Händereichen am Ort des Gruselns

Das Gipfeltreffen zwischen Nord- und Südkorea findet in Panmunjom statt. Dem «furchterregendsten Ort der Erde», wie es Bill Clinton einmal nannte.

Kim Jong-un und Moon Jae-in treffen sich im Grenzort Panmunjom zu ihrem ersten Gipfel. (Video: Tamedia, AFP)
Zita Affentranger@tagesanzeiger

Südkoreas Präsident Moon Jae-in und der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-un verhandeln im Friedenshaus in Panmunjom. Dabei ist es in dem «Waffenstillstandsdorf» alles andere als friedlich. Erst im November kam es hier, wo sich südkoreanische und nordkoreanische Soldaten direkt gegenüberstehen, zu einer Schiesserei: Ein nordkoreanischer Überläufer rannte in einem Akt der Verzweiflung über die Grenze, seine Kameraden eröffneten das Feuer. Der Mann schaffte es auf die andere Seite, wenn auch schwer verletzt. Der schlimmste Zwischenfall ereignete sich 1976, als nordkoreanische Soldaten zwei US-Militärs töteten, welche einen Baum fällen wollten, der den UNO-Beobachtern die Sicht auf den Norden versperrte.

Wohnen tut in diesem «Dorf» niemand. Der eigentliche Ort Panmunjom war etwas weiter nördlich. Es wurde längst geräumt und ist von der Landkarte verschwunden. Das heutige Gipfelgelände liegt mitten in der 250 Kilometer langen demilitarisierten Zone.

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Der rund vier Kilometer breite Streifen, der die beiden Länder trennt, ist eine der härtesten Grenzen der Welt: Minen, Elektrozäune und Hunderttausende Soldaten auf beiden Seiten. Hier wurde 1953 der Waffenstillstand vereinbart, der den Koreakrieg beendet hat. Daher wird Panmunjom auch als «Waffenstillstandsdorf» bezeichnet. Die Verhandlungen hatten drei Jahre gedauert, zu einem Friedensvertrag hat es bis heute nicht gereicht.

Ein blauer Teppich für den Frieden

In Panmunjom hat die hermetisch abgeriegelte Grenze sozusagen ein Loch, hier treffen sich die Parteien, wenn es etwas zu bereden gibt. Meistens in den blauen Baracken in der Mitte des Geländes, die genau auf der Grenze liegen und von beiden Seiten einen Eingang haben. Doch heute spazierte Kim mit Moon gleich mehrmals über die Grenze, die durch erhöhte Bodenplatten markiert wird und den nördlichen Betonboden vom südlichen Kiesboden trennt.


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Der innerkoreanische Gipfel ist ein einziger Akt von Symbolen und bis ins Detail choreografiert. Panmunjom bietet dazu sozusagen die Theaterbühne. Im Friedenshaus, wo die beiden Präsidenten einander gegenübersitzen, liegt ein blauer Teppich, der den Frieden symbolisieren soll. Und der Tisch ist laut südkoreanischen Medien genau 2018 Millimeter breit, um das Jahr des historischen Treffens zu verewigen. Es ist zwar der dritte Gipfel zwischen Nord und Süd, aber der erste, der nicht in Nordkorea stattfindet.

Symbolischer Akt: Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un und Südkoreas Präsident Moon Jae-in pflanzen einen Baum. Video: Tamedia/AFP

Denn das Friedenshaus liegt im südkoreanischen Teil der Anlage. Kim musste dafür einige Dutzend Meter nach Südkorea hereinkommen. Er hat auf seiner Seite der Grenze ein ähnliches Gebäude, den sogenannten Panmungak-Pavilion. Nördlich von Panmunjom steht ein buntes Dorf, die Südkoreaner sagen, es diene nur der Propaganda und sei leer. Doch auch auf der südkoreanischen Seite will hier niemand wirklich wohnen. In einem kleinen, geschlossenen Bauerndorf leben ein paar Familien. Ihnen werden unter anderem die Steuern erlassen, damit sie in dieser ungemütlichen Gegend ausharren.

Unangemessene Kleidung verboten

Touristen können das Friedenshaus besichtigen und sich an der Grenze gegen Geld ein wohliges Gruseln verschaffen. Touranbieter machen ihre Kunden darauf aufmerksam, dass sie nüchtern sein müssen und in dem Gebiet eine strikte Kleiderordnung gilt: «Grelle, extreme, zerrissene, zerschlissene, beschädigte, sehr provokative oder auf sonstige Weise unangemessene Kleidung ist nicht erlaubt», heisst es etwa bei Tripadvisor. «Sportkleidung (inkl. Trainingsanzüge), Militärkleidung, Übergrössenkleidung, durchscheinende Kleidung, ärmellose Shirts/Oberteile, Trägertops und Flipflops und ähnliche Sandalen sind ausdrücklich verboten.» Der einstige US-Präsident Bill Clinton, der hier 1993 zu Besuch war, bezeichnete das «Friedensdorf Panmunjom» als den «furchterregendsten Ort der Erde».

Kim Jong Un sprach vor Reportern von einem «historischen Moment». (Video: Tamedia, AFP)

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