Putin will nur mit den USA wirklich verhandeln

Europäer und Amerikaner brauchen dringend eine neue Russland-Strategie. Männerfreundschaften à la Bush und Trump helfen nicht weiter.

Der russische Präsident Wladimir Putin (l.) mit seinem US-amerikanischen Amtskollegen Donald Trump am G20-Gipfel in Hamburg. (7. Juli 2017)

Der russische Präsident Wladimir Putin (l.) mit seinem US-amerikanischen Amtskollegen Donald Trump am G20-Gipfel in Hamburg. (7. Juli 2017)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es sind Szenen wie aus dem tiefsten Kalten Krieg: In Grossbritannien wird ein russischer Ex-Agent, der auch für London gearbeitet hat, mit einem Nervengift attackiert, das in den Geheimlabors der Sowjetunion entwickelt wurde. Die Reaktion folgt ebenfalls der Logik des Kalten Krieges: Die Briten beschuldigen Moskau; zusammen mit den westlichen Alliierten weisen sie über 100 russische Diplomaten aus. Nun tut der Kreml, der die Vorwürfe bestreitet, genau das Gleiche und wirft seinerseits westliche Diplomaten raus. Das sind nicht mehr als hohle Gesten.

Bemerkenswert ist etwas anderes: Die Solidarität, welche die EU und die USA plötzlich zelebrieren. Seit dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump herrscht zwischen Europäern und Amerikanern Misstrauen, von Zusammenstehen keine Spur mehr. Schon gar nicht in Bezug auf Russland. Doch ohne europäisch-­amerikanisches Teamwork geht hier gar nichts: Russland macht zwar mit den Europäern Geschäfte, doch politisch nimmt der Kreml sie nicht ernst. Moskau will mit niemandem anderem wirklich verhandeln als mit den USA – und insbesondere mit dem US-Präsidenten. Trump bietet sich da geradezu an, denn Putin ist überzeugt, dass der Amerikaner ähnlich tickt wie er selber: Für beide kommen ihre Länder zuerst – über den Rest der Welt lässt sich reden.

Bush hat ihm in die Seele geblickt

Einen solchen Kumpel hatte Putin schon einmal im Weissen Haus: George W. Bush. Er habe diesem Mann in die Augen geblickt, sagte Bush nach dem ersten Treffen 2001 in Slowenien, und habe seine Seele erkannt. Putin sei geradlinig und vertrauenswürdig. Von einer Achse Putin–Bush war damals die Rede. Erst recht nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA. Putin rief Bush sofort an, drückte ihm und den Amerikanern sein Beileid aus und bot Hilfe an. Moskau wurde zu einem wichtigen Alliierten der USA im Krieg gegen den Terror, während die Europäer Washington nur widerstrebend folgten.

Besonders lang hielt die Männerfreundschaft nicht. Als die Russen feststellen mussten, dass sich die USA in ihren traditionellen Hinterhöfen Georgien, Zentralasien und in der Ukraine breitmachten, war es aus. 2007 sprach Putin an der Sicherheitskonferenz in München Klartext: Washington strebe eine «monopolare Weltherrschaft» an und wolle anderen Ländern seinen Willen aufzwingen. Die Grenzen seien in «fast allen Bereichen überschritten» worden. Putin blieb nicht beim Klagen. Er machte Russland Stück für Stück wieder zu einem Faktor in der Weltpolitik und forderte den Westen heraus, den er als schwach und dekadent verspottete. Zu dieser Logik passte die Annexion der Krim 2014.

Danach war nichts mehr wie zuvor. Während die Russen Putin zujubelten, verurteilte der Westen die Annexion einhellig und scharf: Putin habe die Nachkriegsordnung zerstört, und es gebe nichts, was diesen Schritt rechtfertige. Über die Jahre hat die westliche Entschlossenheit zwar etwas gebröckelt. Die verhängten Sanktionen haben bisher kaum etwas bewirkt, und der Anstieg des Ölpreises könnte sie nun weiter unterlaufen. Doch noch halten die Fronten.

«Russland will nur mit den USA wirklich verhandeln.»

Für den Kreml ist das frustrierend. Die Europäer liessen sich für einmal nicht auseinanderdividieren, und zu US-Präsident Barack Obama hat Putin nie den Draht gefunden. Mit einer Präsidentin Hillary Clinton wäre es womöglich noch schlimmer geworden. Die Wahl Trumps gab dem Kreml deshalb Hoffnung. Zwar hat die neue US-Regierung die Sanktionen nicht gekippt und auch sonst nichts getan, was Moskau gefallen könnte. Aber mit Trump selber sieht Putin noch immer die Chance, eine Männerfreundschaft nach dem Bush-Modell aufzubauen. Über die Glückwünsche des US-Präsidenten zum Wahlsieg dürfte er sich deshalb sehr gefreut haben.

Kurz vor der Wahl hatte der russische Präsident dem Westen noch dramatisch mit unschlagbaren Atomwaffen gedroht. Europäer und Amerikaner hätten nicht auf ihn hören wollen, sagte Putin, nun werde er sie dazu zwingen. Im Streit um den Giftanschlag in London liess er die Emotionen immer weiter aufkochen. Denn die Anschuldigungen haben ihm im Wahlkampf, in dem er die Bedrohung Russlands durch den Westen beschwor, in die Hände gespielt. Dennoch will Putin es nun offenbar noch einmal versuchen und erklärt, Russland sei bereit für ein Gipfeltreffen mit Trump, um die Lage der Welt zu besprechen.

Westen darf nicht wählerisch sein

Im Kreml dürfte man das Zusammengehen zwischen Europäern und Amerikanern mit wenig Begeisterung registriert haben. Doch nach der gemeinsamen Geste müssen die EU und die USA einen Schritt weitergehen und eine kohärente Russland-Strategie ausarbeiten: Wie man russische Übergriffe – etwa in Syrien oder in der Ukraine – kontern kann, aber auch, wie man Russland wieder in ein gemeinsames Sicherheitssystem einbaut, aus dem es sich faktisch verabschiedet hat. Wählerisch darf der Westen da nicht sein. Es bringt nichts, nur immer mit jenen Russen zu reden, die zwar die eigene Meinung teilen und etwa gegen die Annexion der Krim sind, dafür in Russland keinerlei Gehör finden. Ein Dialog muss auch mit den politisch unlieb­samen Putin-Leuten geführt werden.

Es ist mit Russland wie mit der berühmten Matrjoschka, der Puppe in der Puppe: Nach jeder Wahl entsteigt ihr ein neuer Putin. Doch in sechs Jahren darf er nicht mehr antreten, und in Russland wächst eine neue Generation heran, die sich nicht mehr alles vom Kreml vorschreiben lassen will. Diese Wahl wird über dir Zukunft entscheiden: Kommt aus der Matrjoschka eine neue Figur oder dank einem faulen Trick doch wieder der alte Putin? Egal, ob sich Russland 2024 mit einem Präsidenten auf Lebzeiten endgültig Richtung Autokratie verabschiedet oder einen zumindest vorsichtigen Neuanfang wagt mit einem neuen Gesicht: Spätestens dann muss der Westen mit einer griffigen Strategie bereitstehen. Symbolische Gesten aus dem Kalten Krieg reichen dann definitiv nicht mehr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.03.2018, 18:20 Uhr

Artikel zum Thema

Das Putin-Paradox

Während Trump sich weigert, Russlands Präsidenten zu kritisieren, verschärft seine Regierung den Ton gegenüber Moskau. Wie geht das zusammen? Mehr...

Putin prahlt mit Superwaffen

Kurz vor der Wahl rüstet Russlands Präsident Wladimir Putin rhetorisch auf und droht mit unbesiegbaren Atomwaffen. Mehr...

Rückenwind für Putin

Video Der Kreml suggerierte der russischen Bevölkerung, sie habe nur eine Wahl: Wladimir Putins prunkvolles, starkes Russland oder die Rückkehr ins Chaos. Mehr...

Dossiers

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Das digitale Monatsabo für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital ohne Einschränkungen. Für nur CHF 32.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

KulturStattBern Dancing Ausserholligen
Zum Runden Leder 712. Caption Competition

Die Welt in Bildern

Überflieger: Eine F-16 des türkischen Stern-Akrobatik-Teams zeigt bei der Teknofest Flugshow in Istanbul, zu was die Maschine fähig ist. (20 September 2018)
(Bild: Osman Orsal) Mehr...