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«Ist es das, was wir sind? Wilde?»

Ein Lynchmord an zwei Jugendlichen in Pakistan löst im ganzen Land Entsetzen aus. Polizisten hatten an vorderster Front zugeschaut.

Der entfesselte Mob stürmte auf die beiden Jugendlichen los.
Der entfesselte Mob stürmte auf die beiden Jugendlichen los.
Keystone
Vater und Schwester zeigen die Bilder der Getöteten.
Vater und Schwester zeigen die Bilder der Getöteten.
Keystone
Die beiden Jugendlichen wurden schliesslich aufgehängt.
Die beiden Jugendlichen wurden schliesslich aufgehängt.
Keystone
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Die Brüder wurden offenbar mit Räubern verwechselt, von einer wütenden Menge mit Stöcken zu Tode geprügelt und ihre Leichen anschliessend zur Schau aufgehängt. Rund ein Dutzend Menschen sahen dem Gewaltexzess teilnahmslos zu, selbst Polizisten griffen nicht ein. Der öffentliche Mord wurde von Zeugen auf Video festgehalten und auf mehreren Fernsehkanälen ausgestrahlt.

«Ist es das, was wir sind? Wilde?» schrieb die englischsprachige Zeitung «The News» in einem Leitartikel. Vielfach wurde die Frage laut, ob die pakistanische Gesellschaft immer brutaler werde und ob Versäumnisse der – unter anderem wegen ihrer Reaktion auf die Hochwasserkatastrophe bereits unter Druck geratenen – Regierung dafür verantwortlich seien.

Die unglaubliche Tat ereignete sich am 15. August in Sialkot in der östlichen Provinz Punjab. Die Brüder im Alter von 15 und 17 Jahren waren nach Behördenangaben auf dem Weg zum Cricket-Spielen, kurz zuvor wurde in der Gegend ein Raubüberfall verübt. Polizisten waren im Einsatz, die Leute nervös. Mit ihrer grossen Sporttasche seien die Jugendlichen offenbar für die Täter gehalten worden, sagte Behördensprecher Mujahid Sherdil der Nachrichtenagentur AP.

Schlimmste Szenen unkenntlich gemacht

Von wem die Videoaufnahmen der Lynchjustiz stammen, war nicht bekannt. Berichten zufolge hatten mehrere umstehende Männer ihre Mobiltelefone gezückt. Im Fernsehen wurden die schlimmsten Szenen unkenntlich gemacht, verschiedene Gesichter sind allerdings klar erkennbar, darunter die von Polizisten in Uniform.

Ganz neu sind solche Bilder nicht: In den vergangenen zwei Jahren wurden mehrfach Polizisten und Soldaten dabei aufgenommen, wie sie auf Verdächtige einprügeln. Im Jahr 2008 wurden in der Stadt Karachi zweimal mutmassliche Räuber von einem aufgebrachten Mob verbrannt. Das Bild eines Mannes inmitten der Flammen war damals auf den Titelseiten der Zeitungen zu sehen.

Bürgerrechtler verurteilten den jüngsten Mord in Sialkot, und die Medien schielen vor allem darauf, wie die Regierung auf die Bluttat reagiert. Viele Verdächtige werden aber niemals gefasst – was wiederum Mobs ermutigt, das Recht selbst in die Hand zu nehmen.

Zehn Verdächtige festgenommen

Der pakistanische Innenminister Rehman Malik besuchte die Familie der ermordeten Brüder am Sonntag und rief die Bevölkerung auf, die Ermittlungen zu unterstützen. Mindestens zehn Verdächtige seien bereits festgenommen worden, darunter vier Polizisten. Die Sicherheitskräfte hätten wenigstens in die Luft schiessen sollen, um die Menge aufzulösen, sagte Malik. Niemand dürfe zu Lynchjustiz greifen: «Solche Zwischenfälle kann sich keine zivilisierte Gesellschaft leisten», betonte der Minister. Ganz Pakistan wolle die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen, «und es werden Forderungen aus dem Volk laut, dass sie genau da gehängt werden sollten, wo sie die beiden Brüder ermordet haben».

In einem Zeitungskommentar hiess es am Sonntag, Ursache für den öffentlichen Mord in Sialkot – und der Verzweiflung der Armen angesichts der verheerenden Überschwemmungen – sei die «potenzielle Unfähigkeit des Staates, seine Bürger zu schützen und für sie zu sorgen». Die erfolgreichen Eliten «lieben Pakistan nicht», schrieb Ghazi Salahuddin. «Sie haben dieses Land nie geliebt.»

(dapd)

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