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Freiheit lernen

Etwa tausend Menschen sind 2019 von Nordkorea nach Südkorea geflohen. Dort ist ihnen vieles fremd. Yoo Hyuk ist einer von ihnen. Er hat grosse Träume.

Eine Todeszone, vier Kilometer breit, übersät mit Landminen: Die «demilitarisierte Zone» verläuft quer durch die koreanische Halbinsel. Foto: Jeon Heon-Kyun (Getty Images)
Eine Todeszone, vier Kilometer breit, übersät mit Landminen: Die «demilitarisierte Zone» verläuft quer durch die koreanische Halbinsel. Foto: Jeon Heon-Kyun (Getty Images)

Als Yoo Hyuk neun Jahre alt war, wollte er sterben. Sein Leben fühlte sich an wie ein Loch im Bauch. Es gab nicht genug zu essen in seinem Dorf in der Provinz Nord-Hamgyong in Nordkorea. Wenn er sich umschaute, sah er schroffe Berge, karge Häuserwände, seine mittellose Familie. Genauer gesagt das, was davon übrig geblieben war, seit die Mutter fünf Jahre zuvor nach Südkorea geflohen war: seinen Vater und die Grosseltern.

Der Vater ging jeden Tag in ein Büro, aber seine Arbeit brachte nicht genug Geld ein, um alle satt zu bekommen. Yoo Hyuk wollte ihn nicht allein lassen. Er wurde ein Dieb und Betrüger. Er belog Soldaten, um an Essen zu kommen, klaute Bauarbeitern aus Pyongyang ihren Proviant und half seinen Leuten so beim Überleben. «Es war ein Albtraum.»

So erzählt Yoo Hyuk von seiner Kindheit im Norden der koreanischen Halbinsel. Er sitzt in einem Büro in Anseong in Südkorea, eine Dolmetscherin übersetzt. Vom Fenster aus sieht man das Hangyeore-Internat für jugendliche Überläuferinnen und Überläufer. Nach der Flucht hat Yoo Hyuk es für ein paar Jahre besucht. Heute ist er 20 Jahre alt, trägt bunte Freizeitkleidung und Ohrringe in Kreuzform. Sein Gesicht hat er dezent geschminkt. Er mag die Aufmerksamkeit, will Schauspieler werden.

Yoo Hyuk floh als Jugendlicher aus Nordkorea. Foto: Thomas Hahn
Yoo Hyuk floh als Jugendlicher aus Nordkorea. Foto: Thomas Hahn

Seine Geschichte packt er in wenige, starke Worte. Sie wirkt deshalb manchmal ein bisschen zu einfach. Aber das ändert nichts daran, dass sie ein Beispiel dafür ist, was viele junge Menschen aus Nordkorea erleben: Flucht vor der Armut. Ankunft in einer anderen Welt. Hoffnung auf eine freie Gesellschaft, für die sie zunächst mal eine Herausforderung sind.

Während des Kalten Krieges, als die Sowjetunion Nordkorea finanzierte, sah es so aus, als seien die Nordkoreaner zufrieden. Nur sehr wenige wagten die Flucht. 1993 waren es gerade mal acht, von denen die kapitalistische Propaganda jeden Einzelnen als Helden feierte. Das änderte sich, als die Sowjetunion zerfiel. Das änderte sich sogar dramatisch, als Fluten und Misswirtschaft das Land von 1995 an in eine Hungersnot mit bis zu 2,5 Millionen Toten stürzten. 2009 kamen dann knapp 3000 Überläufer in Südkorea an. Mehr als je zuvor.

Das Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten schätzt, dass in Nordkorea von den rund 25 Millionen Einwohnern immer noch etwa 11 Millionen nicht ausreichend Lebensmittel und sauberes Trinkwasser haben. Nahrungsmittel werden rationiert. Aber die ganz grosse Hungerkrise aus den Neunzigerjahren ist vorbei. Und Diktator Kim Jong-un lässt die Grenze zu China schärfer bewachen, über die die meisten Nordkoreaner fliehen. Trotzdem sind bis Ende 2019 wieder ungefähr tausend Nordkoreaner in Südkorea angekommen. Es sind Fremde, sie kennen die Marktwirtschaft nicht.

Das «gesamtkoreanische Projekt»

Eine Billion Won (833 Millionen Franken) – das war 2019 das Budget des südkoreanischen Staates für «gesamtkoreanische Projekte». Viele Millionen davon kriegt das Hangyeore-Internat, obwohl es eine Privateinrichtung ist. Aber Bildung ist wichtig, wenn die jungen Menschen arbeiten wollen; viele kommen aus einem Leben, in dem für Schule keine Zeit war.

Yoo Hyuk ist nicht einmal der härteste Fall. Er war ein zorniger Teenager, als er vor sechs Jahren ankam. Regte sich schnell auf. Warf mit Sachen um sich. Aber er konnte lesen. Andere können nicht einmal Koreanisch, obwohl sie einen koreanischen Pass haben. Sie gehören zur jüngsten Generation der Überläufer, sind nicht in Nordkorea geboren und aufgewachsen, sondern in China, wo ihre Eltern nach der Flucht einen jahrelangen Zwischenhalt einlegten.

In Nordkorea haben etwa elf Millionen Menschen weder ausreichend Lebensmittel noch sauberes Trinkwasser.

Wer aus Nordkorea geflohen ist, hat meist eine gefährliche Reise hinter sich. Die direkte Route nach Süden ist für Zivilisten so gut wie unmöglich, weil nicht nur eine Mauer mit Stacheldraht die koreanische Halbinsel teilt. Sondern die sogenannte demilitarisierte Zone. Seit dem Waffenstillstandsabkommen von 1953, seit dem Ende des Koreakriegs, verläuft sie von der Westküste bis zur Ostküste. 250 Kilometer lang, vier Kilometer breit, übersät mit Landminen. Eine Todesfalle.

Die Grenze nach China ist leichter zu überwinden. Im Nordosten fällt sie mit dem Fluss Tumen zusammen, der an manchen Stellen so seicht und schmal ist, dass man ans andere Ufer schwimmen oder sogar waten kann. Der Fluss war zugefroren, als Yoo Hyuk ihn im Winter 2013 überquerte. Er rannte über das Eis. «Da war ein Schleuser, der hatte die Grenzposten bestochen.» Es war eine wochenlange Flucht über den asiatischen Kontinent.

Der Alligator im Fluss

Yoo Hyuk musste aufpassen, dass er nicht von chinesischen Polizisten aufgegriffen und nach Nordkorea zurückgeschickt wurde. Tausende Kilometer im Auto, bis zur Grenze nach Laos. Dann zu Fuss weiter. «Zwölf Stunden lang bin ich bergauf gegangen», sagt er. Sie seien zu dritt gewesen, er und zwei Frauen, von denen eine schwanger war. Ein anderes Auto brachte sie zum Mekong, an eine Stelle, an der der Fluss die natürliche Grenze zu Thailand ist.

Sie stiegen auf ein schmales Boot, es war Nacht. «Der Schleuser sagte, ich soll die Hand nicht ins Wasser halten.» Erst während der wackligen Überfahrt sah Yoo Hyuk, warum er das gesagt hatte. Ein Alligator glitt durch die Strömung. Yoo Hyuk sagt, er habe trotzdem keine Angst gehabt. «Nordkorea zu verlassen, hatte nichts Beängstigendes für mich.» Als habe er in seiner alten Heimat verlernt, sich zu fürchten, wie sich Jungs normalerweise fürchten.

In Thailand liess er sich von Polizisten aufgreifen. Sie holten andere Koreaner, um ihn zu verstehen. So kam Yoo Hyuk in Kontakt mit der koreanischen Botschaft.

Heute leben fast 34'000 Überläufer in Südkorea. Wie Helden werden sie nicht mehr empfangen. Aber der Staat kümmert sich. Wenn sie sichere Länder erreichen und die Polizei oder andere Mitmenschen ihre Ankunft bei der südkoreanischen Botschaft melden, kommt jemand, um sie abzuholen. Der Staat zahlt Flugtickets, Essen, drei Monate mit Integrationskurs in der Überläufer-Unterkunft Hanawon nahe dem Hangyeore-Internat sowie ein Begrüssungsgeld. Erst in diesem Jahr hat die liberale Regierung es von sieben Millionen Won (5800 Franken) auf acht Millionen Won (6600 Franken) angehoben.

Sozialwohnungen werden vermittelt. Und das Sozialamt wacht während einer «Schutzperiode» von fünf Jahren über jede Überläuferin, jeden Überläufer.

Yoo Hyuk kann sich nicht beschweren, er sieht vorerst vor allem die Chancen der freien Welt. Andere haben sie schon genutzt, Jobs gefunden, teilweise eigene Unternehmen aufgemacht. Einzelne sind prominent geworden wie die Boxerin Choi Hyun-mi, die unter ihrem Kampfnamen «Das Überläufer-Mädchen» Weltmeisterin wurde. Manche von ihnen engagieren sich sogar in Hilfsvereinen für andere Nordkoreaner, die schlechter zurechtkommen mit ihrer Freiheit. Trotzdem muss man keine Angst haben vor diesem Süden.

«Ich hasse sie»

Davon ist Yoo Hyuk überzeugt. Er hat von seinen Grosseltern in Nord-Hamgyong lange nichts mehr gehört. Und er vermisst seinen Vater, der an einer Leberkrankheit starb. «In Südkorea hätte man ihn heilen können», sagt Yoo Hyuk, trotzdem ging er damals nicht mit auf die Flucht. Die Mutter? «Ehrlich gesagt, hasse ich sie.» Für ihn ist sie an allem Schuld. Wäre sie nicht weggegangen, hätte er nicht ein Dieb werden müssen, um die Familie zu versorgen. Das Urteil fällt wie ein Stein. Er hält sich nicht lange damit auf.

Er ärgert sich darüber, dass er nicht früher an seinem nordkoreanischen Akzent gearbeitet hat. Der könnte stören beim Versuch, Schauspieler zu werden. Ein Luxusproblem. Das Wichtigste ist, dass er sich fallen lassen kann in die wohltuende Oberflächlichkeit des bunteren Koreas. «Ich muss mir keine Gedanken mehr darüber machen, ob ich morgen was zu essen habe.» Er mag die K-Pop-Band Big Bang, ihre farbige Art, einen koreanischen Traum vorzuspielen. Er sagt: «Ich bin ein echter Südkoreaner mit viel Ehrgeiz.» Yoo Hyok ist jetzt 20 Jahre alt. Und er will leben.

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