Zum Hauptinhalt springen

Die russischen Fake-News

Vor 100 Jahren wurde in St. Petersburg der Winterpalast gestürmt. Doch das Symbol der Oktoberrevolution gab es so nie. Wie ein manipulativer Theatermann Geschichte schrieb.

«Der Sturm des Winterpalasts»: Eine Inszenierung am 7. November 1920 - die fiktive Vorlage für Eisensteins «Oktober».

Politik mit Fake-News ist keine Erfindung von Donald Trump. Sind es heute Facebook und Twitter, die den Nutzern Nähe und Unmittelbarkeit – und damit Authentizität – vorgaukeln, so waren vor 100 Jahren das Massenspektakel und der Film die neuen Medien. Lenins Bolschewiki haben sich damit 1920 eine Gründungslegende erfunden, die noch immer in den Köpfen steckt. Und in vielen Geschichtsbüchern steht.

Oktober, 1917. In einer eisigen Nacht ergreift Lenin die Macht über Russland, 3000 Rotgardisten stürmen den Winterpalast, in dem bis Februar 1917 der Zar residierte. So stellt Sergei Eisensteins Film «Oktober» von 1927 die Geburt der Sowjetunion dar, so steht es auch in der «Enzyklopädie der grossen sozialistischen Oktoberrevolution». Die Nacht des 7. November 1917 – nach dem alten Kalender des 25. Oktober – gilt als das dramatische Finale eines Volksaufstands. Fotos und schwarzweisse Filmdokumente scheinen diese Geschichte zu belegen: Panzerwagen donnern über den Schlossplatz von St. Petersburg, Rotgardisten rennen mit, die Bajonette auf ihre Gewehre aufgepflanzt. Sie klettern über das hohe Gittertor des Winterpalasts, ringen die verzweifelt kämpfenden Wachkompanien nieder und verhaften die Minister der bürgerlichen «provisorischen Regierung». Am nächsten Morgen hängt überall in der Stadt das Dekret Lenins «An die Bürger Russlands», mit dem er die provisorische Regierung für abgesetzt erklärt.

Übrig bleibt: Das Frauenbataillon

Die Geschichte hat nur einen Haken: Sie stimmt nicht. Der Winterpalast wurde 1917 nicht gestürmt. In jener eisigen Nacht kam es zu keinen militärischen Scharmützeln in Petrograd (wie die russische Hauptstadt seit Beginn des Ersten Weltkriegs hiess: Das klang weniger deutsch als Sankt Petersburg). Die Roten Garden hatten alle strategisch wichtigen Punkte der Stadt bereits zuvor kampflos besetzt. Der Winterpalast wurde nicht mehr verteidigt. Die Junker und Kosaken waren abgezogen, zurück blieb nur das Frauenbataillon. Alexander Kerenski, der Premier der provisorischen Regierung, die Russland seit Februar geführt hatte, war schon am Morgen in einem amerikanischen Diplomatenauto geflohen.

Eine weitere Szene aus dem Monumentalwerk «Oktober» von 1927.
Eine weitere Szene aus dem Monumentalwerk «Oktober» von 1927.
Filmarchiv Austria
1 / 1

Der Sturm des Winterpalasts sind Fake-News, eine historische Fiktion. Die Tageszeitung «Petro­gradskaja Prawda» erwähnt ihn in ihren Artikeln zum dritten Jahrestag am 7. November 1920 nicht. Ihre Leitartikler nennen die Oktoberereignisse auch nicht Revolution, sondern Putsch. Im Buch «Zehn Tage, die die Welt erschütterten» des amerikanischen Reporters John Reed, der in jenen Wochen aus Petrograd berichtete, kommt der angebliche Höhepunkt der Oktoberrevolution auch nicht vor. Reed, der den dritten Jahrestag und auch die Fake-News-Version nicht mehr erlebte – er starb kurz zuvor in Moskau an Typhus –, berichtete vielmehr, an jenem Abend seien die Menschen auf dem Newski Prospekt, der Prachtsstrasse Petersburgs, an den beleuchteten Schaufenstern vorbeiflaniert. Die Kinos waren offen, die Theater auch.

Auch am nächsten Morgen «fuhren die Strassenbahnen auf dem Newski normal . . . Die Läden waren offen, die Menschenmenge auf der Strasse schien noch weniger beunruhigt als die Tage zuvor», so Reed, der in der Nacht zwar einige Schüsse gehört hatte, aber das war in jenem Herbst nicht ungewöhnlich. Er notierte auch, es sei zu Plünderungen gekommen. Nach Kerenskis Flucht war spät in jener Nacht der Mob in den Palast eingedrungen. Er plünderte den Weinkeller und stahl das Silberbesteck. Aus diesem Raubzug von Fledderern hat die Sowjetpropaganda ihren Gründungsmythos konstruiert. Und ihn zum Sturm auf die Bastille des Kommunismus stilisiert.

Die Foto- und Filmdokumente, die die Legende vom Sturm belegen sollen, stammen einerseits aus «Oktober», Sergei Eisensteins Meisterwerk, das er zum zehnten Jahrestag der Machtergreifung Lenins drehte, andererseits von einem gigantischen Gesamtkunstwerk, wie es sich Richard Wagner kaum hätte erträumen können. Im Vorspann von «Oktober» heisst es, der Film stelle die historischen Ereignisse so wahrheitsgetreu wie möglich nach. Tatsächlich zeichnet Eisenstein die acht Monate von der Februarrevolution 1917 bis zum «grossen Oktober» chronologisch nach. Erfunden ist nur das furiose Finale, der eigentliche Sturm.

Sergei Eisensteins Film verhöhnt die dösende oder streitende provisorische Regierung genüsslich. Er zeigt, wie die stolzen Kosaken sich ergeben, statt den Winterpalast zu verteidigen. Trotz Kanonenschüssen gelingt es den Roten, die Palastwachen im Kampf Mann gegen Mann zu überwältigen. Sie stürmen den Palast, im Weinkeller kommt es zu Schiessereien. Schliesslich dringen sie in die Gemächer der verhassten deutschstämmigen Zarin Alexandra ein.

Das alles ist erfunden. Doch Eisenstein stützte sich dafür auf eine angeblich historische Vorlage, sein Vorspann ist nur teilweise fake – und damit umso verwirrender. Er stützt sich nur nicht auf die Ereignisse von 1917, sondern auf den «Sturm des Winterpalasts» vom 7. November 1920. Der war kein Staatsstreich, sondern Theater.

Ein Spektakel für 100'000 Zuschauer

Zum dritten Jahrestag von Lenins Machtergreifung veranstalteten die Bolschewiki ein Massenspektakel mit gegen 10'000 Mitwirkenden und einem 500-köpfigen Orchester, das als Reinszenierung des Sturms auf den Winterpalast angekündigt worden war. 100'000 Zuschauer waren gekommen, das Spektakel begann um zehn Uhr abends und dauerte etwa sechs Stunden. Am Vorabend hatte die «Petrogradskaja» umfangreiche Truppenbewegungen angekündigt, es werde auch geschossen und bis zum bitteren Ende gekämpft werden. Das sei aber kein Grund zur Beunruhigung, es sei alles getan, um Recht und Ordnung aufrechtzuerhalten. Ambulanzen und Feuerwehr stünden bereit. Die geplanten Kämpfe seien bloss theatralische Massnahmen, versicherte das Blatt seinen Lesern.

Der gelernte Jurist hatte keine Skrupel, die Geschichte zu fälschen.

Diese Entwarnung war nötig. Petrograd versank 1920 in Hunger und Chaos, vor den Toren der Stadt tobte der Bürgerkrieg. Die Menschen froren, anders als 1917 fuhren die Strassenbahnen fast nie. Die Roten Garden verhafteten massenweise Leute, man hörte jede Nacht Erschiessungen. Indes waren jene Jahre auch eine hohe Zeit des Theaters. In der Stadt spielten mehrere Tausend Gruppen: nicht nur auf Bühnen, sondern auch in Künstlerkommunen und Gerichtssälen. Letztere nannte man «Agitsudi», Agitationsgerichte. Sie führten Schauprozesse durch, in denen die Angeklagten, bürgerliche Generäle zum Beispiel, von Schauspielern dargestellt und dann verurteilt wurden. Das war Theater, die Massenverhaftungen und Erschiessungen dagegen real. Den Menschen, von denen eine Mehrheit nicht lesen konnte, verschwamm die Grenze zwischen Fiktion und Realität.«Wir haben keine Heizung, nichts zu essen, kein Licht, aber Theater», schrieb der Essayist Wiktor Schklowski.

Mit Theater jedoch könne man keine neue Gesellschaft errichten. Seit der Jahrhundertwende hatte das Wagner-Fieber die russische Intelligenz erfasst, besonders die führenden Köpfe der Bolschewiki. Sein Konzept eines Gesamtkunstwerks, mit dem er die Künste vereinigen wollte, und Technik, Marschieren und Feuerwerk gleich mit, galt als Theater der Zukunft. Damit erreiche man die Massen. Nicht nur in Russland und Bayreuth, auch anderswo in Westeuropa und in den USA waren solche Spektakel damals ein beliebtes Medium, besonders für die politische und die nationalistische Agitation. Sie boten bombastische Unterhaltung und Information zugleich. Oder Desinformation. Bevor es Kino, Radio und Fernsehen gab, bildeten sie ein effizientes Instrument für Propaganda – gerade auch für Fake-News.

Die Rekonstruktion im Theater

1920 sah Petrograd eine Reihe solcher Megashows, am 1. Mai etwa zur Befreiung der Arbeit. Der «Sturm des Winterpalasts» übertraf jedoch alles. Für ihr grösstes und letztes Massenspektakel engagierten die Bolschewiki Nikolai Jewreinow, der seit seiner Kindheit als Theatergenie galt. Der Sohn eines Russen und einer Französin hatte sich mit Theatertheorien und Inszenierungen einen Namen gemacht. Politik interessierte ihn nicht, nach dem Umsturz 1917 hatte er sich nach Georgien abgesetzt. Im Sommer 1920 war er nach Moskau gereist, weil man ihm angeboten hatte, er könne Wagners Ring inszenieren. Dazu kam es nicht, die Bolschewiki hatten Grösseres mit ihm vor. Als Regiekommandant sollte er Lenins Putsch theatralisch rekonstruieren.

Der gelernte Jurist, der über die Geschichte der Todesstrafe in Russland promoviert hatte und selbst in Hinrichtungen ein Schauspiel sah, sagte von sich, er bleibe ein Leben lang Harlekin und werde als Harlekin sterben. In jener Oktobernacht 1917 hatte er in einem Petrograder Theater Klavier gespielt, er wusste also, dass der Winterpalast nicht gestürmt worden war. Aber er hatte offenbar keine Skrupel, die Geschichte zu fälschen. Ihn interessierten nur das Medium und seine Kraft. Sein Credo war: Jede Minute ist Theater. Zusammen mit seinem Team machte er die Rekonstruktion des Putsches von 1917 zum Sturm des Winterpalasts. Aufgeführt wurde das Spektakel am angeblichen Originalschauplatz, dem Schlossplatz vor dem Winterpalast. Dafür baute man links und rechts der Alexandersäule in der Mitte des Platzes zwei erhöhte Bühnen, eine für die «Weissen», die zweite für die «Roten», verbunden mit einer Brücke. Davor wurden zwei Sektoren für das Publikum abgesperrt. Man könne nicht kommen und gehen, hiess es in der Ankündigung der «Petrogradskaja». Wer an jenem nasskalten 7. November 1920 gekommen war, musste also bis zum Schluss bleiben.

«Lenin, Lenin» in Crescendo

Es liegt Matsch auf der Strasse. Erst abends lässt der Schneeregen nach. Zum Auftakt des Spektakels nachts um zehn Uhr fällt ein Böllerschuss, der Platz versinkt im Dunkeln. Das Orchester spielt «Robespierre» des Komponisten Henry Litolff, damit ist der Bogen zur Französischen Revolution geschlagen. 150 Scheinwerfer springen an, sie erleuchten nur die weisse Bühne. Dort hält ein Schauspieler als Kerenski mit den Armen fuchtelnd eine Rede. Hinter ihm zanken sich seine Minister, Beamte und fette Spekulanten wuchten prallvolle Geldsäcke herum. Gelackte Offiziere stelzen Gräfinnen nach. Mit dieser theatralischen Karikatur zieht Jewreinow Petrograds Oberschicht ins Lächerliche. Dabei achtet er sorgsam darauf, dass wichtige Details präzise treffen, besonders Kerenskis Mimik.

«Je mehr wir uns der Wirklichkeit nähern, umso eher entdeckt das Publikum mikroskopische Differenzen.»

Nikolai Jewreinow

Die rote Bühne liegt noch im Dunkeln, sie erhellt sich nur langsam. Maschinen rattern, Fabrikschlote rauchen, die ausgebeuteten Massen ächzen unter der Last ihrer Arbeit. Ganz leise erklingt die «Internationale», als wäre sie immer schon da gewesen; allmählich wird sie lauter. Dazu skandieren die Massen im Crescendo «Lenin, Lenin». Das Volk beginnt sich zu organisieren. Schliesslich lehnt es sich gegen die Weissen auf. Auf der Verbindungsbrücke der beiden Bühnen kommt es zu Kämpfen, die Truppen der Weissen schlagen die Buckligen, Unterdrückten und Kriegsversehrten zurück. Wie im Juli 1917 tatsächlich. Jewreinow verhöhnte die Weissen, die Roten heroisierte er. Dieses Überzeichnen der zwei Seiten war sicherlich keine Reinszenierung. Als Regiekommandant machte er keinerlei Versuche, die Ereignisse naturalistisch darzustellen. Davon hielt er nichts: «Je mehr wir uns der Wirklichkeit nähern, umso eher entdeckt das Publikum mikroskopische Differenzen», schrieb er schon 1912. Theater sei immer Täuschung. Aber das Publikum nehme dem Theater jede Täuschung ab, wenn sie gut gemacht sei. Es wolle geradezu getäuscht werden, meinte er. Die Illusion des Theaters funktioniere, wenn Schauspieler und Zuschauer die Situation akzeptierten.

Dagegen arbeitete Jewreinow mit den damals im Theater noch unbekannten Mitteln des Films. Er wechselte die Szenen abrupt, indem er – wie beim Filmschnitt – ein Bild im Dunkeln verschwinden liess und die Aufmerksamkeit mit der Beleuchtung auf das nächste lenkte. Alles, was nicht gesehen werden sollte, blieb im Dunkeln. Das erzeugte Kontinuität und Unmittelbarkeit, also ein intensiveres Theatererlebnis. Wie Feldherren in einer Schlacht hätten er und seine Mitregisseure von einer erhöhten Plattform mit Feldtelefonen und Signallampen das Spektakel dirigiert, schrieb die Zeitung «Petro­gradskaja». Jewreinow hielt sich für den Entdecker des «Theatertriebs». So nannte er den Wunsch des Menschen, jemand anderes darzustellen. Wie der Sexual- oder der Überlebenstrieb, die ebenfalls in jener Zeit entdeckt wurden, sei Theater ein Urbedürfnis des Menschen. Er behauptete weiter, wenn ein Mensch ein Ereignis ein zweites Mal erlebe und es das zweite Mal schöner, grösser, bewegender sei, dann korrigiere sich das Gedächtnis. Das stärkere Erlebnis lege sich über die Erinnerung an das Original. Das nannte er «Theatertherapie» oder «autobiografische Rekonstruktion». Damit er mit seinem Spektakel möglichst viele Gedächtnisse manipulieren konnte, stellte die Armee ihm 8000 Rotgardisten als Statisten ab – unter ihnen viele, die 1917 in Petrograd Dienst getan hatten.

Die Linie vom Zaren zu Lenin

Schlusssequenz im Theaterstück: Die Volksmassen auf der Verbindungsbrücke sind stark genug, um die Weissen zurückdrängen zu können. Kerenski klettert von der Bühne, er steigt in ein Auto mit US-Standarte und braust davon. Das ist der Schlüsselmoment der theatralischen Rekonstruktion. Mit dem Abstieg des Kerenski-Darstellers von der Bühne auf den realen Schlossplatz springt das Theater in die Wirklichkeit. Rote Garden stürmen herbei – nun keine Schauspieler, sondern Soldaten – und greifen den Winterpalast an. Über dessen plötzlich hell erleuchtete Fenster sieht man die Schatten verzweifelter Minister huschen. Die Roten erobern den Palast und verhaften sie. Das 500-köpfige Orchester spielt die «Internationale», die Revolution hat gesiegt. Das Spektakel, inzwischen ist es weit nach Mitternacht, geht in ein Feuerwerk über. Und schliesst mit einer Militärparade.

Jewreinows Genie hat den Bolschewiki eine Gründungslegende geschaffen. Mit der Wahl des Schlossplatzes zum Schauplatz, dem Machtzentrum des Zarenreichs, das während der Tage im Oktober 1917 kaum eine Rolle gespielt hatte, eroberte der Regiekommandant ihnen auch diesen mythischen Ort der russischen Politik. Er schuf eine Kontinuität vom Zaren zu Lenin. Nicht die Dokumente von 1917, sondern Jewreinows Inszenierung diente Eisenstein als Vorlage.

Vor einigen Jahren ist in Russland sogar ein kurzes Filmchen von Jewreinows Spektakel aufgetaucht. Es zeigt: So wie die Roten bei Eisenstein über den Schlossplatz stürmen, taten sie das schon bei Jewreinow. Die Bilder sind fast austauschbar. Manche Fotos in den Geschichtsbüchern stammen aus Eisensteins «Oktober», andere vom Spektakel 1920. Letztere wurden bei Tageslicht aufgenommen, während der Proben. Der Himmel über dem Winterpalast ist hell.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch