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Die Pannen-Flotte der US-Marine

Vier Havarien in diesem Jahr: Die Kriegsschiffe der USA im Pazifik werfen Fragen auf. Spielten Cyberangriffe eine Rolle bei den Unfällen? Antworten auf fünf Fragen.

Kollision mit zehn Toten: Der Zerstörer «John S. McCain» mit dem Loch auf der linken Seite.
Kollision mit zehn Toten: Der Zerstörer «John S. McCain» mit dem Loch auf der linken Seite.
Keystone

Am 31. Januar 2017 lief der Lenkwaffenkreuzer «Antietam» nahe der japanischen Marinebasis Yokosuka auf Grund. Am 5. Mai kollidierte der Lenkwaffenkreuzer «Lake Champlain» mit einem südkoreanischen Fischerboot. Am 17. Juni stiess der Zerstörer «Fitzgerald» vor Japan mit einem Containerschiff zusammen. Und am 21. August kollidierte der Zerstörer «John S. McCain» vor der Küste Malaysias mit einem Öltanker. Gravierend waren vor allem die beiden letzten Havarien. Bei den Unfällen von «USS Fitzgerald» und «USS McCain» kamen 17 US-Soldaten ums Leben. Die Sachschäden belaufen sich auf mehrere Hundert Millionen Dollar. Die in den letzten 20 Jahren reduzierte Flotte der US-Marine ist weiter geschwächt worden. In den USA rätseln Sicherheitspolitiker und Militärexperten über die Häufung von Havarien.

Die Pannenschiffe der US-Navy: «USS Antietam» (oben links) und «USS Lake Champlain» (oben rechts) sowie «USS Fitzgerald» (unten links) und «USS John S. McCain» (unten rechts). Foto: Keystone
Die Pannenschiffe der US-Navy: «USS Antietam» (oben links) und «USS Lake Champlain» (oben rechts) sowie «USS Fitzgerald» (unten links) und «USS John S. McCain» (unten rechts). Foto: Keystone

Was sind die Gründe für die Unfälle der US-Kriegsschiffe im Westpazifik?

«Jeder der vier Unfälle ist ein Einzelfall, sie können aber nicht isoliert voneinander betrachtet werden», erklärte der Kommandant der US-Pazifikflotte, Admiral Scott Swift. Die US-Navy will nun den Zustand aller in Japan stationierten Schiffe neu beurteilen. Die Überlastung von Schiffen und Seeleuten sowie ausgebliebene Unterhaltsarbeiten und ungenügende Trainings der Schiffsmannschaften könnten bei allen vier Unfällen eine Rolle gespielt haben, schreibt die Nachrichtenagentur Bloomberg. Die Unfälle von «USS McCain» und «USS Fitzgerald» passierten in der Nacht und auf stark befahrenen Routen. Menschliches Versagen könnte eine Rolle gespielt haben – und zwar bei allen in die Kollisionen verwickelten Kriegsschiffen und Frachtern.

TV-Bericht über den Unfall des Zerstörers «USS McCain». Video: Youtube/NBC

«Wir verlangen viel von unserer Navy», sagte Mac Thornberry, Vorsitzender im Streitkräfteausschuss des US-Repräsentantenhauses, in einem Gespräch mit CNN. «Unsere Leute verbringen immer mehr Zeit auf den Meeren, während die Schiffe altern und die Ressourcen schwinden.» Unter solch erschwerten Umständen steige die Wahrscheinlichkeit von Unfällen, erklärte Thornberry. Seit 2011 ist das Budget für die US-Marine laufend gekürzt worden – mit negativen Konsequenzen für die Ausbildung der Schiffscrews und die Unterhaltsarbeiten an den Schiffen. Nach der Kollision «USS McCain» sprachen Experten von möglichen Fehlern im Steuerungsmechanismus des Schiffes. Nicht ausgeschlossen ist aber auch ein Mitverschulden des Öltankers. Fehlverhalten des anderen Schiffes könnte auch bei der «USS Fitzgerald» eine Rolle gespielt haben.

Nach dem Unfall der «USS McCain» kursierte das Gerücht von Cyberangriffen gegen US-Kriegsschiffe. Gibt es Anhaltspunkte für eine solche These?

Laut Experten ist dies sehr unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. Der Chef des Cybersicherheitsunternehmens Votiro, Itar Glick, sagt, er halte es für möglich, dass die GPS-Steuerungen der Kriegsschiffe sabotiert worden seien. Wenn solche Attacken von einem Staat unterstützt würden, gebe es hinreichende Ressourcen. Glick verweist darauf, dass bei einer GPS-Störung im Schwarzen Meer im Juni die Steuerung von rund 20 Schiffen ausgefallen sei. Zachary Fryer-Biggs, Experte des weltweit operierenden Analyse-Unternehmens IHS Markit, entgegnet, dass selbst bei einer GPS-Störung Kontrollmechanismen greifen müssten, die eine Kollision ausschliessen.

Im Fall der «USS McCain» gibt es keine Anhaltspunkte für einen Cyberangriff, wie Admiral Richardson, Chef der US-Marineoperationen, auf Twitter bekannt gab. Aber: «Wir gehen allen Eventualitäten nach. Das haben wir schon im Fall der ‹Fitzgerald› gemacht.»

Gibt es Erkenntnisse zur Kollision der «USS Fitzgerald» mit einem philippinischen Frachter im vergangenen Juni?

Gemäss Medienberichten ist nicht auszuschliessen, dass dem Zusammenstoss der Ausfall wichtiger Bordsysteme bei einem der Schiffe vorausgegangen sein könnte. Tom Dyer, Marine-Experte und Veteran der US-Navy, sagte dem US-Magazin «Wired», dass die Ursache bei einer der Schiffscrews zu suchen sei. «In der Regel ist es ein menschlicher Fehler.» Die Lage auf hoher See sei oft sehr unübersichtlich. Weil es – anders als beim Flugverkehr – keine externe Leitstelle gebe, könne es wieder zu Missverständnissen kommen. Zudem sei es nicht einfach, grosse Schiffe zu steuern. «Man kann nicht mehr schnell reagieren», so Dyer, «wenn jemand einen Fehler gemacht hat.» Im Fokus der Untersuchung der «USS Fitzgerald»-Havarie steht die Frage, weshalb das philippinische Containerschiff vor der Kollision den Kurs abrupt geändert hatte.

Welche Konsequenzen zieht die US-Marine aus der Unfallserie im Pazifik?

Admiral Richardson hat angeordnet, dass mit den Schiffsbesatzungen Besprechungen über die Arbeitsweisen auf den Kriegsschiffen anberaumt werden müssten, um Fehlerquellen ausfindig zu machen. Richardson betonte, die interne Kontrolle solle besonders darauf achten, «wie wir unsere Arbeit auf der Kommandobrücke erledigen». Die Unfallserie hatte auch Konsequenzen für den Kommandeur der siebten Flotte: Vize-Admiral Joseph Aucoin wurde von seinen Aufgaben entbunden, weil «das Vertrauen in seine Kommandofähigkeit verloren gegangen» sei.

Die Pannenschiffe «Antietam», «USS Fitzgerald» und «USS McCain» gehören der siebten Flotte der US-Marine an. Welche Bedeutung hat diese Flotte?

Sie ist das Herzstück der amerikanischen Militärpräsenz in Asien, das Hauptquartier befindet sich in Japan. Die 1943 aufgestellte Flotte hat sowohl einen hohen politischen wie auch militärischen Wert. Unterwegs sind die Kriegsschiffe der siebten Flotte in der westlichen Hälfte des Pazifischen Ozeans sowie in grossen Teilen des Indischen Ozeans. Von herausragender Bedeutung ist derzeit die Flottenpräsenz vor der koreanischen Halbinsel. Angesichts der Spannungen mit dem Regime von Nordkorea hat die siebte Flotte sechs Schiffe in der Region. Im Weiteren will die US-Marine im Südchinesischen Meer Präsenz zeigen – als Zeichen gegen die zunehmenden Gebietsansprüche Chinas. Der verunglückte Zerstörer «John S. McCain» war vor der Kollision nur wenige Seemeilen an den Spratly-Inseln vorbeigefahren. Diese Inselgruppe wird von China beansprucht. Für die siebte Flotte der US-Navy sind 50 bis 60 Schiffe im Einsatz.

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