump. Dieser Grössenunterschied unterstreicht die Selbstüberzeugung von Trump (‹Ich bin der Grösste›, ‹Ich stehe über allem›). Beim Outfit der beiden Staatschefs fällt auch das leuchtende Rot der Krawatte des US-Präsidenten auf. Rot signalisiert Energie, Aktivität und Dynamik. Sie ist aber auch eine Warnfarbe.»

Begrüssung und Handschlag

«Es ist ein historischer Handschlag. Trump und Kim wirken ernst und konzentriert, als sie aufeinander zuschreiten und sich die Hände geben. ‹Nice to meet you, Mr. President›, sagt der nordkoreanische Machthaber zur Begrüssung. Der US-Präsident erklärt, dass er sich grossartig fühle. ‹Wir werden eine grossartige Diskussion haben und sehr erfolgreich sein. Es ist mir eine Ehre. Wir werden eine grossartige Beziehung haben›, sagt Trump. Und Kim entgegnet: ‹Es war nicht einfach, hierher zu kommen. Es gab Hindernisse, aber wir haben sie überwunden, um hier zu sein.›»

Bei der Begrüssung berührt Trump – zusätzlich zum Handschlag – mit der linken Hand kurz Kims rechten Oberarm. Der Handschlag dauert 13 Sekunden. Er artet nicht in einem Zweikampf aus. Beide kommen sich recht nahe. Trump lässt Kim den Vortritt. Er hat offensichtlich die grössere Erfahrung bei solch wichtigen Treffen. Trump berührt Kim erneut und weist ihm den Weg zur Bibliothek des Hotels Capella, wo ein 48 Minuten dauerndes Vier-Augen-Gespräch stattfindet. In dieser Phase übernimmt Trump die Führung. Bescheiden geht er hinter dem nordkoreanischen Machthaber. Was positiv auffällt: Beim Nebeneinandergehen schreiten beide Staatschefs synchron im gleichen Takt – ein gutes Vorzeichen.»

Gemeinsamer Medienauftritt

«Trump spricht einmal mehr so, als habe er sich nicht auf das Treffen mit Kim vorbereitet. Er folgt spontan seinen Gedanken. Trump spricht in einfachen, klaren Sätzen. Er tut dies ohne die üblichen Nebenbemerkungen. Kim schweigt zunächst recht lange, während Trump auf ihn einredet. Kims Blick ist nach vorne gerichtet, in Richtung der Medienschaffenden, als höre er nicht zu. In dieser Phase wirkt Trump nervös. Er stützt, nach vorne gebeugt, seine Unterarme auf die Oberschenkel, und seine Hände formen sich zu einer Merkel-Raute. Trumps Fingerspitzen sind pfeilförmig nach unten gerichtet, immer wieder mit den Fingerkuppen aufeinander klopfend. Kims Lächeln entspannt schliesslich die Situation. Seine Stimme wirkt bedacht. Trumps Stimme ist – im Gegensatz zu den üblichen Auftritten – ruhiger und staatsmännischer.

Trump kneift normalerweise bei seinen Reden die Augen oft zu und erschwert damit den Blick ins Innere seiner Person. Bei diesem Treffen bemüht er sich aber, den Augenkontakt mit Kim bewusst aufzunehmen. Kim weicht zunächst diesem Augenkontakt aus. Erst später baut er mit den Augen gleichsam eine Brücke auf. Das macht uns bewusst: Der Blickkontakt ist die Nabelschnur der Kommunikation.»

Fazit

«Die ganze Welt schaut auf das Gipfeltreffen in Singapur. Trump und Kim sind sich bewusst, dass hier Geschichte geschrieben wird. Beide sehen das Treffen als Chance für sich selbst. Beide werden versuchen, den historischen Gipfel im eigenen Land als persönliche Glanzleistung zu vermarkten. Trump und Kim haben ein grosses Interesse an einem positiven Ausgang des Treffens. Beiden ist allerdings zuzutrauen, dass sie später ihre Zugeständnisse widerrufen. Beide bleiben unberechenbar. Diese Eigenschaft beider Staatschefs könnte somit den historischen Gipfel nachträglich plötzlich wieder zunichtemachen. Bei Trump und Kim ist alles möglich. Von Kim weiss man, dass er viele Berater hat. Instinktpolitiker Trump verlässt sich meist auf sein Bauchgefühl.

Dennoch: Immerhin ist das Eis zwischen den USA und Nordkorea gebrochen. Nun könnte Vertrauen aufgebaut werden. Und es besteht die Hoffnung, dass es zu weiteren Gesprächen zwischen Trump und Kim kommt. Der Start ist immer die halbe Miete. Zu Beginn des Gipfels zeichnet sich rhetorisch eine Pattsituation ab.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2018, 07:11 Uhr

«Beim Nebeneinandergehen schreiten Trump und Kim synchron im gleichen Takt – ein gutes Vorzeichen»: Marcus Knill, Kommunikationsexperte.

Trump und Kim wie Vater und Sohn

Auf diesen Moment hat die Welt gewartet: In Singapur geben sich US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un zum ersten Mal die Hand. Der australische Experte für Körpersprache Allan Pease hat sich die 13 Sekunden genau angeschaut, während die beide ihre Hände schüttelten. «Das war kein normaler Händedruck», analysiert Pease. «Das ging rauf und runter, es war wie ein Drängeln.» Jeder habe versucht, den anderen etwas näher an sich heranzuziehen. Keiner habe zulassen wollen, dass der andere aus dieser Kraftprobe als Sieger hervorgehe.

Die Unternehmensberaterin der Singapurer Zweigstelle von Influence Solutions, Karen Leong, kommt wie Pease zu dem Schluss, dass sich auch im Nonverbalen das Ringen darum zeigt, wer das Sagen hat: «Wenn die ihre Hände drücken, färben sich die Fingerspitzen weiss - die beiden Jungs sind Alpha-Männchen.» Sie erläutert: «Beide wollen ihre Dominanz unter Beweis stellen, deswegen der fast knochenbrechende Händedruck.»

Leong kommt zu dem Schluss, dass beide Männer trotz allem Bemühen, die Überlegenheit über den anderen zu demonstrieren, ihre Nervosität nicht vollständig überdecken konnten. Beim Foto-Termin in der Hotel-Bibliothek vor Beginn der Gespräche habe der US-Präsident ein schiefes Lächeln aufgesetzt, sagt Leong. Ausserdem habe er mit seien Händen rumgefuchtelt. Kim habe dagegen zeitweise auf den Boden gestarrt.

Aus Sicht von Pease spielte Trump seine Routine aus, als er vor unzähligen Kameramännern und Fotografen zusammen mit Kim über den Aussenbereich des Hotels zur Bibliothek ging, wo die eigentlichen Verhandlungen starten sollten. Trump habe die Anspannung aus der Begegnung nehmen wollen, indem er mit dem nordkoreanischen Anführer geplaudert habe. Zudem habe er Kim gewissermassen den Vortritt gelassen, indem er ihn etwas vor ihm habe gehen lassen. Allerdings habe er die Situation auch beherrscht, indem er Kim die Hand auf die Schulter gelegt und ihn in den Verhandlungsraum gelenkt habe.

Kim habe Trump auch berührt, um ein nonverbales Zeichen der Dominanz zu setzen, sagt Pease. Aber er habe auf den Boden geschaut und nur manchmal während des Gesprächs aufgeschaut. «Trumps Worte waren versöhnlich, fast demütig», erklärt der Experte. «Aber seine Körpersprache signalisiert ganz klar 'Ich habe hier das Sagen'.» Er bringt seine Beobachtungen auf den Punkt: «Wenn du nicht weisst, wer die beiden sind, würdest du sagen, der Grosse ist der Vater und der Kleine ist der Sohn.» (sda)

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