Die Wunde, die nie heilt

Vor 15 Jahren überfielen tschetschenische Extremisten eine Schule in Beslan. Eine ehemalige Geisel erzählt von dem dreitägigen Terror.

334 Menschen haben die Geiselnahme nicht überlebt: Eine Frau mit zwei Mädchen an einer Gedenkveranstaltung. Foto: Eduard Korniyenko (Reuters)

334 Menschen haben die Geiselnahme nicht überlebt: Eine Frau mit zwei Mädchen an einer Gedenkveranstaltung. Foto: Eduard Korniyenko (Reuters)

Am zweiten Tag der Geisel­nahme brachten die Terroristen einen Fernseher in die Turnhalle. Es liefen Berichte über den ­Anschlag auf die Schule im südrussischen Beslan, bei dem sie selber die Täter waren. Mehr als 1100 Kinder, Lehrer und Eltern hatten sie in die Halle gepfercht, nun zwangen sie sie, mit ihnen Nachrichten zu sehen.

Genau durchgezählt hatten die Geiselnehmer ihre Geiseln sicher nicht. Dennoch war klar: Sie hatten viel mehr Menschen in ihrer Gewalt, als der russische Staat damals zugab. «Im Fernsehen wurde gesagt, dass nur 350 Menschen im Saal sind», sagt Bela Gubijewa, die damals 13 Jahre alt war und mit ihrem jüngeren Bruder auf dem Hallenboden hockte. Die Terroristen wurden böse. «Habt ihr gehört», rief einer. «Nur 350 Menschen. Wir erschiessen jetzt die Hälfte.»

Rebellen aus Tschetschenien und Inguschetien hatten vor 15 Jahren die Schule Nr. 1 in der nordossetischen Kleinstadt Beslan überfallen. Es war der 1. September, der erste Schultag, viele Kinder waren daher mit ihren ­Eltern gekommen. Bela Gubijewa, die die siebte Klasse beginnen sollte, ging mit ihrem Bruder und den Nachbarskindern. Als sich alle für den feierlichen ­Beginn des Schuljahrs draussen versammelt hatten, fielen die ersten Schüsse. Die Terroristen forderten von Moskau, russische Truppen aus Tschetschenien abzuziehen und tschetschenische Rebellen freizulassen. 334 Menschen haben die Geiselnahme nicht überlebt, unter ihnen 186 Kinder.

Durst und Enge

Bela Gubijewa sitzt in einem Moskauer Café und spricht so ausführlich über diese drei Tage, dass man nur ahnen kann, wie viel Raum sie in ihrer Erinnerung einnehmen. Sie erzählt von dem Lehrer, den einer der Terroristen gleich zu Beginn erschoss, um für Ruhe zu sorgen. Sein Gesicht wurde schlagartig weiss, bevor er wie ein Sack zu Boden sank. Sie erzählt von der ersten Nacht, als sie sich wegen der Enge nicht hinlegen konnte, den Kopf des Bruders auf ihrem Schoss. Am zweiten Tag liessen die Geiselnehmer Mütter mit Babys gehen. Doch viele hatten ihre älteren Kinder zur Schule gebracht und wollten diese nicht allein lassen. Also drückten sie ihre Säuglinge anderen Frauen in den Arm, um sie in Sicherheit zu bringen.

Vor allem erinnert sich Gubijewa an den Durst. In der engen Halle gab es kein Wasser, es war stickig. Sollte ein Handy klingeln, drohten die Geiselnehmer 50 Geiseln zu erschiessen. Falls einer von ihnen angeschossen würde, auch 50. «Wir haben begriffen, was das heisst», sagt Gubijewa. «Aber was konnten wir tun?»

«Man sagt, dass man in solchen Momenten seine Familie vor Augen hat. Aber in mir war grenzenlose Leere.»Bela Gubijewa

Hinterbliebene warfen dem Staat später schwere Versäumnisse vor. 2017 gab der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte ihnen recht. Die Behörden hatten trotz Vorzeichen zu wenig unternommen, um einen Anschlag zu verhindern. Dann waren die Einsatzkräfte anscheinend unkoordiniert und so gewaltsam gegen die Terroristen vorgegangen, dass sie das Leben der Geiseln riskierten. Sie griffen mit Sturmgeschützen und Flammenwerfern an, während noch Geiseln in der Turnhalle sassen. Die Ermittlungen liessen eine Reihe von Fragen offen. Bei vielen Opfern wurde die Todesursache nie festgestellt. Ob das Dach einstürzte, weil die Terroristen es sprengten oder durch die Befreiung, ist eine der ungeklärten Fragen. Und wie hatten es die Geiselnehmer mit schweren Waffen über die Grenze geschafft?

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Bela Gubijewa erinnert sich, wie sie neben ihrer Freundin Madina vor der Turnhalle sass. Ein Terrorist kam und hielt seine Maschinenpistole an Madinas Stirn, dann an ihre, dann an Madinas, hin und her. «Man sagt, dass man in solchen Momenten seine Familie vor Augen hat», sagt Gubijewa. «Aber in mir war grenzenlose Leere.» Ein älterer Geiselnehmer gab den Mädchen ein Zeichen, sich woanders hinzusetzen. Sie habe später viel darüber nachgedacht, was diesen Männern wohl widerfahren sei. «Aber ich habe aufgehört, jemanden zu beschuldigen.»

Die Albträume bleiben

Am dritten Tag war sie so erschöpft, dass sie sich auf den einzigen freien Platz in der Halle legte: unter die Stühle, auf die die Terroristen ihre Bomben gebaut hatten. Dort durfte sie nicht bleiben, und kaum hatte sie sich woanders hingekauert, explodierte die Halle. Ihre Ohren wurden taub, vor ihren Augen war alles schwarz. Dann sah sie Schatten aus dem Fenster springen. Erst half sie ihrem Bruder nach draussen, dann sprang sie selbst mit nackten Füssen in die Scherben. Im Spital erkannte ihre eigene Mutter sie nicht, so dünn war sie, mit Dreck verschmiert, die langen Haare abgebrannt.

Heute reichen sie ihr bis zur Hüfte. Bela Gubijewa lebt seit zehn Jahren in Moskau, arbeitet als Chirurgin. Sie glaubt, sie hat es leichter als die, die in Beslan geblieben sind. Trotzdem hat sie manchmal noch Albträume, auch wenn sie seltener werden.

Die schmerzhafteste Frage ist wohl, ob die Einsatzkräfte die vielen Opfer hätten vermeiden können. «Ich kann das nicht beantworten», sagt sie. Dann erzählt sie von einem Soldaten, der sich in Beslan auf eine Granate stürzte, die ein Terrorist geworfen hatte. «Sie waren gekommen, um uns zu befreien», sagt sie, «wie kann ich sie verurteilen?»

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